Mir war Mimi Fiedler kein Begriff, als ich dieses Buch zur Hand nahm. Dass sie aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt, und als Schauspielerin bekannt wurde, wusste ich nicht. Mein Interesse angestachelt hatte der Untertitel "Mein Leben im Rauch", wovon allerdings erst nach gut 100 Seiten die Rede ist, dann jedoch sehr ausführlich.
Der erste Teil von Trinkerbelle handelt von der Familie der Autorin bzw. ihrem Aufwachsen. Dabei stach für mich eine Geschichte hervor, die so unwahrscheinlich ist, dass sie so recht eigentlich schon ganz für sich allein die Lektüre lohnt. Hier nur soviel: Ihr überaus pünktlicher Vater verpasst einen Flug, der in der Folge abstürzt ... Doch das ist nur gerade der Anfang ... Selber Lesen!
Mimi trinkt anders als Normalos, am liebsten allein, und immer zuviel. Normale Trinker haben irgendwann genug. Mimi nicht. Sie hört nicht auf. Sie trinkt weiter, auch wenn sie bereits mehr als genug hat. Objektiv gesehen genug hat. Sie sieht es subjektiv. Für sie bedeutet Alkohol: Es ist nie genug.
Sie versteckt ihr Trinken, dabei hilft, dass Alkohol in ihren Zwanzigern einfach dazu gehörte. Von anderen darauf angesprochen wird sie nicht. Kein Wunder, denn Nicht-Alkoholiker verstehen vom Saufen in der Regel nichts, und die, die saufen, sind mit dem eigenen Saufen beschäftigt. Wie Mimi ihren damaligen Lebensgefährten zu täuschen vermag (auch eine dieser Geschichten, die man sich wirklich nicht ausdenken kann), ist eine Meisterleistung und echt filmreif!
"Er weiss nicht mal dass ich trinke, niemand weiss das, jedenfalls nicht in aller Wucht und Dimension", schreibt sie über den Vater ihrer Tochter. Dass die anderen vom eigenen Trinken nichts mitkriegen, ist ein Aberglaube, dem so ziemlich alle Alkoholiker huldigen. Als sie zu einem Entzug in einer Klinik weilt, und der Arzt sie zu ihrem Trinkverhalten befragt, redet sie dieses schön. "Die Darstellung der ganzen Wahrheit übernimmt dafür meine Mutter. Zu meinem Erstaunen kennt sie selbst die kleinsten Details."
Zu den weiteren Charakteristika der Trinker gehört, dass sie sich nicht helfen lassen wollen/können. Als Mimi bei einem Essen mit einem Mann, mit dem sie sich nüchtern bestens versteht, sich total zuschüttet und entsprechend benimmt, stellt dieser sie zur Rede und bietet an, zu helfen. Sie flüchtet. Natürlich ist das nicht zu verstehen, auch für sie nicht. Dazu kommt: Verstehen hilft wenig (an Einsichten fehlt es ihr nicht), allein entscheidend ist, zu handeln.
Die Auswegslosigkeit, die sie empfindet, ist überaus eindrücklich geschildert. Während des Klinikaufenthalts besucht sie im Keller der Klinik auch Treffen der Anonymen Alkoholiker, wo sie unter anderem lernt, dass sie "nicht die einzige Lügnerin, nicht die einzige Betrügerin, nicht die einzige Versagerin, nicht die Einzige (ist), die es nicht schafft, nur bei einem Glas zu bleiben. Und vor allem bin ich nicht die Einzige, die eine ganze Armada von Verletzungen und Traumata im Gepäck hat. Ich bin eine von vielen, Ich bin nicht allein."
Sollte das zum Schluss führen, es brauche einen Grund, um zu trinken ... Nein, braucht es nicht. Wir wissen schlicht nicht, weshalb einige Alkoholiker werden und andere nicht. Die Gründe, die einen zum Saufen bewegen, können ebensogut die Gründe sein, um mit dem Saufen aufzuhören.
Die Ärztin auf der Notfallstation sieht das anders, auch Mimi sieht das anders. Sie wurde als Kind missbraucht und will jetzt ihren Peiniger konfrontieren, wird aber von dessen Frau abgewimmelt. Was sie sich von einer solchen Konfrontation versprochen hat, entzieht sich mir. Die einzige Konfrontation, die sie meines Erachtens braucht, ist die mit ihrer Sucht.
Alkoholismus ist eine Sucht, in die sich die flüchten, die nicht fühlen wollen, was sie fühlen. Alkohol ist Medizin, allerdings die falsche. "Dann ist die falsche Medizin wie ein böser Zaubertrank, oder?", fragt die Tochter. "Es ist der Klassiker (....)", so der Arzt in der Klinik. "Nichts Ungewöhnliches. Ein gescheiterter Selbsttherapieversuch mit Alkohol."
Lässt man das einmal wirklich einsinken (Selbsttherapie), versteht man auch, dass der Alkoholiker (Frau oder Mann), dem Gefühl, etwas stimme nicht (mit ihm, mit der Welt), etwas glaubt, entgegensetzen zu müssen. Und mit Alkohol (aber auch mit anderen Drogen) kann das für eine gewisse Zeit durchaus gelingen. Bis man schliesslich eine unsichtbare Linie überschreitet, und der Alkohol zum (oft tödlichen) Feind wird, gegen den man chancenlos ist.
Der Klinikaufenthalt und die Treffen der AA machen ihr klar, "wie sehr ich mich nach Klarheit sehne." Nur will die Krankenkasse nicht weiter zahlen, da sie keine Medikamente (Xanax oder Valium) nehmen will (aus der bestens nachvollziehbaren Angst, süchtig danach zu werden), also so krank gar nicht sein kann. Eine verquere Logik, von angeblich Gesunden ersonnen. Sie verlässt die Klinik, zwei Tage später trinkt sie bereits wieder. Sie will zwar nach wie vor aufhören, weiss aber einfach nicht wie.
Eine AA-Freundin, über zwanzig Jahre trocken, hatte einen Rückfall und stirbt. Erschüttert beschliesst Mimi, die Abstinenz jetzt wirklich ernst zu nehmen – und scheitert. Ihr Niedergang gestaltet sich dramatisch (und müsste wirklich jeder und jedem klar machen, dass sie schwerstens alkoholkrank ist). Sie lernt Otto kennen, gesteht ihm (nein, nicht sofort), Alkoholikerin zu sein. Kurz darauf haben sie geheiratet.
Fazit: Man leidet mir ihr, verzweifelt an ihr, und freut sich mit ihr, dass sie nicht aufgegeben und es doch noch geschafft hat, auf das zu hören, was sie sich zu sagen hatte.
Mimi Fiedler
Trinkerbelle
Mein Leben im Rausch
Knaur, München 2026

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