Seiltanz rechnet man gemeinhin nicht zur Kunst. Die gehört in den Zirkus, ist also Show, und damit der ernsthaften Kunst nicht würdig. Zugegeben, mich beschäftigt das wenig, doch Paul Auster greift in seinem Vorwort solche Fragen auf, allerdings nur, um zu befinden: "... der Reiz der Aktion besteht letzten Endes in ihrer völligen Sinnlosigkeit." Davon angetan, ja fasziniert zu sein, erscheint mir so recht eigentlich als das höchste der Gefühle überhaupt, nicht zuletzt, da es die quälende Sinnsuche durch Ästhetik ersetzt. Diese Ästhetik wiederum braucht die erlebte Gefahr, damit sie uns erreichen kann. Anders gesagt: Philippe Petit demonstriert und macht nachvollziehbar, dass das Leben zugleich ein ästhetischer Genuss und eine Gratwanderung ist.
So hat Paul Auster die Essenz des Tuns von Philippe Petit beschrieben: "Mir scheint, dass jeder, der jemals versucht hat, etwas gut zu machen, jeder, der jemals für die Kust oder für eine Idee persönliche Opfer gebracht hat, mühelos verstehen wird, worum es hier geht."
Dass sich ein Hochseilartist intensiv mit der Beschaffenheit des Drahtseils auseinandersetzt, ist zwar naheliegend, wäre mir selber allerdings nie in den Sinn gekommen. Und so lernt man in diesem dünnen Band auch etwas über das Seil. Und über Gangarten. "Der Rückwärtsgang ist keine übliche Gangart. Es sei denn, sie ist für euch besonders angenehm." Woraus auch zu schliessen wäre, dass das Zurückschauen bzw. das Sich-Beschäftigen-mit-der-Vergangenheit dem Leben so recht eigentlich entgegen steht.
Bei der Meditation geht es darum, die wildgewordenen Affen in unserem Hirn zu beruhigen. Die Erforschung des Stillstands, nennt Philippe Petiti das. Dabei folgt man dem Atem, "bis er am Ende des Seils auf dieselbe Weise entweicht, wie er gekommen ist." Ein zerbrechliches Gleichgewicht stellt sich ein. "Solange kein Gedanke dieses Wunder trübt, wird es immer fortbestehen."
Er berichtet vom Üben, von den Proben, dem Auftritt, dem Wind. "Nichts und niemand ist stärker als der Wind. Auch kein mutiger Vogel."
Auf dem Hochseil ist ein Werk über eine Lebenshaltung, die sich an der selbst gestellten Aufgabe, der Überquerung auf dem Seil, orientiert. Philippe Petit tut, was er tut, und nichts als das, ohne Wenn und Aber. "Jedem Gedanken auf dem Seil folgt ein Sturz."
Ich fühlte mich an den Zen-Buddhismus erinnert. Als ein Zen-Meister gefragt wurde, was er tue, um zur Erleuchtung zu gelangen, erwiderte er: Wenn ich esse, dann esse ich; wenn ich schlafe, dann schlafe ich; wenn ich gehe, dann gehe ich. Das tut doch jeder, meinte daraufhin der Fragesteller. Nein, antwortete der Zen-Meister. Die meisten denken bereits ans nächste Essen, wenn sie essen; träumen, wenn sie schlafen; unterhalten sich mit einem Freund, während des Gehens.
Erforderlich für ein gelingendes Überquren ist Perfektion. Dazu gehört, der auf den Horizont gerichtete Blick. Und ebenso, dass der Hochseilartist sich wohl fühlt, wo er ist.
"Nach langen Stunden des Trainings kommt der Augenblick, in dem es keine Schwierigkeiten mehr gibt."
Und was ist mit der Angst, verspürt der Mann denn keine Angst? Er sei ohne jede Angst, behauptet er. Das mag zwar schwer vorstellbar sein, doch dass jemand voller Angst sich zu einer Seilüberquerung anschickt, scheint irgendwie noch schwerer vorstellbar.
Fazit: Aussergewöhnlich und inspirierend.
Philippe Petit
Auf dem Hochseil
Die Kunst der Hingabe
Unionsverlag, Zürich 2026

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