Seit ich mich vor nunmehr 25 Jahren einer Hirnoperation (der rechte Facialis-Nerv war beschädigt) unterzogen habe, hat mein Interesse an Hirnforschung nicht mehr nachgelassen. Als sich etwa drei Monate nach dem Eingriff zeigte, dass dieser offenbar doch nicht so optimal gewesen war, wie der operierende Professor zunächst angenommen hatte, erklärte mir dieser, er selber habe das zwar noch nie erlebt, doch wisse er aus der Literatur, dass sich der behandelte Nerv manchmal nach vier Jahren erholt habe. Und genau das trat auch bei mir ein, allerdings nach sechs Jahren.
Was hier geschehen ist, nennt sich Neuroplastizität und meint die Fähigkeit der Gehirns, sich selber zu reparieren. Das bedeutet jedoch nicht, so der Neuropsychologe Jens Foell, dass unser Denkorgan jede Verletzung so ausgleichen kann, dass der ursprüngliche Zustand einfach wieder hergestellt wird, doch sind die Selbstheilungskräfte erstaunlich.
Wie wir unser komplexestes Organ besser verstehen und benutzen, verspricht dieses Werk. Und das ist nicht zuviel versprochen, auch weil der Autor seinen Erläuterungen jeweils ein Kapitel, das mit "Was bedeutet das für Sie?" überschrieben ist, folgen lässt, worin er nüchtern und sachlich ausführt, dass wir uns von Tatsachen und nicht von unseren Wunschvorstellungen leiten lassen sollten. Und so bedindet er: "Es lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen, dass Sport beim Denken hilft." Was jedoch nicht heisst, dass Sie keinen Sport treiben sollten!
Das Hirn weiss sich zu schützen, so lerne ich. Es tut dies unter anderem mittels einer Blut-Hirn-Schranke, die aus Zellen besteht, "die in den Gefässen sitzen, die vom Blutkreislauf zum Gehirn führen." Bedeutsam ist dies etwa für die Entwicklung medikamentöser Therapien, da nur kleine, fettlösliche Stoffe durchgelassen werden. "Aber wissen Sie, was ein kleines, fettlösliches Molekül ist? Alkohol zum Beispiel. Ebenso Nikotin und Heroin." Sofern Sie die Plastizität Ihres Gehirns nicht beeinträchtigen wollen, sollten Sie sich von diesen Stoffen fernhalten.
Wie ruht sich das Hirn eigentlich aus? Grundsätzlich: Regelmässigkeit tut gut. Zwischen sieben und neun Stunden Schlaf, lautet die Empfehlung der Wissenschaft. Nein, auch der Wissenschaftler Jens Foell hält sich nicht daran, zitiert jedoch einen absurd-witzigen Kommentar von Arnold Schwarzenegger, der berühmt geworden ist, weil er Gewichte vom Boden hochhob, sie dann wieder hinlegte, und sich anschliessend im Spiegel bewunderte.
Mein Gehirn, das Denken & Ich ist ein enorm vielseitiges Buch, das sich unter anderem (kritisch natürlich! Nichts, das Wissenschaftler mehr motivieren könnte, als sogenannte Ikonen zu stürzen) mit Daniel Kahnemans Klassiker 'Schnelles Denken, langsames Denken' auseinandersetzt. Das schnelle Denken (System 1) erfolgt automatisch, das langsame (System 2) verlangt eine mentale Anstrengung und geht häufig mit (möglicherweise eingebildeter) Handlungsmacht einher. "Der Vorwurf lautet, dass sich die klare Trennung von System 1 und System 2, die Kahneman als zwei Charaktere in einem Drama beschrieben hat, nicht mit experimentell erhobenen Daten vereinbaren lässt."
Aufschlussreich lesen sich auch die Ausführungen zu 'Besser denken in der Medizin', wo etwa auf den Verfrühten diagnostischen Schluss und den Affektiven Bias hingewiesen wird. Auch die Wichtigkeit medizinischer Checklisten wird erwähnt, die, so Jens Foell, durch die Frage 'Fühle ich mich gerade müde?' ergänzt werden müsste. Übrigens: Piloten halten sich weit strikter an Checklisten als etwa Chefärzte (kein Wunder, Piloten sind bei einem Versagen weit gravierender betroffen).
Auch auf Chatbots geht Jens Foell ein – für mich einer der interessantesten Aspekte dieses gut geschriebenen Werkes. "Je mehr KI-generierte Inhalte es gibt, desto mehr lernt die KI von ihren eigenen, selbst erzeugten Daten. Dadurch potenzieren sich alle Fehler, die sie produziert, und die Wahrscheinlichkeiten, mit denen sie arbeitet, entfernen sich von denen in der Realität." Am Rande: Wer schon als Kind sich auf KI verlässt, kommt gar nie in Kontakt mit eigenständigem Denken
Auch mit der Frage, ob es einen freien Willen gibt, setzt sich der Autor auseinander. "Man stelle sich vor, was los wäre, wenn wir alle dem Determinismus anhingen und fänden, niemand sei für seine Taten wirklich verantwortlich. In dieser schrecklichen Welt müsste man einem jede Gewalttat gnädig nachsehen. Andererseits mag denkbar sein, dass ohne den Glauben an einen freien Willen mehr Gerechtigkeit herrscht. Schliesslich sollte es weniger drakonische Strafen geben. Rein konzeptuell könnte man sich beides vorstellen."
"Man is made by his belief. As he believes, so he is.", heisst es in der Bhagavad Gita. In diesem Sinne gibt es die Willensfreiheit. Weil wir sie wollen, wir ohne sie nicht sein können. Das kann übrigens erfreuliche Konsequenzen haben, wie Jens Foell am Beispiel des Eingreifens zeigt. Statt einer Person in Not beizustehen, bevorzugt das Hirn zwar die sogenannte Bystander-Apathie, insbesondere wenn andere Personen zugegen sind, doch lässt sich diese überwinden, so man denn will.
Fazit: Anregend, vielfältig und erhellend.
Jens Foell
Mein Gehirn, das Denken & Ich
Wie wir unser komplexestes Organ besser verstehen und benutzen
Droemer, München 2026

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