Mittwoch, 30. März 2022

On Understanding & Respect

Torres, Rio Grande do Sul, Brazil, 23 February 2022

All my life I've felt the need to understand how the world ticks. In my younger years, this meant to go to the nearby kiosk and buy the Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, the Tagesanzeiger, and the NZZ. Such was my Saturday ritual that made me feel like an educated and thus a better man. 

This, however, has changed; I do not take these papers seriously anymore. Nowadays, I switch on my laptop and read the news online. Well, I do not really read them, I merely skim the articles for I have learned that the media are not out there to educate me but to make loud noise that accompanies events that would also take place without it,

Needless to say, this is not the reason that I believe the news are mainly a distraction. Media makers present me every day with an array of attention seekers I have no respect for. To really understand that means to turn to something or somebody that deserves my attention and respect – me, and what's in front of me.

Montag, 28. März 2022

Monster auf der Couch

Monster auf der Couch, verfasst von den beiden Schweden Jenny Jägerfeld, einer Psychologin, und Mats Strandberg, einem Schriftsteller, ist ein in vielerlei Hinsicht aussergewöhnliches Buch, was auch, aber nicht nur, an der cleveren und aufwendigen Gestaltung liegt. 

Eine Psychologin ist verschwunden in ihrem Büro findet die Polizei Aktennotizen, Gesprächsmitschnitte, Skizzen und Fotografien, die Aufschluss geben über ihre illustren Patienten, allesamt Figuren der Weltliteratur. Dr. Frankenstein, Dr. Jekyll, Dorian Gray sowie die Vampirin Carmilla.

Dr. Jekyll ist der erste, der die Psychologin aufsucht. Anhand des Gesprächsprotokolls – sie nimmt die Sitzungen heimlich auf und ergänzt die Abschrift mit selbstkritischen Einwürfen – lässt sich verfolgen wie eine Therapie abläuft. Dabei lernt man viel Nützliches (und eine smarte Psychologin kennen): Etwa, dass in allen ein von Trieben gesteuerter Mister Hyde steckt, der jedoch unterdrückt wird. Oder dass es wichtig ist, die Dinge beim Namen zu nennen.

Ein nicht unbeträchtlicher Reiz von Monster auf der Couch besteht darin, dass beim Gespräch mit Dr. Jekyll (und Mister Hyde), ein Mann des 19. Jahrhunderts auf eine Frau des 21. Jahrhunderts trifft. Sie notiert: „Ich bin mehrmals fast in die Luft gegangen. Ich habe nonstop versucht, mir in Erinnerung zu rufen, dass wir aus unterschiedlichen Welten stammen, dass es nicht seine Schuld ist, dass er gewisse völlig verquere Ansichten vertritt.“ Vor allem speziell ist jedoch, dass die Therapeutin davon berichtet, was für Gedanken, Überlegungen und Empfindungen die Begegnungen mit Jekyll und Hyde bei ihr auslösen. Deutlich wird dabei (zugespitzt formuliert): Eine Therapie zahlt sich vor allem für am Leben interessierte Therapeuten aus – sie lernen viel über sich und werden dafür noch gut bezahlt.

Doch selbstverständlich lernt auch der Patient einiges. So ist etwa Frankenstein, der ja selbst zum Schöpfer geworden ist, höchst erstaunt, dass seine Therapeutin ein Kind mit ihrer Frau bekommt. „Zwei Frauen, die ein Kind gezeugt haben? Haben Sie nicht gesagt, mein wissenschaftlicher Durchbruch sei bis heute unübertroffen? Wie haben Sie das geschafft? Haben auch Sie sich der Elektrizität bedient? …“.

Dorian Gray bezeichnet sie als spannenden Patienten. „Er sagt selbstmitleidig, dass andere sich nicht für sein Inneres interessieren, aber macht sofort dicht, wenn ich ihn dazu bewegen will, über seine Gefühle zu reden.“ Ich finde sie selber spannender. Sie leidet unter dem moralischen Imperativ Du sollst glücklich und gesund sein, hält den Satz, man sei seines eigenen Glückes Schmied, für völligen Humbug und teilt Slavoj Žižeks Meinung, „dass der Fokus auf den Genuss das Geniessen selbst sabotiert.“

Es ist insbesondere die Beschreibung des therapeutischen Prozesses, die mich für dieses Werk einnimmt. Dauernd muss ich schmunzeln, manchmal auch laut herauslassen. Da sagt etwa die Vampirin Carmilla: „Aber ich habe gar kein Problem, das ich in Worte fassen müsste. Für mich ist alles glasklar.“ Und als Laura schildert, was Carmilla bei ihr auslöst: „Manchmal ziehen sich die Küsse in die Länge und werden immer inniger. Mich packt bisweilen eine seltsame, heftige und doch angenehme Erregung, der sich indes aus Unruhe beigesellt.(errötet) Mein Herz schlägt schneller, der Atem wird flach und geht in ein Keuchen über, das in Konvulsionen gipfelt, bei denen ich die Besinnung verliere“, kommentiert die Psychologin mit: „Das klingt … heftig. Werde glatt eifersüchtig!

Der Titel Monster auf der Couch verlangt natürlich, wie alles, was Psychologen angehen, nach einer Erklärung, möglichst einer wertfreien. So führt die Therapeutin gegenüber Dr. Frankenstein aus: „Mein Problem mit der Bezeichnung Monster ist der Umstand, dass sie eine gewisse Bosheit unterstellt. Aber daran glaube ich nicht. (Pause) Ich glaube vielmehr, dass wir die Bezeichnung Monster bei Wesen anwenden, die wir nicht verstehen, weil sie sich anders verhalten als wir selbst oder auch anders aussehen.“ Und sie fügt hinzu: „Es gibt immer gute Gründe, uns so zu verhalten, wie wir es tun.“ Und weil sie das glaubt, sucht sie eben auch immer nach Gründen. Doch was wäre, wenn diese Gründe nicht ursächlich, sondern nachgereicht wären? Das jedenfalls behauptet die Hirnforschung: Das Handeln kommt zuerst, die Gründe folgen nach. Doch das wäre ein anderes Buch …

Monster auf der Couch ist nicht nur sehr unterhaltsam und überaus witzig, es klärt auch differenziert darüber auf, wie Therapie funktioniert. Zudem werden auch Spaltung oder Dissoziation, das Stufenmodell der moralischen Entwicklung gemäss Kohlberg sowie die Merkmale der narzisstischen Persönlichkeit erläutert.

Fazit: Ein höchst lehrreiches Vergnügen!

Jenny Jägerfeld & Mats Strandberg
Monster auf der Couch
Der rätselhafte Fall der verschwundenen Psychologin
Penhaligon, München 2022

Montag, 14. März 2022

David Sheff: Gefangen und Frei

 „Ich sitze auf einem schlichten Schalenstuhl aus Plastik einem Mann namens Jarvis Jay Masters gegenüber. Wir unterhalten uns über meine Idee, ein Buch über ihn zu schreiben, und ich möchte wissen, was er von ihr hält. Ich betone, dass ich, wenn ich mich wirklich darauf einlasse, nichts verheimlichen werde – weder seine guten noch seine schlechten Seiten.“ So leitet der Autor David Sheff dieses eindrückliche Dokument ein.

Jarvis Jay Masters sitzt wegen mehrerer Straftaten hinter Gittern, als ihm auch noch der Mord an einem Gefängniswärter, den er nicht begangen hat, angehängt wird. Er erhält Besuch von der Kriminalistin Melody Ermachild, die von der Verteidigung beauftragt worden ist, die Umstände, in denen er aufgewachsen ist, ausführlich zu dokumentieren. Sie regt ihn an, zu meditieren, teilt mit ihm die Anregungen ihres eigenen Meditationslehrers. „Wenn ihn Angst überkam und er sich an den Rat des Meditationslehrers erinnerte, dass Angst nichts als ein Gedanke sei und ihm nicht schaden könne, wurde sie schwächer.“

Er wird zum Tode verurteilt. Und so recht eigentlich, denkt es so in mir, sind wir alle zum Tode verurteilt. Im Gegensatz zu uns, die wir angesichts unseres Schicksal nichts tun bzw. im gewohnten Trott weitermachen, wird Jarvis aktiv. „Jarvis‘ selbst auferlegtes Training begann jeden Tag mit zwei Stunden Meditation, gefolgt von Körperübungen. Er notierte seine Fortschritte in einem Kalender, den er selbst gefertigt hatte: 400 Rumpfbeugen, 500 Liegestütze, 500 oder mehr Liegestützsprünge und das Ganze noch einmal. Danach lief er in seiner Zelle 520 Mal hin und her. Das ergab eine Meile. Anschliessend rannte er auf der Stelle …“.

Im Buch eines buddhistischen Lama liest er, dass sich im Tod der Körper vom Geist trenne und es daher wichtig sei, sich darauf vorzubereiten, damit man nicht „von einem grossen Wirbel der Angst, Orientierungslosigkeit und Verwirrung fortgerissen“ werde. Und er lernt, dass sowohl Angst wie auch Trauer „einzig und allein in Ihrem Geist“ existieren.

Er habe Glück, im Knast zu sein, schreibt ihm der Lama. Jarvis reagiert ungehalten, doch der Lama lässt sich nicht umstimmen, im Gegenteil. „Vielleicht sehen Sie es nicht, aber Ihr Glück besteht darin, an einem Ort zu sein, wo Sie das menschliche Leid so direkt erfahren. Dadurch können Sie verstehen lernen, dass alle lebenden Wesen einschliesslich Ihrer selbst bereits vollkommen sind. Lernen Sie, dies zu sehen!“

Erst wenn wir aus der Bahn geworfen werden, erst wenn die Dinge nicht so laufen wie wir es gewohnt sind, eröffnet sich die Möglichkeit einer Veränderung. Allmählich beginnt Jarvis zu realisieren, dass das Todesurteil, das seinen Tod bedeuten konnte, ihm das Leben geschenkt hatte.

Melody ermuntert ihn zu schreiben, seine Texte werden veröffentlicht, er lernt Pema Chödrön, eine buddhistische Nonne, kennen, die ihm klar macht, „dass man die Dinge, mit denen man zu kämpfen hatte, eben nicht hinter sich lassen sollte (…) dass Schmerz, Trauer und Verzweiflung nützlich seien, da man von ihnen lernen könne.“ Auch weist sie ihn darauf hin, dass es bei all den Geschichten, die wir uns erzählen, Pausen gibt, „und das ganz einfach deswegen, weil unser Geist so funktioniert.“ Diese Pause ist eine Chance, es gilt sie zu nutzen, „und sich zu sagen: ‚Jetzt bin ich wieder in dieser alten Geschichte.‘ Genau das ermöglicht es uns, diese loszulassen und sich wieder auf den Atem zu konzentrieren.“

Nicht nur bei der Meditation ist es wichtig, sich dieser Pausen gewahr zu werden – auch im Alltag ist es sinnvoll, immer mal wieder innezuhalten und sich die Zeit zu nehmen, um zu bedenken, was man eigentlich fühlt, denkt und tut. „Es gab nicht viel in seinem Leben, auf dass er einen Einfluss hatte, doch seinen Geist konnte er tatsächlich kontrollieren.“ Schwierig? Sowieso. Doch es lässt sich üben.

Jarvis Jay Masters‘ Geschichte, die David Sheff in diesem Buch erzählt, ist vor allem ein Lehrstück darüber, wie man in einer hoffnungslosen Lage nicht verzweifelt. Nicht in dem man hofft, sondern indem man sich grundsätzlich mit seinem Dasein auseinandersetzt. Es gilt nichts zu überwinden oder hinter sich zu lassen. Es gilt das Leben so hinzunehmen wie es ist – chaotisch, unbegreiflich, und staunenswert.

Gefangen und Frei ist ein überaus hilfreiches Buch.

David Sheff
Gefangen und Frei
Der Buddhist in der Todeszelle. Eine wahre Geschichte
O.W. Barth, München 2021

Montag, 7. März 2022

Hidden Valley Road

Familie Galvin, Vater Don, zuerst beruflich erfolgreich bei der Air Force, dann als „eine Art innerstaatlicher Diplomat“, Mutter Mimi, ausgelastet mit 10 Buben und zwei Mädels. Sechs der zehn Brüder wurden bis Mitte der 1970er-Jahre mit Schizophrenie diagnostiziert. Der Journalist Robert Kolker erzählt mit Hidden Valley Road nicht nur eine Familien-, sondern auch eine Medizingeschichte.

12 Kinder! Was bewegt ein Paar, so viele Kinder zu haben? Natürlich kann man das nicht wirklich wissen – nicht einmal die Beteiligten können das, schliesslich sind wir Menschen viel zu komplex, um zu verstehen, was uns so oder anders ticken lässt – , doch Robert Kolker tut, was gute Journalisten tun: Er liefert eine plausible Erklärung (wahrscheinlich ein Ausweichmanöver, um sich den schmerzlichen Enttäuschungen in ihrem Leben nicht stellen zu müssen) und präsentiert gleichzeitig die Einschätzung der nicht gerade wohlmeinenden Schwiegermutter (es sei Mimis Methode im Wettstreit mit Don die Oberhand zu haben).

Charakteristisch sowohl für Don als auch für Mimi war, dass sie Unangenehmes generell einfach ausblendeten. Als ihr ältester Sohn wegen seines bizarren Verhaltens psychiatrisch untersucht wurde, machten sie in Zweckoptimismus, wobei sie ein psychiatrischer Freund unterstützte, der allerdings unzureichend informiert war. Und als die Frau des Zweitältesten sie mit dem gewalttätigen Verhalten ihres Stimmen hörenden Sohnes konfrontierte, erlebte sie Eltern, die nicht bereit waren, die Realität zu akzeptieren. Es gab viele heftige Streitereien, Gewalt und Missbrauch in ihrem Haus an der Hidden Valley Road, auch die Polizei tauchte öfters auf – wahrhaben wollten sie das nicht. Trotzdem kümmerten sie sich, vor allem Mimi, sehr um die Kinder.

Die damalige Psychiatrie war unter anderem charakterisiert durch den Streit (und nachfolgenden Bruch) von Freund und Jung. Für Freud waren seelische Erkrankungen das Resultat prägender (und oft sexueller) Kindheitserlebnisse, Jung hingegen war der Auffassung, dass „das Konzept der Libido durch einen genetischen Faktor ergänzt werden“ müsse.

Anlage oder Einfluss der Umwelt? Diese Frage prägt unter anderem die Schizophrenie, die natürlich auch eine Projektionsfläche für ganz unterschiedliche Theorien bildet. Wobei: Ich frage mich schon wie man jemanden wie Jacques Lacan, der zum berühmt gewordenen Fall Schreiber meinte, „Schreibers Probleme seien seiner Frustration darüber entsprungen, nicht der Phallus sein zu können, der seiner Mutter gefehlt habe“, eigentlich ernst nehmen kann.

Wie alles, so hat sich auch die Vorstellung, was denn Schizophrenie eigentlich ist bzw. sein soll, im Laufe der Zeit gewandelt. Und so recht eigentlich sagen die Definitionen mehr über das vorherrschende Denken der jeweiligen Zeit als über die Krankheit. Dazu kommt, dass die Diagnosestellung mehr Kunst als Wissenschaft ist.

Die zentrale Frage lautet: Wie kann es sein, dass sechs von zwölf Kindern eine Schizophrenie entwickeln, die anderen sechs aber nicht? Eine genetische Vorbedingung scheint definitiv gegeben, muss aber offenbar nicht notwendigerweise vererbt werden. Wie konnte das sein? Hidden Valley Road ist auch eine spannende Psychiatrie-Geschichte.

Nachdem einer ihrer Söhne seine Freundin und sich selber umgebracht, und weitere Söhne in der Psychiatrie landeten, begannen sich auch die Eltern Fragen zu stellen. War es vielleicht jeweils ein emotionaler Schock gewesen, der die Brüder aus der Bahn geworfen hatte? Lag es an den Drogen, der Gegenkultur, am Missbrauch durch einen Priester? „Es war traurig festzustellen, dass, als der Patient zunehmend provokativ wurde, dies die Familie offenbar für seinen Normalzustand hielt“, notierte ein Arzt.

Dieses Buch schildert ganz Vieles in Einem: Ein aussergewöhnliches und tragisches Familienschicksal, die Bemühungen und Hilflosigkeit der Psychiatrie, die Forschung der von Marketing-Erwägungen dominierten Pharmaindustrie, das Amerika zur Zeit der Gegenkultur, und und und … , doch insbesondere die Unfähigkeit des Menschen, einen ernsthaften, ehrlichen Blick auf das eigene Leben zu werden. Ob letzterer im vorliegenden Falle geholfen hätte, weiss man nicht, doch dass darauf zu verzichten keine Option ist, zeigt dieses gut geschriebene Buch eindrücklich.

Fazit: Aufwühlend, faszinierend und überaus lehrreich.

Robert Kolker
Hidden Valley Road
Im Kopf einer amerikanischen Familie
btb, München 2021

Montag, 7. Februar 2022

Rauschlos glücklich

An Bekenntnisbüchern herrscht in unseren Selbstdarstellungszeiten wahrlich kein Mangel. Um auf dem sogenannten Markt zu bestehen, muss man sich was einfallen lassen. Und genau das haben Vlada Mättig und Katharina Vogt, Freundinnen seit Kindheitstagen, getan. „Dieses Buch erzählt die Geschichte ihrer Freundschaft, die den Alkohol bezwungen hat – und es macht Mut, sich Konventionen und Gruppenzwang entgegenzustellen und die eigene Freiheit zu verteidigen“, so die Verlagswerbung.

Ich bin mir nicht sicher, ob es ihre Freundschaft war, die den Alkohol bezwungen hat (das behaupten die beiden auch gar nicht), denn ich glaube nicht, dass wir wissen können, weshalb einige es schaffen, vom Alkohol loszukommen, die meisten Alkoholsüchtigen jedoch nicht. Unsere Erklärungen sind selten mehr als eine Gewohnheit zu denken, das Rätsel des Lebens erhellen sie nicht. Doch wir können dieses Rätsel annehmen – und davon handelt dieses Buch.

Alkoholiker wollen die beiden nicht sein. „Mich persönlich hat die Bezeichnung Alkoholikerin davon abgehalten, mir eher Hilfe zu suchen, denn ich war der festen Überzeugung, dass mir das niemals passieren konnte, obwohl ich natürlich wusste, dass Alkohol eine Droge ist und ich zu viel davon trank.“ Und: „Der Begriff ‚Alkoholiker*in‘ an sich allerdings ist und bleibt ungesund besetzt.“ Das liegt vielleicht auch ganz einfach daran, dass Alkoholismus ungesund ist! Nun gut, Abhängigkeit passt den beiden nicht, Freiheit ist ihnen lieber. „Freiheit bedeutet, frei von einem Label zu sein.“ Das ist vielleicht etwas unter-komplex, doch wenn es funktioniert bzw. hilft, ist dagegen meinerseits nichts einzuwenden, denn für mich gilt: whatever works.

Nicht immer war mir klar, wer von beiden eigentlich schrieb, doch so recht eigentlich war es egal, denn so persönlich Sucht auch erlebt wird, die Gemeinsamkeiten der Suchterfahrung sind weit häufiger, auch wenn jeder Alki natürlich denkt, er sei der absolute Spezialfall – jeder Alki denkt so, soviel zum Spezialfall.

Auch die beiden Autorinnen bemühen sich speziell bzw. originell zu sein und stellen den zwölf Schritten der Anonymen Alkoholiker ihre „Elf Schritte, die du gehen kannst, um mit dem Trinken aufzuhören“ gegenüber. Wie gesagt: Alles kann sich positiv auswirken – sofern man es tut. Und in Sachen Tun sind die Anonymen Alkoholiker mit ihrem to act your way into a new way of thinking meines Erachtens unerreicht. Nein, nicht für alle, weshalb ich denn auch den Ansatz dieses Buches sehr schätze – das Darauf-Hinweisen, dass nicht so sehr Alkohol das Problem, sondern vielmehr ein klares Anzeichen ist, dass man es mit einem Lebensproblem zu tun hat und es so recht eigentlich nur eine Frage zu beantworten gilt: Will ich so leben?

Rauschlos glücklich bietet vielfältige Aufklärung, die unter anderem deutlich macht, wie ungeheuer verbreitet Alkohol in der westlichen Kultur („Zumindest in den Grossstädten haben wir das Zeug 24/7 vor der Nase.“) ist, in Malaysia oder Indonesien hingegen nicht. „In Deutschland ereigneten sich laut Statistischem Bundesamt 2019 täglich durchschnittlich 98 Verkehrsunfälle, bei denen mindestens bei einem Verkehrsteilnehmer Alkohol nachgewiesen konnte.“

Die Geschichten, die die beiden Autorinnen erzählen, sind ganz unterschiedlich und reichen von sehr lustig (als sie irrtümlich alkoholfreien Amaretto gekauft haben) bis zu tragisch. Vor allem berührt hat mich, als Vlada plötzlich verschwunden war und ihre Mutter und Katharina sie nicht finden konnten. Katharina ist verzweifelt. Und leidet. „Das Widersprüchliche an alldem ist jedoch, dass ich Vlada selbst nach dieser Geschichte nicht gesagt habe, was ich dachte, dass sie nämlich Hilfe brauchte und es so nicht mehr weitergehen konnte. Zumindest kann ich mich an solche Worte nicht erinnern.“ Das ist kein Katharina-Problem, es ist auch kein Vlada-Problem, es ist ein Gesellschaftsproblem. So frei wir auch sein mögen bzw. uns dies einbilden – unsere Gefühle sind gesellschaftlich unerwünscht.

Wer nicht fühlen will, was er fühlt, für den ist Alkohol eine wunderbare Medizin. Jedenfalls am Anfang. Ist man jedoch mit einer Suchtpersönlichkeit geschlagen, wird der Alkohol zum Problem. Wer seine Gefühle und damit sich selber leben lassen will – Vlada Mättig und Katharina Vogt – , hat eine gute Chance, vom Alkohol loszukommen. Das meint übrigens nicht, unseren Gefühlen einfach nachzugeben – es gibt schliesslich auch solche, die uns in die Irre führen – , sondern sie zu akzeptieren, zu prüfen, und uns dann zu entscheiden, in welche Richtung wir gehen wollen.

„Mit meiner Nüchternheit habe ich dann endlich die Entscheidung getroffen, dass es reicht“, bringt es auf den Punkt. Und: „Ich wollte wieder fühlen, ich wollte wieder richtig leben, ich wollte wieder ich selbst sein. Meine Nüchternheit ist ein Nebenprodukt dieses Prozesses, ein ganz wunderbares Nebenprodukt, das ich nicht mehr missen möchte!“

Rauschlos glücklich plädiert dafür, mit sich selber Freundschaft zu schliessen. Nichts, das lebensfreundlicher wäre!

Vlada Mättig / Katharina Vogt
Rauschlos glücklich
Auf die Freundschaft & das Leben ohne Alkohol
Knaur Taschenbuch, München 2021

Montag, 10. Januar 2022

Quit like a Woman

Wieso soll ich mir ein Buch antun, dessen Titel mir schon klar macht, dass ich nicht das Zielpublikum bin? Und dann diese saublöde Mode, deutsche Bücher mit englischen Titeln zu versehen, eine Fantasielosigkeit sondergleichen; der Untertitel im englischen Original The Radical Choice To Not Drink In A Culture Obsessed With Alcohol hätte mich übrigens um einiges neugieriger gemacht als die irreführende deutsche Variante.

Ich verspreche mir von diesem Buch ein paar Gedanken und Einsichten, auf die ich selber wohl kaum gekommen wäre. Und ich komme auch durchaus auf meine Kosten, denn dieses Buch, so die Autorin, setzt sich auch „mit einer Gesellschaft auseinander, die uns im Falle einer Abhängigkeit dazu zwingt, männerdominierte Hilfsorganisationen wie die Anonymen Alkoholiker (AA) aufzusuchen, die den aufkeimenden feministischen und individualistischen Idealen nicht nur zuwiderlaufen, sondern aktiv dagegen vorgehen.“ Dass die Anonymen Alkoholiker (Männer und Frauen) gegen Ideale aktiv vorgehen, seien es feministische, individualistische und andere das Ego-fördernde, liegt daran, dass Ideale und Sucht/Abhängigkeit nicht nur nicht zusammengehen, sondern dass Ideale (also Wunschvorstellungen) für Sucht/Alkoholismus oft ursächlich sind.

Holly Whitaker sieht das entschieden anders, ihre kurze Zeit bei den AA erlebte sie als bedrückend. Sie habe kein Ego-Problem, wehrt sich ihr Ego. Von der Feministin und Meditationslehrerin Carol Lee Flinders lernt sie: „Die jahrtausendealte Tradition der Meditation, die in verschiedenen Religionen verankert ist, ist nicht genderneutral. Sie wurde vor allem in Klöstern praktiziert und zielt darauf ab, die Autonomie aufzugeben, die als männliches Privileg galt. Deshalb beschneidet sie unsere Freiheit, unsere Meinung zu äussern, eigene Weg zu gehen, Vergnügungen nachzugehen, vor allem, als Mensch bedeutsam zu sein.“

Zugegeben, so habe ich das noch nie gesehen, doch die Frauen, die ich bei AA-Meetings angetroffen habe, sahen dort nicht ihre Freiheit bedroht, sondern hatten erfahren, dass auf ihren eigenen Weg zu insistieren, der hauptsächliche Grund für ihren Alkoholismus war. „Wenn dir der Therapieansatz nicht gefällt, wähle einen anderen“, diese bei den AA häufig gebrauchte Formel befindet Holly Whitaker als zu einfach (!). Wie kommt sie zu dieser Auffassung? „Der von den Anonymen Alkoholikern entwickelte Ansatz ist seit über 100 Jahren beim Umgang mit Abhängigen erste Wahl“, schreibt sie, dabei hat sie ein paar Seiten zuvor das Gründungsdatum der AA mit dem 10. Juni 1935 angegeben, das wären dann doch etwas weniger als 100 Jahre. Nun gut, auch wenn Zahlen offenbar nicht ihre Stärke sind, ihr geht es darum, dass das AA-Gedankengut die ganze Gesellschaft durchzieht. „Alkoholabhängige werden nicht nur von den AA als egozentrische, selbstsüchtige Lügner angesehen, die zu Bescheidenheit und Demut erzogen werden müssen.“ Man merkt, dass sie nur kurze Zeit bei den AA war und offenbar wenig verstanden hat, denn wäre das wirklich das Weltbild der AA (ist es nicht, überhaupt nicht), hätte ich mich ganz sicher auch dagegen gewehrt und wäre bestimmt nicht seit nunmehr über 31 Jahren trocken.

Quit Like A Woman ist aus einer nordamerikanischen Perspektive geschrieben, wo „mindestens 73 Prozent aller Behandlungseinrichtungen mit dem Zwölf-Schritte-Programm“ arbeiten. Damit es nicht ungesagt bleibt: Ich tue das auch. Doch in der Schweiz, wo ich lebe, ist der Einfluss der AA eher gering, die Psychoindustrie weit einflussreicher. Und es hat sicher noch Platz für Holly Whitakers Tempest Sobriety School, für die sie mit diesem Buch Werbung macht.

Whitakers Ablehnung der AA ist ziemlich umfassend. So lehnt sie vollständige Abstinenz ab, zieht es vor, „sich Abstinenz langsam anzutrainieren“, denn: „Für Menschen, die versuchen, mit dem Trinken aufzuhören, sind Stress und Druck fatal.“ Es ist so recht eigentlich umgekehrt. Ich jedenfalls hätte ohne Stress und Druck wohl nie aufgehört zu saufen. Und Nein, natürlich unterscheide ich nicht zwischen innerem und äusserem Druck, das sind Pseudo-Unterscheidungen, die nur für die funktionieren, die daran glauben. Man kann vieles glauben und dazu gehört auch viel Unsinn wie, zum Beispiel, dass Frauen, so die Autorin, aus anderen Gründen suchtkrank werden als Männer. So blödsinnig diese Behauptung auch ist (suchtkrank wird man, wenn man nicht fühlen will, was man fühlt – gender-übergreifender geht kaum), offenbar lässt sich darauf ein Geschäft gründen. „Who profits?“, fragt man in Amerika, wenn wieder einmal jemand mit einer angeblich neuen Idee auf den Markt drängt. Das Zwölf-Schritte-Programm ist übrigens gratis.

Und wo bleibt das Positive? Besonders die Aufklärungen zur Tabak- und Alkoholindustrie fand ich ausgesprochen hilfreich. Und das Kapitel „Alkohol und körperliche Gesundheit“ sollte Pflichtlektüre sein.

Holly Whitaker
Quit Like A Woman
Nüchtern und glücklich in einer Welt voll Alkohol
mvgverlag, München 2021 

Montag, 20. Dezember 2021

Der Stoff, aus dem die Gefühle sind

So recht eigentlich hätte mich ja bereits der Titel, Der Stoff, aus dem die Gefühle sind, skeptisch machen sollen. Tat es aber nicht. Auch der Untertitel, der noch mehr Uneinlösbares versprach – Über den Ursprung der Emotionen – tat es nicht. Leitend war stattdessen die Hoffnung, über die der Autor nüchtern und treffend notiert: „… die Hoffnung ist ein Gut, das sorgfältig reguliert und so sparsam dosiert werden sollte, dass es vernünftiges Handeln motivieren kann“, was bei mir eindeutig nicht der Fall gewesen ist, denn ich bin auf die Werbeversprechen des Verlages reingefallen, die da suggerieren, es gebe tatsächlich Antworten auf Fragen wie „Warum fühlen wir? Wie entstanden unsere Emotionen? Welche Geheimnisse birgt das ganze Spektrum unserer Gefühlswelten?“

Karl Deisseroth, Professor für Biotechnik und Psychiatrie, ist vor allem bekannt geworden durch seine Entwicklung der Optogenetik, bei welcher Gene von Mikroben, Bakterien und einzelligen Algen in ausgewählte Hirnzellen von Wirbeltieren (etwa Mäusen oder Fischen) verpflanzt werden.

„Das mag befremdlich klingen, hat aber seinen Sinn, denn in ihrem neuen Umfeld bewirken die geborgten Gene (sogenannte Opsine) die Produktion von bemerkenswerten Proteinen, die Licht in elektrischen Strom verwandeln (…) Mithilfe von Laserlicht, das wir durch dünne Faserkabel oder Hologramme ins Gehirn einbrachten, konnten wir in diesen modifizierten Zellen die elektrischen Signale verändern und das Verhalten der Tiere damit auf erstaunliche spezifische Weise manipulieren.“ Da gehen bei mir zahlreiche Warnlampen an, es klingt in meinen Ohren nach Doktor Frankenstein.

„Projections – A Story of Human Emotions“ heisst der englische Originaltitel. Das ist etwas ganz anderes als was der deutsche Titel (fälschlicherweise) behauptet. Was der Autor in diesem Werk versucht, ist, drei unterschiedliche Perspektiven, „die Erfahrungen eines Psychiaters, die Ursprünge der Emotionen und die aktuelle Hirnforschung“ zu einem Bild zusammenzufügen. Er erzählt von seinen Begegnungen mit Patienten, Frauen wie Männern, auf der psychiatrischen Notaufnahme und macht dabei deutlich, wie stark da mit Annahmen, Vermutungen und Interpretationen operiert wird.

Eindrücklich ist dabei, wie er auch seine eigenen Empfindungen schildert. „Als ich mit ihm sprach, spürte ich, wie sich der Raum mit seiner aufgestauten Energie auflud. Während Alexander in seiner Verärgerung und Erregung vor mir sass, stiegen in meiner Vorstellung unwillkürlich Szenen aus seinem Leben auf, die sich in meinem Kopf festsetzten wie die Bilder aus dem Flugzeug in seinem – unausgesprochen, aber sonderbar klar und detailliert. Ich liess diese Bilder wachsen und sah ihn, wie er nach der Rückkehr von seiner Odyssee in seinem Wohnzimmer sass und die Augen öffnete.“

Karl Deisseroth „studierte in Harvard, u.a. Creative Writing“, informiert der Klappentext. Leider, habe ich immer mal wieder gedacht, denn sein bildungsgesättigter Stil, ist gar nicht mein Ding. Ein Beispiel: Als er einmal zum Opfer eines Raubüberfalls wird, notiert er: „Ich händigte meinen Rucksack aus und wartete, während der grosse Schatten ihn ausleerte. Dabei hielt ich den Blick fest auf die Klinge in der Hand des anderen gerichtet. Meine süsse Misericordia, das feine Stilett, mit dem man nach mittelalterlichen Schlachten wie den von Orléans oder Azincourt den Sterbenden den Gnadenstoss gab. Im unwirklichen Licht des Bahnsteigs schien die Klinge zu pulsieren und jede Zelle meines Körpers fiel in ihren Rhythmus ein.“ Meine eigenen Assoziationen, stelle ich mir vor, wären in einer solchen Situation wohl etwas anders ausgefallen.

Trotzdem: Am Aufschlussreichsten fand ich des Professors Selbst-Offenbarungen, in der Regel als Reaktion auf Verhaltensweisen der Patienten. „Er war ein menschliches Säugetier aus einem zerstörten Bau, im Alter von drei Jahren hatte er sein Nest verloren und war dann als Borderliner zur Welt gekommen – fixiert in der Zeit, mit kindischen Abwehrreaktionen, doch mit den Waffen, um meine Grenzen zu überwinden, mir unter die Haut zu gehen und meine tiefsten, ältesten Reaktionen anzurühren.“

Ist es ihm gelungen, die drei eingangs erwähnten Perspektiven zusammenzuführen? Mich haben seine Ausführungen oft ratlos gelassen, obwohl ich seine Herangehensweise speziell und anregend gefunden habe. Zu ungewohnt war mir sein Denken. Und seine Sprache. Doch was wir im Augenblick nicht verstehen, kann sich uns ja auch zu einem späteren Zeitpunkt offenbaren. „Tiefere Einsichten dürfen mehr Zeit beanspruchen und sehr viel später erfolgen, nachdem alle Informationen gesammelt sind und über Wochen und Monate reifen …“. Es ist dies eines der Phänomene, das mich immer wieder staunen macht: Dass viele Erkenntnisse, die wir mit uns herumtragen, Jahre brauchen können, um sich in Handlungen zu manifestieren – oder auch nicht.

PS: Unter dem Titel „Weiterführende Literatur“ finden sich Links auf frei verfügbare Hintergrundartikel zu den jeweiligen Themen. Das ist höchst hilfreich und für mich eine Premiere.

Karl Deisseroth
Der Stoff, aus dem die Gefühle sind
Über den Ursprung der Emotionen
Blessing, München 2021