Sonntag, 21. Februar 2021

The world, I believe ...

The world, I believe, is far too serious, and being too serious, it has need of a wise and merry philosophy ... After all, only a gay philosophy is a profound philosophy; the serious philosophies of the West haven't even begun to understand what life is. To me personally, the only function of philosophy is to teach us to take life more lightly and gaily than the average business man does.

Lin Yutang: The Importance of Living

Montag, 15. Februar 2021

Abhängigkeit

 
In meinen 20ern verliebte ich mich auf Fünen in eine junge Dänin und in Dänemark. Ich las dann auch einige dänische Autoren, unter ihnen Leif Panduro und Tove Ditlevsen, doch wie bei den meisten Büchern, die ich einmal gelesen habe, ist mir ausser den Autorennamen so ziemlich gar nichts geblieben. Mit anderen Worten; Abhängigkeit von Tove Ditlevsen weckt Erinnerungen und natürlich haben die meisten nichts mit dem vorliegenden Buch zu tun.

Dänemark zur Zeit der deutschen Besatzung. Die Protagonistin ist zwanzig, ihren Mann, Viggo F., beschreibt sie unter anderem so: „Ein Gebiss lehnt er mit der Begründung ab, dass alle Männer in seiner Familie mit 56 Jahren gestorben sind, und das sei schon in drei Jahren, wozu also diese Geldverschwendung?“

Sie schreibt an einem Roman. Den Titel hat sie bereits, worüber sie schreiben will, weiss sie hingegen noch nicht. „Ich schreibe einfach nur, vielleicht kommt etwas Gutes dabei heraus, vielleicht nicht. Das Wichtigste ist, dass ich mich beim Schreiben glücklich fühle, so, wie es immer schon war.“ Genau so sollte Schreiben sein.

Viggo F. arbeitet bei der Brandversicherung und schreibt selber Romane, die seine Gattin jedoch nicht mag. Im 'Club der jungen Künstler' lernt sie Piet kennen, denkt an Scheidung, doch als ihr Mann sich über ihr erstes Buch begeistert äussert, verwirft sie den Gedanken, für den Moment, doch Piet drängt. Nur eben: Sie verabscheut Veränderungen. Die Scheidung kommt dann doch noch, aber nicht wegen Piet, sondern wegen Ebbe. Sie wird Mutter, die zweijährige Tochter Helle beschreibt sie so: „Wenn ich vormittags schreibe, setze ich sie mit ihren Bauklötzen und Puppen zum Spielen auf dem Boden, und sie hat gelernt, mich nicht zu stören. 'Mama schreibt', sagt sie feierlich zu ihrer Puppe, 'und danach machen wir alle zusammen einen Spaziergang.'“ Wunderbar!

Die deutsche Besatzung endet, berührend wie sie die deutschen Soldaten, „vielleicht erst fünfzehn oder sechzehn“, beschreibt: „ Müde deutsche Soldaten stolpern durch eine fremde Stadt mit der Frühlingssonne im Gesicht ...“. Eine feinfühlige Frau, doch mit konventioneller Treue hat es sie nicht so.

Der zweite Teil handelt wesentlich von ihrer Schmerzmittelsucht. „Im Laufe des Tages ging es mir schlecht, so, wie ich es schon einige Male zuvor erlebt hatte. Ich zitterte und schwitzte und bekam Durchfall. Ausserdem wurde ich von einer panischen Angst gepackt, und mein Herz raste. Mir wurde klar, dass ich diese Tabletten haben musste ...“. Sie lernt zu unterscheiden: Mit Pethidin kann sie nicht arbeiten, mit Methadon hingegen schon.

Wie alle Drogensüchtigen ist sie eine gewiefte Taktikerin. So behauptet sie, unter Ohrenschmerzen zu leiden, um Schmerzmittel verschrieben zu bekommen. Ein Ohrenarzt, der merkt, dass er belogen wird, will sie nicht operieren, ein anderer, der es nicht merkt oder nicht merken will, tut es. Nach der Operation weiss sie zum ersten Mal, was Ohrenschmerzen sind. Und verlangt nach immer grösseren Dosen von Pethidin. „Kein Preis war zu hoch, um sich die unerträgliche Wirklichkeit vom Leib zu halten.“

Tove Ditlevsen beschreibt, sie analysiert nicht. Leicht und flüssig wirkt ihr Schreiben. Sie rätselt nicht über die Ursachen ihrer Sucht, wird zur Entziehungskur in eine Klinik eingewiesen, sie wiegt noch ganze dreissig Kilo. Nur einer von hundert Patienten werde wieder gesund, erklärt ihr der behandelnde Arzt. „Aber manchmal glaube ich daran, dass Sie diese eine sind, weil Ihr Fall so aussergewöhnlich ist, und weil Sie im Gegensatz zu den meisten Süchtigen noch etwas anderes haben, wofür Sie leben.“ Weise Worte, er sollte recht behalten, doch Tove weiss, solange sie lebt, wird die Sehnsucht nie ganz sterben. 

Tove Ditlevsen
Abhängigkeit
Aufbau Verlag, Berlin 2021

Montag, 1. Februar 2021

Entscheide selbst!


Kaum eine Pressemeldung, die Jordan B. Peterson, Professor für Psychologie an der Universität Toronto, nicht als umstritten und zugleich anregend bezeichnet. Seine Botschaft läuft so recht eigentlich auf etwas höchst Einleuchtendes hinaus: Übernehmt Verantwortung! Werdet endlich erwachsen! Das sagt uns auch der gesunde Menschenverstand, nur eben weit weniger gelehrt und fundiert als Professor Peterson es tut.

Im Vorwort weist der Arzt und Neurowissenschaftler Norman Doidge auf Fundamentales hin, das nicht immer gern gehört wird: Das Leben ist gleichbedeutend mit Leiden. Nicht, weil die falschen Leute an der Regierung sind oder weil der Chef ein Depp ist. Klar, deswegen auch, doch das ist nicht das Entscheidende. Es geht um Grundsätzlicheres: "Wir leiden, weil wir als Menschen zur Welt gekommen sind und allein dadurch Kummer genug mitgebracht haben. Und selbst wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person zufällig einmal nicht leidet, die Aussicht, dass es in Zukunft so bleibt, steht eher schlecht – falls sie nicht unverschämtes Glück haben. Denn eigentlich ist alles schwer. Kinder grosszuziehen ist schwer. Arbeit ist schwer. Alter, Krankheit und Tod sind schwer. Laut Peterson würde es sogar noch schwerer, wenn man all dies allein durchstehen müsste, ohne Liebe, ohne Weisheit, ohne die Weisheit der grossen Psychologen."

"12 Rules for Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt" ist eine gescheite, differenzierte und ungewöhnliche Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens. Das erste Kapitel ist mit "Steh aufrecht und mach die Schultern breit" überschrieben und beginnt mit den Hummern und den Vögeln und ihrem jeweiligen Revier. Jordan Peterson zeigt auf, dass die Hackordnung sowie das Prinzip der ungleichen Verteilung nicht vom Menschen erfunden wurden, sondern in der Natur angelegt sind. "Vor dreihundertfünfzig Millionen Jahren waren Gehirn und Nervensystem noch vergleichsweise simpel, und dennoch besassen sie hinsichtlich ihrer Struktur und der neurochemischen Abläufe alles, was man braucht, um Informationen über Rangfragen zu verarbeiten. Ein Faktum, das in seiner Bedeutsamkeit kaum überschätzt werden kann."

Wir hören heutzutage oft, jeder denke nur an sich selber, die narzisstische Selbstüberhöhung sei weit verbreitet. Stimmt, doch das ist nicht die ganze Geschichte, denn es gibt auch diejenigen, die sich selber als so wertlos erleben, dass sie sich vernachlässigen. Diesen Menschen sagt Jordan Peterson: "Wir verdienen Achtung. Sie verdienen Achtung. Sie sind für andere so wichtig wie für sich selbst. Sie spielen eine Rolle, wenn es um das Schicksal der Welt geht. Sie haben deshalb die moralische Pflicht, auf sich zu achten."

Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: "12 Rules for Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt" ist weit entfernt von einem simplen Ratgeberbuch. Es ist eine persönliche, eloquente und differenzierte Auseinandersetzung mit der Frage: Wie sollen wir leben? Dabei greift der Autor auf wissenschaftliche Studien, Werke der Weltliteratur und ganz besonders auf eigene Erfahrungen zurück. Das Ziel dabei ist, in jeder Lebenslage selbst entscheiden zu können. Das setzt diszipliniertes Üben voraus. "Halten Sie sich an die Versprechen, die Sie sich selbst gegeben haben, aber belohnen sie sich auch, so wächst das Vertrauen in die eigenen Entschlüsse und die Motivation."

Jordan B. Peterson erzählt aus seinem Leben, wie und mit wem er aufgewachsen ist. Auf dem Land, in Kanada. Er schaut hin, genau und hart – und staunt unter anderem darüber, dass Menschen, die unter gesundheitlichen Einschränkungen leiden, trotzdem ganz normal ihrer Arbeit nachgehen. Er ist Realist und weiss, dass weder die Natur (man denke an Malaria oder Aids) noch der Mensch (man denke an bösartige Triebtäter) einfach gut sind. Wir haben eine Wahl. Uns ist aufgegeben, uns zu entscheiden. Das erfordert Mut genauso wie Demut. "Wir müssen es wieder schaffen, maximale Verantwortung zu übernehmen, zunächst für unser eigenes Leben, aber auch für die Gesellschaft und die Welt allgemein."

Auch aus seiner klinischen Praxis berichtet er. Und wie man mit der Befolgung von einfachen Regeln Ruhe ins seelische Chaos bringen kann. "Ich hatte schon viele Patienten, die ihre Angstzustände allein dadurch in den Griff bekamen, dass sie regelmässig schliefen und richtig frühstückten." Es ist wohltuend, dass Jordan B. Peterson oft auf den gesunden Menschenverstand zurückgreift, dem er auch sprachlich höchst treffend (und gelegentlich mit unerwarteten Wendungen) Ausdruck gibt: "Es ist schlicht nicht tugendhaft, sich von Tyrannen kujonieren zu lassen, selbst wenn es der Tyrann in unserem Inneren sein sollte."

Es gibt ganz viele solch hilfreicher Sätze in diesem gut geschriebenen Buch. Zu meinen liebsten gehören: "Nur weil Sie es denken, müssen Sie es ja nicht gleich tun." Und: "Was Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen), wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex, um sich selbst zu begreifen." Und diesen über Alexander Solschenizyn: "Er nahm sich selbst auseinander, Stück für Stück, verwarf, was unnütz und schädlich geworden war, und holte sich so ins Leben zurück."

"12 Rules for Life. Ordnung und Struktur" in einer chaotischen Welt macht Mut zum aufrichtigen Selber-Denken. Und ist darüber hinaus ein engagiertes, detailreiches und anregendes Plädoyer gegen den moralischen Relativismus.

Jordan B. Peterson
12 Rules for Life
Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt
Goldmann, München 2018

Freitag, 15. Januar 2021

Emotional Pain

 My understanding of emotional pain today is that it is caused by unfulfilled expectations. 

Not the expectations I think others may have of me, but the expectations I have of myself and others.
Another person's expectations of me will not cause me to experience emotional pain. 

I will not hurt because I am unable to meet someone else's expectations of me; I will hurt if I am unable to meet my own expectations of myself in my efforts to please others. 

If others don't act or react the way I would like them to, I can't blame them. I have to look at me. What had I been expecting?

Unfulfilled expectations are only shattered dreams, and what are dreams but images of realities? 
Images in our minds of how we would like our realities to be or to become. 

We encounter problems when the images in our own minds do not coincide with the images in the minds of those we are close to, or those to whom we would like to be close. 

Their images usually do not agree with our own, and in many instances do not even include us.

AA Grapevine, February 1987
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Freitag, 1. Januar 2021

Das tibetische Buch vom Leben und Sterben

 
"Der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens, und wir alle müssen uns ihm früher oder später stellen. Ich sehe zwei Möglichkeiten, wie wir mit dem Tod umgehen können, so lange wir noch leben. Wir können ihn entweder ignorieren, oder wir können uns der Aussicht auf unseren eigenen Tod stellen und beginnen  –indem wir uns eingehend mit ihm befassen – , das Leiden, das er uns bringen kann, zu vermindern. Wir können ihn aber in keinem Falle umgehen", schreibt der  XIV. Dalai Lama im Vorwort.

Mich selber haben Gedanken an den Tod mein Leben lang umgetrieben, dass ich mich ihnen ernsthaft gestellt hätte, kann ich jedoch nicht behaupten. Mich jetzt erneut mit diesem Buch zu befassen (die englische Originalausgabe habe ich Mitte der 1990er Jahre erworben und auch gelesen, doch habe ich, wie bei ganz vielen Büchern, keine wirkliche Erinnerung daran), hat damit zu tun, dass ich es höchste Zeit finde, mich mit dem, was der Titel anzeigt, ernsthaft zu befassen gewillt bin.

"Warum leben wir in solch panischer Angst vor dem Tod? Weil es unser tiefstes Verlangen ist, zu leben und am Leben zu bleiben, und weil wir den Tod für das grausame Ende all dessen halten, was uns so vertraut ist." Könnte es sein, fragt Sogyal Rinpoche, dass die eigentliche Ursache unserer Angst darin liegt, dass wir nicht wissen, wer wir wirklich sind, dass wir eine falsche Vorstellung vom Leben haben, das wir so leben als ob es beständig und dauerhaft sei, obwohl wir doch eigentlich wissen, dass es das gerade nicht ist?

Alles ist vergänglich. Und dagegen wehren wir uns. Wir wollen die Dinge nicht sehen wie sie sind, wir ignorieren "die Wahrheit der Vergänglichkeit." Sich wirklich damit auseinanderzusetzen, bedeutet, sich ständig zu vergegenwärtigen, dass wir sterben werden, wir alle, und uns darum zu bemühen, von unserem falschen und zerstörerischen Glauben sowie von unserer verzweifelten Gier nach Sicherheit abzulassen. Wir müssen eine Haltung des Loslassens entwickeln.

Entscheidend ist, dass das Loslassen gelernt und geübt wird, ständig, dass unser stets wandernder Geist auf den Kerngedanken, das Wesen der Vergänglichkeit, zurückgeführt wird. Selten war das schwieriger als in der heutigen Zeit, die sich "dem Kult des Ich mit all seinen traurigen Fantasien von Erfolg und Macht verschrieben" hat sowie Gier und Ignoranz fördert und damit genau die Kräfte feiert, die letztlich unseren Planeten zerstören werden.

"Du gehst und erfüllst hundert wichtige Aufgaben", steht in den 'Tafelgesprächen' des Sufi-Meisters Rumi, "wenn du jedoch die eine Angelegenheit, derentwegen du geschickt wurdest, unerledigt lässt, ist es, als hättest du gar nichts erreicht. Genauso kommt der Mensch auf die Welt, um eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen, das ist sein Lebenszweck. Erfüllt er sie nicht, hat er versagt."

Wir ahnen das, doch wir wissen meist nicht, was denn unsere Aufgabe sein könnte. Gemäss Sogyal Rinpoche besteht sie darin, "unser wahres Wesen zu erkennen und zu verkörpern." Dazu muss man den Weg nicht nur finden, sondern ihm auch folgen.

In Tibet wird grosser Wert auf die Übertragung von Meister zu Meister gelegt. Dies garantiert Authentizität und Reinheit der Lehren. Wahre Lehrer, so Sogyal Rinpoche, seien "mitfühlend und unermüdlich in ihrem Wunsch, alle Weisheit weiterzugeben, die sie von ihren eigenen Meistern erfahren haben. Sie bleiben stets bescheiden, lassen ihr Schüler niemals im Stich, beuten sie unter keinen Umständen aus oder manipulieren sie womöglich. Sie haben nicht ihren eigenen Vorteil im Sinn, sondern die Grösse und den Wert der Lehren." Er selber hat diesem Ideal offenbar nicht entsprochen wie die vielen Anschuldigungen von Missbrauch, die 2018 von Rigpa veröffentlicht und bestätigt wurden, gezeigt haben

Diese Vorkommnisse machen jedoch die Einsichten und Lehren, die in diesem Werk dargeboten werden, nicht weniger wertvoll. Nicht, dass Sogyal Rinpoche seine Vergehen nachgesehen werden sollten, doch dass jemand nicht lebt, was er predigt, ist generell eher die Regel als die Ausnahme. Unser ständiges Personalisieren empfinde ich nicht als hilfreich, die Einsichten und Lehren in diesem Buch hingegen schon. Als ein japanischer Physiker, der gerade den Nobelpreis gewonnen hatte, gefragt wurde, ob er stolz auf seine Entdeckung sei, meinte er, dass er sie nicht als persönliche Leistung sehe. Was er und sein amerikanischer Kollege entdeckt hätten, hätte auch früher oder später von jemand anderem entdeckt werden können. Es sei ganz einfach da gewesen, um entdeckt zu werden.

Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben lässt mich oft innehalten und bedenken, was ich da eigentlich lese – und mir wird bewusst, dass ich nicht einfach ein Buch voller tiefgründiger Einsichten lese, sondern eine Art Offenbarung erlebe. Immer mal wieder, für Momente, erfahre ich, dass wirkliches Verstehen befreiend ist. Zum Zeugen zu werden, lässt sich üben.

Rigpa
Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben
Ein Schlüssel zum tieferen Verständnis von Leben und Tod
Knaur Taschenbuch, München 2020

Dienstag, 15. Dezember 2020

Bird Therapy

Joe Harkness arbeitet als Lehrer für Jugendliche, "die aufgrund ihrer Verhaltensprobleme ausgeschult wurden und bis zu einem gewissen Grad besondere Bildungsbedürfnisse haben. Eine dicke Haut ist eine Voraussetzung für die Bewältigung solcher Aufgaben und unerlässlich, um sich gegen unflätige Verbalattacken und überbordende Kritik zur Wehr zu setzen ...". Mit anderen Worten: Das ist ein Job, der auch für super-ausgeglichene Leute nicht gerade einfach ist.

In einer besonders schwierigen Phase seines Lebens entwickelt Joe Harkness Ängste, "die schon beim Aufwachen begannen und den ganzen Tag anhielten, und zwar Tag für Tag." Auch mit Alkohol hat er ein Problem. Zwangserkrankung (OCD=obsessive-compulsive disorder) sowie Generalisierte Angststörung  (GAS) lautete die Diagnose. Er versucht seine Ängste mit Ritualen in den Griff zu bekommen, die ihn entspannen. Und er nimmt Antidepressiva. Und dann macht er Erfahrungen, in denen die Bird-Therapie wurzelt.

Als er eines Tages aus einer besonders anstrengenden und belastenden Schulsituation flieht und auf Autopilot in die Natur fährt, werden seine Gedanken "jäh unterbrochen, als ein kleiner Vogel mit gestreiftem Federkleid aus einem Baum in der Nähe aufstieg, mit ausgebreiteten reglosen Flügeln, abwärts segelte. Er glich einem gefiederten Fallschirmspringer, der langsam zur Erde gleitet. Dabei erfolgte ein fröhliches, melodisches Gezwitscher, das die Heidelandschaft überflutete und einen Widerhall erzeugte. Wirbelnde Töne, die meinen Gedankentornado verdrängten."

Taucht er in die Welt der Vögel ein, erlebt er sich als positiv gestimmt. "Meine Ängste und Sorgen schienen bis zur Bedeutungslosigkeit zu verblassen, und wenn ich gestresst war und  einige Zeit unter freiem Himmel verbrachte, um Vögel zu beobachten, drifteten sie davon, wie Vögel in einer steifen Brise."

Joe Harkness hat Glück gehabt, dass er das Bird-Watching für sich entdeckt und eine Passion dafür entwickelt hat, die seine Lebensgeister reaktiviert hat. Bird Therapy erzählt von dem, was ihm geholfen hat. "Ich habe gelernt und akzeptiert, dass wir alle Teile der Schöpfung und dadurch miteinander verbunden sind."

Doch Bird Therapy berichtet nicht nur von Joe Harkness' Genesung, es gibt auch viele praktische Tipps und Anregungen. Etwa dazu wie wir die Natur und die Vogelbeobachtung bei jedem Wetter geniessen können. "Begrüssen und verbinden Sie sich mit dem Wetter als Teil ihrer Naturerfahrung. Das kann dazu beitragen, sich der Schöpfung näher zu fühlen und die Natur in einer alles umfassenden Weise zu erleben. Oder: "Behalten Sie im Winter die Gewässer ihrer Umgebung im Auge, da der Frost dazu beitragen kann, dass sich eine grosse Anzahl von Federwild in den kleinen eisfreien Bereichen einfindet."

Bird Therapy ist ein Augenöffner und eine hilfreiche Anleitung fürs Leben.

Joe Harkness
Bird Therapy
nymphenburger, Stuttgart 2020

Dienstag, 1. Dezember 2020

Wenn der Körper Nein sagt

Schon wieder einer, der es nötig hat, mit seinem Titel auf dem Buchumschlag zu hausieren, ist eine meiner ersten Reaktionen auf dieses Buch. Solche Leute machen mich vor allem skeptisch. Der Untertitel "Wie verborgener Stress krank macht – und was Sie dagegen tun können" macht mich hingegen neugierig,.

Dass Körper, Seele und Geist eine Einheit bilden, finde ich selbstverständlich. Als der britische Autor Tim Parks auf der Suche nach Hilfe für sein Prostata-Leiden bei einem indischen Ärzteehepaar in Indien landete und fragte, ob sein Leiden möglicherweise psychische Ursachen haben könnte, wurde ihm erwidert: Nur wenn man an die Trennung von Psyche und Körper glaubt.

Der Autor Gabor Maté ist praktizierender Arzt und erzählt in diesem Buch viele bewegende Fall-Geschichten und zitiert unter anderen aus einem der Dialoge Platons mit Sokrates, der illustriert, dass die Körper-Geist-Idee auch bei einigen im Westen schon lange bekannt ist.  "Aus diesem Grund vermögen die Ärzte von Hellas viele Krankheiten nicht zu heilen, weil sie von dem Zusammenhang nichts wissen. Denn das ist der grosse Irrtum unserer Zeit, dass die Ärzte bei der Behandlung des menschlichen Körpers die Seele vom Körper trennen."

Ich schätze dieses Buch und es nervt mich gleichzeitig. Ich schätze es, weil es auf vielfältige Art deutlich macht, wie alles miteinander zusammenhängt und verbunden ist, mich nervt, dass es bei aller Differenziertheit oft sehr pauschal daherkommt. So  lese ich etwa von einem 'universell menschlichen Bedürfnis nach Kontakt' oder davon, dass viele Menschen mit chronischen Krankheiten glauben, nicht liebenswert zu sein. Woraus der Autor schliesst: "Die Suche nach Kontakten ist eine Notwendigkeit für die Heilung." Wieso mich das nervt? Weil es Leute gibt, die nun einmal nicht liebenswert sind. Weil es Kontakte gibt, die einem schlicht nicht gut tun.

Trotzdem: Dies ist ein differenziertes Buch. "Wenn ich also darlege, dass Verdrängung eine Hauptursache von Stress ist und massgeblich zu Krankheiten beiträgt, zeige ich nicht mit dem Finger  auf andre, weil sie 'sich selber krank machen'. Ich möchte mit diesem Buch das  Lernen und die Heilung fördern, nicht den Quotienten aus Schuld und Scham erhöhen, die in unserer Kultur bereits im Übermass vorhanden sind."

Zu den "sieben Prinzipien der  Heilung" gehören neben Akzeptanz und Achtsamkeit, die man in jedem Buch findet, das sich mit dem gesunden Leben auseinandersetzt, auch die Wut, die ja nichts anderes als Energie und zudem der Selbstbehauptung förderlich ist sowie auch ein exzellenter Motivator sein kann.

"Gesundheit ruht auf drei Pfeilern: dem Körper, der Psyche und der spirituellen Verbindung", schreibt Gabor Maté. Es geht darum, diese drei im Gleichgewicht zu halten. Anregungen dazu  liefert dieses Buch zuhauf.

Der Autor hat dieses Buch  Dr. Hans Selye gewidmet, den er als "einen Mann der  Renaissance im 20. Jahrhundert" bezeichnet und mit diesen weisen und wegweisenden Worten zitiert: "Was in uns ist, muss heraus, sonst explodieren wir vielleicht an den falschen Stellen oder werden durch Frustrationen eingeengt. Die grosse Kunst besteht darin, unsere Vitalität auf den besonderen Wegen und in der besonderen Geschwindigkeit, die von der Natur für uns vorgesehen ist, Ausdruck verleihen."

Dr. Gabor Maté
Wenn der Körper Nein sagt
Wie verborgener Stress krank macht – und was Sie dagegen tun können
Narayana Verlag, Kandern 2020