Sonntag, 15. März 2020

Die Wahrheit des Augenblicks

Als ich während eines  Einsatzes als Therapeut einer Kollegin gegenüber wortreiche Ausführungen über meine Sicht der Dinge "unseren" Patienten anlangend machte, sagte sie unvermittelt: Du bist eigentlich eher Philosoph als Therapeut. 

Die psychologische und  psychiatrische Herangehensweise bei seelisch-leidenden Menschen hat mich nie wirklich überzeugt; ich kann mit diesen so recht eigentlich hilflosen und willkürlichen Zuschreibungen (vom frühkindlichen Trauma bis zur angeblichen Bindungsunfähigkeit) wenig anfangen. Sie charakterisieren eher das Denken der Psychologinnen und Psychiater als die Befindlichkeit der Patienten.

Nichtsdestotrotz: Jede Therapie kann wirken, sofern der Patient daran glaubt. Und da der Mensch bekanntlich auch ganz viel Unsinn glaubt (etwa dass die Wirklichkeit nur im Kopf existiere –  solchen Leuten empfehle ich den Sprung vom fünfzehnten Stockwerk), kann sein Glaube natürlich auch jeden Therapieerfolg verhindern.

Mich selber überzeugen die Selber-Denker mehr als die Diplomierten. Und noch mehr imponieren mir die, die leben, was sie predigen. Leider gehöre ich nicht zu ihnen, doch ich gebe mir Mühe und übe weiter. Und darauf gründet wesentlich mein Therapie-Ansatz: Auf meiner eigenen Auseinandersetzung mit dem Leben, bei dem mich viel Zen-Buddhistisches oder was ich glaube, davon zu verstehen, begleitet hat und das immer noch tut.

Beim Zen geht es darum, den Augenblick zu erfahren. Alles andere ist Ablenkung. Dass eine solche temporär hilfreich sein kann, steht ausser Frage. Nur eben: "Wir können nicht leben, ohne ganz in diesem Augenblick zu sein, denn daraus besteht unser Leben", schreibt Charlotte Joko Beck in Zen im Alltag. Der Augenblick ist immer gegenwärtig, das heisst jedoch nicht, dass wir für ihn erwacht sind. Dies gilt es zu lernen.

Es ist eine "Tatsache, dass wir absolut nicht erleben wollen, was wir erleben." Und warum ist das so? "Wir wollen das Leben nicht annehmen, wie es ist, weil dazu auch das Leiden gehört, und das erscheint uns unannehmbar."

Nehmen wir die weissen Blutkörperchen; sie sind so eine Art Reinigungstrupp, der in den Arterien unterwegs ist. "Gerade während wir hier sitzen, sind Millionen solcher Zellen in uns tätig, um unsere Arterien nach Kräften zu reinigen." Sie tun, was sie tun. Also das, was in ihnen angelegt ist, wofür sie bestimmt sind.

"Uns ist die Gabe des Denkens gegeben, und wir missbrauchen sie und gehen in die Irre. Wir vertreiben uns selbst aus dem Paradies. Wir denken nicht an die Arbeit, die für das Leben getan werden muss, sondern trachten nur danach, wie wir unser isoliertes Selbst hätscheln können – was einem weissen Blutkörperchen nie einfallen würde. Sein Leben wird nach kurzer Zeit vorbei sein, es wird durch andere ersetzt. Es grübelt nicht, es tut einfach seine Arbeit."

Nehme ich mir Zeit und lasse dies auf mich wirken, so vermeine ich zu spüren, dass mein Körper das alles weiss, dass er die Wahrheit des Augenblicks kennt.

Sonntag, 1. März 2020

Staying in the Present Moment

Often, one of our biggest questions is "What's going to happen?" We may ask this about our relationships, our career, our recovery, and our life. It is easy to tangle us up in worrisome thoughts.

Worrying about what's going to happen blocks us from functioning effectively today. It keeps us from doing our best now. It blocks us from learning and mastering today's lessons. Staying in the now, doing our best, and participating fully today are all we need to do to assure ourselves that what's going to happen tomorrow will be for the best.

Worrying about what's going to happen is a negative contribution to our future. Living in the here and now is ultimately the best thing we can do, not only for today, but also for tomorrow. It helps our relationships, our career, our recovery, and our life.

Things will work out, if we let them. If we must focus on the future other than to plan, all we need to do is affirm that it will be good.

Samstag, 15. Februar 2020

FAS(D) perfekt!

Der kleine Mo leidet an der Fetalen Alkoholspektrum-Störung FAS(D) und lebt bei einer Pflegefamilie. Dieses Bilderbuch erzählt, wie er mit dieser Störung lebt und wie sich die Welt um ihn herum anfühlt. Der Autor Reinhold Feldmann und die Illustratorin Anke Noppenberger leisten damit überaus nützliche Aufklärung.

Ein Gläschen in Ehren, denkt der Mensch so gemeinhin, wird man ja wohl niemandem verwehren. Nun ja, wie immer, das kommt ganz drauf an. So ist etwa einem Alkoholiker kein Gläschen zu empfehlen, kein einziges. Klar, Kliniken, die sich für gemässigtes Trinken stark machen, sehen das anders – sie sind auf der Suche nach Patienten, sprich Einnahmen.

Dass Schwangere keinen Alkohol trinken sollen (überhaupt keinen) ist eine relativ neue Erkenntnis, die heutzutage allerdings von allen fachlichen Berufsverbänden empfohlen wird, denn Alkoholkonsum während der Schwangerschaft verändert das Gehirn des Kindes im Mutterleib und zwar vor allem die Regionen, die für das Gedächtnis zuständig sind.

FAS(D) perfekt! leitet dazu an, wie man mit solchen Kindern  sinnvoll umgeht. Und fördert Überraschendes und Hilfreiches zutage. So viel sei verraten: Pädagogische Massnahmen sollten nicht im Vordergrund stehen.

Und noch etwas sei verraten: "Bei allen Einschränkungen haben Kinder mit FASD überraschend häufig besondere Fähigkeiten – oft jenseits der schulischen Leistungsfächer. Die besonderen Begabungen liegen in der Bewegung, im Sport also oder etwa in der Musik. Viele FASD-Kinder kommen im Umgang mit Tieren besonders gut zurecht." Wir könnten einiges von ihnen lernen.

Reinhold Feldmann
Anke Noppenberger
FAS(D) perfekt!
Ernst Reinhardt Verlag, München 2019

Samstag, 1. Februar 2020

Our Pseudo Problems

The first step in any practice is to know that we're imprisoned. Most people have no inkling: "Oh, everything's fine with me." Only when we begin to recognize that we're imprisoned can we begin to find a door and leave the prison. We have awakened enough that we know that we're in prison.

It's as if my problem is a dark, forbidding castle, surrounded by water. I find myself a little boat, and I begin to row away (...) Practice is like the process of rowing across the moat. First we're caught in our particular pseudoproblem. At some point, however, we realize that what seemed to be the problem is not the problem after all – that our problem is something much deeper. A light begins to dawn (...) 

As we begin to row away, the water may be choppy and rough, making our rowing difficult. A storm may even throw us back against the shore, so that we can't get away for a while. Still, we keep trying, and at some point we put some distance between ourselves and the gloomy castle. We begin to enjoy life outside that castle a little bit. Eventually we may enjoy life enough that the castle itself now seems to be just another piece of debris floating in the water, no more important than anything else.

Charlotte Joko Beck
Nothing Special
Living Zen

Mittwoch, 15. Januar 2020

Fünf Meditationen über den Tod

Es ist dieser Perspektivenwechsel, den François Cheng in der ersten Meditation dieses schön gestalteten Werkes vorschlägt, der mich ganz unbedingt für diesen Text einnimmt. „Anstatt den Tod von dieser Seite des Lebens aus wie ein Schreckgespenst anzustarren, könnten wir den Tod in unsere Sicht einbeziehen und das Leben von der anderen Seite, nämlich von unserem Tod aus betrachten (...) Vollziehen wir diese Wende nicht, bleiben wir von einer hermetischen Sichtweise beherrscht, der zufolge unser Leben, egal was wir tun, enttäuschend endet mit einer Schlussfolgerung, die sich in einem Wort zusammenfassen lässt: das Nichts.“

Die Bewunderung des jungen François Cheng (geboren 1929 in China, Übersiedelung nach Frankreich im Alter von neunzehn Jahren), gehörte den Dichtern, nicht nur ihres lyrischen Ausdrucks, sondern der plötzlichen Eingebungen wegen, die sich in ihren Worten manifestierte. In Rilkes „O Herr, gib jedem seinen eigenen Tod“ vermeint er seine eigene Stimme zu hören.

„Der Tod verwandelt das Leben in Schicksal“, schrieb André Malraux. Cheng kommentiert: „Demzufolge ist das Universum nicht bloss ein Haufen von Entitäten, die sich blind bewegen, es besteht aus einer ausserordentlichen Vielfalt von Wesen, von denen jedes, getrieben vom Wunsch zu leben, einer gerichteten Bahn folgt, einer Bahn, die ausschliesslich ihm eigen ist.“ Sich dies zu vergegenwärtigen, lässt einen (zugegeben, ich spreche von mir) das Leben auch „als ein unglaubliches, heiliges Geschenk“ sehen – und für Geschenke sollten wir dankbar sein.

„Neben der Gewissheit des Todes gibt es in uns diese Gewissheit, dass wir den Augenblick des Lebens beherrschen.“ Cheng unterscheidet den Augenblick von der Gegenwart, die er als ein blosses Bindeglied in der chronologischen Ordnung versteht. Der Augenblick hingegen geschieht ganz unvermittelt, kristallisiert blitzartig „im Inneren unseres Bewusstseins die Erlebnisse der Vergangenheit und die Träume der Zukunft zu einer aus dem namenlosen Meer aufgetauchten Insel, die plötzlich von einem grellen Lichtkegel erhellt wird.“ Nietzsche vertrat die Auffassung, dass wer Ja zu zu einem einzigen Augenblick sage, habe zu allem Dasein Ja gesagt, denn nichts stehe für sich allein, alles sei miteinander verbunden.

Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben verblüfft immer wieder durch Chengs genaue Wahrnehmung, die Zeugnis ablegt vom alltäglichen Wunder, dem wir teilhaftig sind. Etwa wenn er auf unsere erstaunliche Fähigkeit hinweist, „zu fühlen und Anteil zu nehmen“. Oder wenn er darauf aufmerksam macht, dass unser Unbewusstes „sich nie vollständig erhellen lässt.“ Oder wenn er feststellt: „Jedes Wesen erstrebt auf Grund seiner Einmaligkeit die volle Entfaltung seiner Anwesenheit in der Welt, gleich einer Blume oder einem Baum.“

Er habe im Grunde sein ganzes Leben „mit Lesen und Schreiben verbracht, vor allem aber mit Denken und Meditieren“, notiert der Autor und so überrascht es nicht, dass Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben auch vorführt, wie vielfältig gebildet dieser Mann ist – und dieses Bildungsbürgerwissen wurde mir manchmal etwas gar viel.

Über den Tod und das Leben nachzudenken, bedeutet auch, sich mit der Schönheit und dem Bösen zu befassen und verstehen zu lernen: „Das Leben gehört uns nicht, wir gehören ihm.“ Uns ist aufgegeben, so Cheng, uns der heiligen Ordnung des Lebens rückhaltlos anzuvertrauen, damit „die Entwicklung des Lebens zu einem gewaltigen Abenteuer voller bemerkenswerter Erfolge und unvorhersehbarer Gefahren“ werden kann.  

Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben schärft nicht nur die Wahrnehmung, es trägt darüber hinaus dazu bei, mit einem neuen Bewusstsein durchs Leben zu gehen.

Ein im wahrsten Sinne des Wortes wunderbares Buch!

François Cheng
Fünf Meditationen über den Tod
und über das Leben
C.H.Beck, München 2015

Mittwoch, 1. Januar 2020

Alles ist gut, alles

Zu seinen Gewohnheiten gehörte, Unangenehmes so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Die Idee dahinter – wenn es denn überhaupt eine Idee war, so war es keine bewusste, von der ihm klar war, dass sie sein Verhalten leitete, sondern eine nachgereichte – war, anschliessend das machen zu können, wozu er mehr Lust hatte. Leider ist es nun aber so, dass, kaum hatte er die eine unangenehme Sache (meist Problem genannt) hinter sich gebracht, schon die nächste vor seiner Nase stand. Mit anderen Worten: Er räumte ständig so schnell wie möglich Probleme aus dem Weg, deren Anzahl sich deswegen jedoch nicht zu verringern schien.

Wer sich ändern wollte, musste sich anstrengen, hatte er sein Leben lang geglaubt. Neues zu wagen, erforderte Mut. Das war zwar nicht falsch, doch es umschiffte, worum es wirklich ging – man musste nicht ändern, was man tat (sicher, das war manchmal notwendig – wenn man dem Suff verfallen war, zum Beispiel), sondern wie man es tat. Dass das Leben schwierig war, war nicht das Problem, sondern dass man nicht akzeptieren wollte, dass es schwierig war.

Hehre Worte, doch seine Praxis war anders und bestand wesentlich darin, darauf zu warten, dass alles sich ganz plötzlich perfekt anfühlte. Das war sein Muster und er war unfähig, es zu brechen. Und dann, er merkte es erst im Nachhinein, ging er auf einmal anders durch den Tag als zuvor, haderte er nicht mehr mit seinen ständig misslingenden Versuchen, ein neues Leben zu beginnen. Es war ihm, als ob er endlich begriffen hätte, dass er ohne sein Scheitern nicht aufgegeben hätte und dass Aufgeben (surrender, wie es im Englischen zutreffend heisst) die Voraussetzung für die andere Art von Leben war, die ihm vorschwebte. Scheitern war notwendig, war Vorbereitung für das, was ultimativ zählt – die Hingabe ans Leben. Schon etwas esoterisch, dachte er so bei sich, doch was zählte waren nicht die Worte, sondern die Erfahrung zu machen.

Alles ist gut, alles. Für alle die ist es gut, die da wissen, dass alles gut ist. Wenn sie wüssten, dass sie es gut haben, dann hätten sie es gut, aber so lange sie das nicht wissen, so lange werden sie es auch nicht haben. Das ist der ganze Gedanke, der ganze Sinn, einen weiteren gibt es überhaupt nicht.
Fjodor M. Dostojewski: Die Dämonen

Hans Durrer
Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn
Ansichten und Einsichten
neobooks, München 2019

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Zum Zeugen werden

Mir schwebte etwas Neues vor. Nur was?

Fündig wurde ich bei „Zen im Alltag“ von Charlotte Joko Beck, das ich vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal gelesen habe. Angestrichen habe ich mir damals unter anderem: „… wenn wir wirklich beobachten, was in unseren Köpfen passiert, dann sehen wir, dass wir ständig um Wunschträume kreisen, wie wir sein sollten oder nicht sein sollten, oder wie jemand anders zu sein hätte; wie wir in der Vergangenheit waren, wie wir in der Zukunft sein werden oder wie wir die Dinge hinbiegen können, dass wir bekommen, was wir haben wollen.“

Eine neue Lebenseinstellung, bei der das Üben zum Zeugen zu werden im Vordergrund steht, ist also gefragt. Bei diesem Üben geht es darum, „uns die Angst bewusst zu machen, anstatt in unserer Zelle der Angst aufgeregt herumzulaufen und zu versuchen, sie zu verschönern und uns dabei besser zu fühlen. Alle unsere Bemühungen im Leben sind solche Fluchtversuche – wir versuchen, dem Leiden zu entfliehen, dem Schmerz darüber, was wir sind. Selbst Schuldgefühle sind eine Flucht. Die Wahrheit jedes Augenblicks ist immer die, dass wir einfach sind, was wir sind. Das bedeutet, dass wir unsere Unfreundlichkeit spüren, wenn wir unfreundlich sind. Aber das wollen wir ja nicht. Wir wollen uns für freundliche Menschen halten. Oft aber sind wir es nun einmal nicht.“

Es geht also um Akzeptanz, uneingeschränkte Akzeptanz. Wenn wir diese erlangen, werden wir ein anderer Mensch sein. In diesem Abschnitt meines Lebens, so nehme ich mir vor, will ich das versuchen. „Wenn wir uns selbst erleben, wie wir sind, dann entspriesst aus diesem Tod des Ich, aus diesem verdorrten Baum, eine Blüte – ein Bild aus dem wunderschönen Vers des Shōyō Rōku. Die Blüte blüht nicht aus einem geschmückten, sondern einem verdorrten Baum. Wenn wir von unseren Idealen Abstand nehmen und sie genau betrachten, indem wir Zeugen sind, dann kehren wir zu dem zurück, was wir sind, und das ist die Klugheit des Lebens selbst.“

Hans Durrer, 2019