Mittwoch, 28. Mai 2014

Hilfe! Psychotherapie

"Ich halte Würde für das oberste und wichtigste Lebensziel, und die gewinnt man nicht durch Erfolg und Leistung, sondern nur durch die individuelle Wahrheit, die es zu finden und zu leben gilt", schreibt der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz im Vorwort, in dem er auch erwähnt, dass er seit 14 Jahren mit seiner Frau Dr. Ulrike Gedeon-Maaz, Psychiaterin, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin zusammen arbeitet. Maaz war zudem auch lange Zeit Chefarzt der Klinik  für Psychotherapie und Psychosomatik des Diakoniekrankenhauses Halle. Mit anderen Worten: der Mann ist ein Vertreter des Systems, dem er kritisch gegenüber steht.

Von der Psychotherapie schreibt er, diese sei "niemals nur Kassenleistung zur Behandlung von Krankheiten, sondern stets auch Lebensform: die beharrliche kritische Auseinandersetzung mit Erkrankungen oder Konflikten auf der Suche nach dem aufrichtigen Weg." Klingt gut, und ist mir sympathisch, aber ob das auch die Realität ist?

"Dass Psychotherapie wirkt, ist wissenschaftlich gesichert. Ihre individuelle Anwendung aber bleibt eine Kunst und ist von ganz subjektiven Faktoren abhängig", so Maaz. Nun ja, mit der Wissenschaft und der Seele ist das so eine Sache, wie die beiden zusammengehen können ist mir völlig rätselhaft und ich hätte gerne mehr darüber erfahren ... für viele der seelischen Krankheiten, die Aufnahme in die DSM, das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen, der Bibel der Psychiatrie, finden, gibt es jedenfalls keine wissenschaftliche Grundlage ...

Hans-Joachim Maaz hält nichts "von einer vorgeblichen Neutralität des Therapeuten", sondern betrachtet es "als seine Pflicht, die eigene Position gegenüber den Belangen des Patienten zu reflektieren." Doch was macht eigentlich ein Therapeut? Er exploriert, stellt Fragen, trifft mit dem Patienten Vereinbarungen, bestätigt, was bestätigt gehört, verbalisiert emotionale Erlebnisinhalte, konfrontiert, deutet, doch raten soll er nicht. "Rat soll der Psychotherapeut nicht oder nur selten geben, da es darauf ankommt, dass der Patient lernt, sich besser zu verstehen, und aus Erkenntnis und Einsicht zu seinen Entscheidungen findet. Psychotherapie ist Lehre zur Selbstberatung." Das Problem dabei ist, dass wir alle nicht sehr gut darin sind, auf unseren eigenen Rat zu hören.

Mein spezielles Augenmerk galt dem Kapitel über "Alkohol, Drogen, Medikamente und Psychotherapie" wo ich unter anderem las, dass Psychotherapie nur Erfolge bringen könne, "wenn deutliche Bereitschaft und ernsthafte Motivation gegeben sind." Das bedeutet: ohne vorgängige Abstinenz (denn nur darin zeigt sich die klare Bereitschaft und Motivation) kann Psychotherapie nichts bewirken. In den Worten von Hans-Joachim Maaz: "...was mit Substanzen betäubt wird, entzieht sich der therapeutischen Bearbeitung. Anders gesagt: Erst wenn Suchtmittel weggelassen werden, können die psychischen Inhalte, die mit Alkohol oder Drogen beeinflusst wurden, wieder spürbar und so der bewussten Bearbeitung zugeführt werden. Man kann es auch zugespitzt formulieren: Statt sich mit Drogen zuzudröhnen, entsteht die wesentliche Befreiung durch die zugelassenen Affekte – in der Regel aggressive, schmerzliche und traurige Gefühle – in einer einfühlsamen Beziehung." Ob die einfühlsame Beziehung wirklich die Lösung ist, sei einmal dahin gestellt, doch Süchtige oder Ex-Süchtige würden sicher gerne erfahren, wie man zu solch einer Beziehung kommt. Und die Nicht-Süchtigen sicher auch.

Hans-Joachim Maaz
Hilfe! Psychotherapie
Wie sie funktioniert und was sie leistet
Verlag C.H.Beck, München 2014

Mittwoch, 21. Mai 2014

Preparing yourself to die well

Robertson Davies: By preparation for death I don't mean folding your hands or going around forgiving a lot of people you don't want to forgive: it's preparing for a richness, a good and glorious end.

Tom Harpur: But how does one prepare?

Robertson Davies: You have to come to terms with yourself and your place in the scheme of life – something a good many people don't want to do. In the last century we have extended the normal life-span. Many seem to believe that this means we have extended the period when they should enjoy the things they enjoyed in youth. But, I don't think they realize that we've also expanded the period of life when we can learn to think, feel, and experience the largeness and splendor of life.

Conversations with Robertson Davies
Edited by J. Madison Davis
University Press of Mississippi
Jackson and London 1989

Mittwoch, 14. Mai 2014

Vom Leben mit einer schizophrenen Tochter

"Schizophrenie ist ein wenig wie Krebs", schreibt Michael Schofield im Vorwort zu seinem Bericht Ich will doch bloss sterben, Papa. Leben mit einer schizophrenen Tochter. "Man kann sich nie ganz sicher sein, dass er völlig verschwunden ist. Auch wenn man symptomfrei ist: Hatte man den Krebs einmal im Leben, so besteht bis zum letzten Atemzug die Gefahr, dass er zurückkehrt."

Michael Schofield, dessen Tochter Janni an Schizophrenie leidet, ist Dozent an der California State University, Northridge. Zusammen mit seiner Frau Susan gründete er die Jani Foundation zur Unterstützung psychisch kranker Kinder und deren Eltern (www.janifoundation.org).

Mit neun wolle sie sterben, sagte die kleine Janni, weil sie schizophren sei. Der Arzt fragte sie, was es ihrer Meinung nach bedeute, schizophren zu sein. "Ich sehe und höre Zeug, das es nicht gibt", erklärte sie ihm..

Niemand weiss, wodurch Schizophrenie ausgelöst wird. Die derzeit gängigste Theorie behauptet, es handle sich womöglich um eine "der Alzheimerkrankheit verwandte neurodegenerative, biochemische Hirnschädigung."

Janni lebt in ihrer eigenen Welt, ist eigensinnig, gänzlich unberechenbar und hat im Alter von vier Jahren das geistige Vermögen einer Zehn- bis Elfjährigen. Die auf Autismus ("Autismus ist die aktuelle Modediagnose, genau wie Hyperaktivität zu meiner Kindheit") spezialisierte Therapeutin empfiehlt eine Schule für Hochbegabte.

Für ihre Eltern ist dieses Kind eine ungeheure Herausforderung. "Janni wirkt völlig abgekapselt, wie sie da mit gekrümmtem Rücken im dämmrigen Zimmer sitzt; neben ihr Violet, die sich bemüht, zu ihr durchzudringen, ihre Freundin zu sein. Janni ist die Laura aus der Glasmenagerie, gefangen in ihrer eigenen Welt. Ein Schluchzen steigt mir die Kehle hoch, doch ich kämpfe es zurück. Nein, ich steigere mich hier in etwas hinein. Das ist nur eine vorübergehende Phase. Janni wird das überwinden", schreibt der Vater, der sich ständig Sorgen um seine Tochter macht, unter Schlafentzug und dem Zwang, die Kleine andauernd zu beschäftigen, leidet.

Michael und Susan Schofield entschliessen sich zu einem zweiten Kind. "Ich wollte Bodhi aus einem und nur einem Grund: weil Janni sich ein Geschwisterchen wünschte", hält Michael fest. Die Kleine terrorisiert ihre Eltern und diese lassen sich terrorisieren, schaffen es nicht, streng mit ihr zu sein, ihr Grenzen zu setzen.

Janni geht mit Fäusten und Tritten auf die Mutter los, kündigt emotionslos an, sie werde ihrem kleinen Bruder wehtun. Wieso? Weil er schreit, sagt sie. "Diese Gewaltausbrüche sind ebenso unvermittelt vorbei, wie sie begonnen haben." Das Familienleben wird zum Albtraum.

Die Eltern wenden sich an eine Kinderpsychologin, die völlig überfordert ist und selber Hilfe bräuchte. Dann landen sie bei einer Psychiaterin, die ihr ein sedierendes Mittel verschreibt, das bei Janni nicht den geringsten Effekt zeigt, bei ihrem Vater jedoch, der dieselbe Dosis genommen hat und fünfmal so viel wiegt wie seine Tochter, wie eine Bombe einschlägt.

Der Neurologe tippt auf ADHS, worunter auch Michael leidet und deswegen ein Antidepressivum nimmt. Doch die Medikamente wirken bei Janni nicht, schliesslich landet sie in der Psychiatrie, wo sie sich wohl zu fühlen scheint. Nach zwei Wochen wird sie entlassen, ist aber noch genau so gewalttätig wie zuvor, die Eltern bringen sie wieder zurück in die Klinik. Dann werden die Behörden aktiv, es liege eine Anzeige auf Kindsmissbrauch vor ...

Ich will doch bloss sterben, Papa ist ein zutiefst aufwühlendes Buch über einen Vater, der nicht aufgibt, seine sehr kranke und schwierige Tochter, deren Verhalten in vielem seinem eigenen gleicht, retten zu wollen und dabei selber fast drauf geht.

Michael Schofield
Ich will doch bloss sterben, Papa
Leben mit einer schizophrenen Tochter
Kösel-Verlag, München 2014

Mittwoch, 7. Mai 2014

Eine Depression lasse ich nicht mehr zu

Wüsste man nicht, dass der Autor dieses autobiografischen Berichts Filmemacher ist, würde man es nach diesem fulminanten Auftakt vermuten: "Ich hätte mich ohrfeigen können. Freiwillig war ich in die Klinik eingetreten, auf Anraten meines Psychiaters Dr. K. Zuvor hatten wir es drei Monate lang mit ambulanter Gesprächstherapie und Psychopharmaka versucht. Vergeblich." Wer würde da nicht wissen wollen, wie es weitergeht? Rolf Lyssy, es ist offensichtlich, hat ein Händchen für Dramaturgie.

"Swiss Paradise" berichtet von einer Höllenfahrt in einen "endlosen schwarzen Tunnel" und beschreibt unter anderem wie Lyssy sich an der Premiere von Fredi Murers Spielfilm Vollmond seltsam entrückt fühlte: "Ich nahm zwar alle und alles wahr, gleichzeitig hatte ich den Eindruck, als ob ich nicht dazugehörte, als ob unsichtbare Wände zwischen mir und den Menschen bestehen würden." Er erhält die Diagnose schwere Depression, kriegt Medikamente verschrieben, kann jedoch vorerst keine Wirkung erkennen. Eine Randbemerkung: wer sich dafür interessiert, weshalb Anti-Depressiva häufig nicht wirken, sollte James Davies' Cracked. Why Psychiatry is Doing More Harm Than Good lesen.

In der Klinik erhält er den Rat, seinen inneren Widerstand gegen die Krankheit aufzugeben. Und natürlich wehrt er sich dagegen, weil er, wie fast alle, die unter psychischen Störungen leiden, nicht versteht (kein Wunder, woher auch?), dass das Akzeptieren der Störung die Grundbedingung für eine mögliche Genesung ist.

Ohne Hoffnung sei der Mensch prinzipiell nicht lebensfähig, schreibt Lyssy. "Wenn der Mensch nicht mehr hoffen kann, aus was für Gründen auch immer, dann vegetiert er nur noch." Das sehe ich ganz anders. So sehr wir Erwachsenen die Hoffnung auch brauchen, so sehr hindert sie uns eben auch, gegenwärtig, ganz im Hier und Jetzt, zu sein.

Seine Tage in der Klinik sind geprägt von Lustlosigkeit, Antriebslosigkeit, und Entscheidungsunfähigkeit. Auf das routinemässige Erkunden des Arztes nach Schlaf, Appetit, Verdauung und Grübelzwang, antwortet er "genauso routinemässig: 'Ich schlafe gut, mein Appetit ist ausgezeichnet, die Verdauung funktioniert nicht, der Grübelzwang hält unvermindert an.' Und alles nur dank der Chemie, aber das behielt ich für mich. Tatsächlich äusserte sich als Nebenwirkung der Medikamente mein 'ausgezeichneter Appetit' in Form eines derart intensiven Hungergefühls, wie ich es nie zuvor gekannt hatte ...".

À propos Entscheidungsunfähigkeit: Lyssy schildert diese sehr detailliert und auch deswegen gut nachvollziehbar. Und wunderbar anschaulich: "Mein Hirn hatte etwas von einem Netz, prall gefüllt mit zappelnden Fischen, die nach Wasser schnappten."

Immer mal wieder verspürt er Angst, er müsste womöglich für ewig in der Klinik bleiben. Lithium und Schlafentzug werden als Therapie vorgeschlagen. Er erinnert sich an die freimütige Aussage eines Mediziners, dass psychiatrische Therapie nichts anderes als trial and error sei, und meint trocken, mit der error-Erfahrung sei er mittlerweile vertraut. Was ihn schliesslich rettet und von der Depression erlöst, ist eine Mischung unterschiedlichster Faktoren zu denen Lithium, die sich an der unmittelbaren Gegenwart orientierende Verhaltenstherapie und die Zeit gehören.

"Swiss Paradise" erzählt die Geschichte von Rolf Lyssys Depression eingebettet in seine bewegende Familiengeschichte (das Buch enthält auch den gut geschriebenen und beeindruckenden {wiewohl lückenhaften, der Sohn weist darauf hin wie auch auf seine diesbezüglichen Recherchen} Lebensbericht der Mutter, einer deutschen Jüdin mit russischen Wurzeln, die es in jungen Jahren in die Schweiz verschlug) und in ein Stück Schweizer Filmgeschichte, womit dieses Werk, wie es Urs Widmer im Vorwort formuliert, "ein gewaltiges Stück Welthaltigkeit hinzu" gewinnt. Und darüber hinaus klar macht, dass eine seelische Krankheit nie isoliert, sondern immer auch im grösseren Ganzen gesehen werden muss.

Rolf Lyssy
Ein autobiografischer Bericht
Rüffer und Rub Verlag Zürich

Mittwoch, 30. April 2014

Co-Abhängigkeit

Im Gegensatz zur vorherrschenden Praxis in der Bundesrepublik, schreibt Monika Rennert, sei es in den USA seit Jahren üblich, Drogenabhängigkeit als "family affair" zu betrachten. Das hat auch damit zu tun, dass Angehörige von Suchtkranken einen Veränderungsprozess durchmachen, "dessen Phasen mit denen der Entwicklung der Drogenabhängigkeit vergleichbar sind."

Suchtkranken besonders Nahestehende, seien es Familienangehörige oder Partner, können schnell einmal in die Rolle der "Enabler" geraten. Damit ist gemeint, dass die, die helfen wollen, in eine Lage geraten können, in der sie unbewusst die Sucht stabilisieren. Sechs verschiedene Verhaltensstile können dabei unterschieden werden: 1) Vermeiden und Beschützen, 2) Versuche, den Drogenkonsum des Abhängigen zu kontrollieren, 3) Übernehmen von Verantwortlichkeit, 4) Rationalisieren und Akzeptieren, 5) Kooperation und Kollaboration, 6) Retten und sich nützlich machen.

"Zur Enabler-Rolle gehört, dass das Verhalten der betroffenen Person im Laufe der Zeit ein zwanghaftes Muster annimmt und einem vorhersehbaren Verlauft folgt." Von aussen sieht das so aus, als ob der Enabler (ob Frau oder Mann) alles tut, um dem Drogenabhängigen die Probleme aus dem Weg zu räumen, die ihn möglicherweise zum weiteren Konsum provozieren könnten. In Tat und Wahrheit jedoch stellt der Enabler durch seine Verantwortungsübernahme "erst eine Situation her, in welcher es keinerlei Grund für den Abhängigen gibt, seinen Konsum einzustellen, und verhindert Krisen, die dazu führen können den Abhängigen zu einer Veränderung seines Verhaltens zu bewegen."

Natürlich haben die Co-Abhängigen auch Vorteile: sie entdecken oft Kräfte und Fähigkeiten, von denen sie gar nichts wussten. Und gebraucht zu werden, tut sowieso gut. Nur eben: das hat alles seinen Preis. Oft verbrauchen Co-Abhängige "ihre Kräfte bis zur Erschöpfung, haben nur wenig Zeit für ihre persönlichen Bedürfnisse und sind mit einer Vielfalt von Sorgen und Problemen belastet. Trotz ihrer Anstrengungen und Bemühungen scheinen all die Dinge, die das Leben lebenswert machen immer weniger zu werden."

Dass Co-Abhängige krank sein sollen, diese Idee stosse "in der Suchtkrankenhilfe auf sehr viel Widerstand", schreibt Monika Rennert. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass der Begriff der Co-Abhängigkeit von den Betroffenen selbst stammt und, so vermute ich, an der Eitelkeit der professionellen Helfer kratzt.

Co-Abhängigkeit kann sich nicht nur im Familiensystem, sondern auch den grösseren Systemen zeigen, vom Arbeitsplatz bis zur professionellen Suchtkrankenhilfe. So muss etwa ein Arbeitsplatz als krank bezeichnet werden, wenn er den Alkoholiker nicht mit seiner Sucht konfrontiert. Das Gleiche gilt für den Arzt, der einem  Drogenabhängigen einfach Medikamente gegen seine Gastritis verschreibt und es unterlässt, ihn auf seine Drogenabhängigkeit anzusprechen. Und auch die Psychotherapeutin, die weiterhin nach verdeckten Konflikten sucht, obwohl die Sucht ganz offensichtlich das Verhalten des Patienten dominiert, trägt so zur Stabilisierung der Suchtkrankheit bei.

 Ausführlich wird auf die Co-Abhängigkeit aus der Sicht der "Alcoholics Anonymous" (AA) eingegangen sowie auf den Begriff der Spiritualität bei den AA. Dabei stellt sie klar, dass Spiritualität und Religion nicht gleichzusetzen sind und dass spirituelle Fragen nichts anderes als grundlegende Lebensfragen sind: "Woher kommen wir? Warum sind wir hier? Wohin führt das Leben? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es eine Macht, die das alles 'dirigiert'?"

 Monika Rennert zitiert aus der Al-Anon Informationsschrift 'Loslassen', worum es bei Co-Abhängigkeit zu gehen hat: "Bei Al-Anon lernen wir, dass niemand für die Krankheit eines anderen Menschen verantwortlich ist und auch nicht für die Genesung. Wir lösen uns aus der krampfhaften Fixierung auf einen anderen. Unser Leben wird glücklicher und leicht zu meistern; es wird ein Leben mit Würde und Rechten, ein Leben unter der Führung einer Macht, die grösser ist als wir selbst."

Monika Rennert
Co-Abhängigkeit
Was Sucht für die Familie bedeutet
Lambertus Verlag, Freiburg im Breisgau 2012

Mittwoch, 23. April 2014

Crystal Meth

"Batteriesäure, Farbverdünner, Abflussreiniger – kaum ein vernünftiger Mensch würde diese Substanzen freiwillig zu sich nehmen. Doch sie sind typische Grundstoffe einer Droge, die in grossen Schritten Deutschland erobert: Crystal Meth, auch bekannt als Crystal Speed, Ice, Crank oder einfach nur Crystal." Mit diesen Sätzen beginnt das spannend zu lesende, informative, im Münchner Riva Verlag erschienene Crystal Meth. Wie eine Droge unser Land überschwemmt von Dr. Roland Härtel-Petri und Heiko Haupt.

Wer Crystal konsumiere, suche nicht die Betäubung, sondern mehr Leistungsfähigkeit, einen klareren Verstand, intensiveren Sex, lese ich da. Klingt wie Kokain, denke ich so für mich, doch da gibt es einen gravierenden Unterschied, schreiben die Autoren, denn kaum eine andere Droge macht so schnell abhängig wie Crystal Meth. Das liegt am Reinheitsgrad, der bei Kokain etwa bei 25 Prozent, bei Crystal hingegen bei 70 und nicht selten bei 90 Prozent liegt.

Schon Heinrich Böll kannte Crystal Meth, genauer eine Frühform genannt Pervitin. Von dieser Droge waren viele Soldaten im Zweiten Weltkrieg abhängig. "Im Grunde zog Nazideutschland also mit einem Heer von Junkies durch Europa", behaupten die beiden Autoren. Bis in die Siebzigerjahre sei das Methamphetamin bei der Bundeswehr benutzt worden, bei der Nationalen Volksarmee der ehemaligen DDR sogar bis 1988.

Jetzt ist diese Droge wieder da. Die sichergestellten Crystal-Mengen haben rapide zugenommen. "Und die Beschlagnahmen bilden üblicherweise nur die Spitze des Eisbergs, denn das Gros der Drogen wird ja konsumiert, ohne dass die Gesetzeshüter es mitbekommen." Dabei hat auch eine Verlagerung stattgefunden: aus Heroin-Junkies sind Meth-Heads geworden.

Willie Wildgruber, der amtierende Leiter des Sachgebiets Strassensozialarbeit der Stadt Leipzig wird wie folgt zitiert: "Heroinabhängige verhalten sich eben vollkommen anders als Menschen, die Crystal nehmen. Heroin, sagen viele Abhängige, das sei ein Gefühl wie verliebt sein. Die Menschen fühlen sich zufrieden, sind guter Laune und ruhig. Crystal dagegen verleiht das trügerische Gefühl, ein Übermensch zu sein. Das führt auch dazu, dass die Stimmung umschlägt und aggressiver wird." Nun ja, ich selber erlebe Verliebtsein eher als aufregend, denn als ruhig, doch dass Crystal Meth sehr aggressiv macht, unterscheidet diese Droge in der Tat von vielen anderen.

Doch warum macht Crystal Meth eigentlich so rasend schnell süchtig und ist genau deswegen so gefährlich? Die Vorgängerdroge Pervitin wurde in Tablettenform (maximal 30 Milligramm pro Tag) oral eingenommen und so landete die Hälfte der Wirkung in der Leber; Crystal Konsumenten ziehen den kürzeren Weg zum Hirn vor: sie ziehen den Stoff (80 bis 150 Milligramm) durch die Nase oder rauchen ihn. Einmal im Hirn angekommen, führt Crystal zu einer schnelleren und stärkeren Ausschüttung von Dopamin und Serotonin – und lässt gleichzeitig die Nervenzellen absterben, die diese Botenstoffe herstellen sollen. "Dem Gehirn wird somit die Möglichkeit genommen, mit eigenen Mitteln Gefühle wie Euphorie, Antrieb oder Willensstärke zu erzeugen."

Auch eine Betroffene kommt zu Wort: Mara S., der mitterweile klar geworden ist, "dass die Droge mich verarscht", erzählt ihre eigene Crystal Meth-Drogenkarriere. Sie scheint ihren Tiefpunkt erreicht zu haben und hält fest: "Ich weiss, dass ich es schaffen kann  – ich weiss nur nicht, ob ich es schaffe. Ich fange bei null wieder an. Nein, ich fange sogar bei minus an." Möge ihr die Neugestaltung ihres Lebens gelingen!

Dr. Roland Härtel-Petri
Heiko Haupt
Crystal Meth
Wie eine Droge unser Land überschwemmt
Riva Verlag, München 2014

Mittwoch, 16. April 2014

Erschöpfungsdepression

Daniel Göring, geboren 1966, erleidet eine Erschöpfungsdepression bis zum versuchten Suizid, schreibt der Verlag und bezeichnet das Buch als "packendes, autobiografisches Protokoll über ein Burnout in den Teppichetagen unserer Leistungsgesellschaft." Diese Gleichstellung von Erschöpfungsdepression und Burnout halte ich für problematisch, nicht zuletzt, weil ich die Diagnose Burnout dem Zeitgeist, der Krankheiten sieht, wo es keine gibt, geschuldet erachte. Mit Jörg Blech (Die Psychofalle) ist festzuhalten: Burnout ist ein medizinisch sinnloser Begriff. "Denn sobald der Zustand, der damit bezeichnet wird, behandlungswürdig ist, handelt es sich automatisch um eine Depression."

Daniel Göring ist gelernter Typograf, hat als Journalist Erfahrungen gesammelt und danach als Kommunikationschef grosser Organisationen gearbeitet. Er funktioniert, man hat nicht den Eindruck eines von Sinnfragen gepeinigten Menschen. Nach einem Abend mit mässig viel Alkohol (er verträgt nicht viel), wacht er mit Kopfweh auf, blickt in den Spiegel, sieht eine zerknitterte Gestalt mit tiefen Furchen unter den Augen und fragt sich: "Wofür tue ich mir das alles an?" Nichts Aussergewöhnliches also, so geht es wohl ab und zu jedem Rädchen in einer Maschinerie, die am Laufen gehalten werden muss, weil unser Wirtschaftssystem das so will.

Es überkommt ihn "das Gefühl einer monumentalen Mattigkeit ... wie eine Naturgewalt. Ich musste mich am Schüttstein festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren: Ich mochte nicht mehr, ich konnte nicht mehr, ich wollte nicht mehr!"

Es mutet surreal an, dass nach diesem Aufschrei der Text weiterplätschert, als ob nichts geschehen wäre. Ich lese von Budgetzahlen und Kommunikationsaktivitäten, von einem sogenannt normalen  Arbeitsalltag also. Am Abend kriegt er Besuch. "Meine alte Freundin, die Sehnsucht. Die Sehnsucht, sich in nichts aufzulösen, das Verlangen, einfach zu verschwinden." Er besorgt sich Medikamente. Erst jetzt erfährt der Leser, dass Daniel Göring vor zwei Jahren Pillen gegen Stimmungsschwankungen verschrieben gekriegt, jedoch eigenmächtig abgesetzt hatte. Was genau für Stimmungsschwankungen das gewesen sind, wie lange er die Pillen genommen hat, erfährt man leider nicht.

 Er hat sich entschieden, Zweifel, seinen Entschluss nicht umzusetzen, scheinen ihm fremd, systematisch bereitet er seinen Selbstmord vor. Er trinkt den bitteren, scharfen ätzenden Cocktail, legt sich ins Bett "im Vertrauen darauf, dass meine alte Freundin mir den gepriesenen Weg zeigen würde." Dann muss er kotzen, schläft ein, kommt in der Notaufnahme wieder zu sich.

Die Lebensfreude ist nicht zurückgekehrt. Er erträgt seine Mitmenschen schlecht, zieht sich zurück, ist auf einem selbstmitleidigen Egotrip. "Niemand konnte mich verstehen ... Niemand sollte mehr an mich herankommen, niemand mehr es wagen, mich aus der Abwehr herauszulocken."

Spaziergänge geben ihm Kraft. In der Reha lernt er wieder auf seinen Körper (und damit auf sich selber) zu achten. Wie man das macht, schildert er eindrücklich unprätentiös auf den Seiten 83 und 84 .... und schon allein deswegen lohnt sich die Lektüre dieses Buches.

PS: Etwas verblüfft hat mich, dass das "Hund mit Frisbee"-Beispiel des Therapeuten einen so durchschlagenden Effekt haben konnte.

Daniel Göring
Der Hund mit dem Frisbee
elfundzehn Verlag, Eglisau 2014
http://www.elfundzehn.ch/