Mittwoch, 25. Dezember 2013

Trockene Alkoholiker

Trockene Alkoholiker führen ein Leben auf zwei Ebenen -- ein, erst mal, ganz normales, in dem plötzlich, scheinbar ganz von selbst, Dinge gelingen, die man im Suff immer ersehnt hat, und in dem man plötzlich mit Schwierigkeiten umgehen kann, die früher im Alkohol ersäuft wurden. Aber möglich ist das nur für den, der immer weiß, daß dieses Leben auf sehr dünnem Eis abläuft. Immer nur ein Glas vom Rückfall. in die alte Scheiße entfernt, besonders dann, "wenn es dir zu schlecht geht beim Nichtsaufen oder wenn es dir zu gutgeht beim Nichtsaufen".

Herhaus hatte es einmal fast drei Jahre lang im Alleingang versucht, ohne ständige Erinnerung durch andere an die zweite Ebene der nur schlummernden, nie wieder heilbaren Krankheit. Er ist damals gescheitert. Inzwischen hat er gelernt, daß es nicht damit getan ist, ein "Leben als Trockenleiche" zu führen, daß für einen Alkoholiker Nichttrinken radikale Lebensänderung bedeutet -- ehrliche, ständige Kleinarbeit an sich und im Alltag. "Stagnation in der Sucht heißt Rückfall", weiß der Autor.

Die "Begabung in täglicher Genauigkeit", die Herhaus von sich als Schriftsteller verlangt -- wir trockenen Alkoholiker brauchen sie alle zum Leben. Es ist unser Vorteil gegenüber Traumtänzern und Lebenslügnern jeder Art, daß wir es uns auf den Tod nicht leisten können, dies auch nur einen Augenblick zu vergessen.

Horst Zocker über Ernst Herhaus: Kapitulation
Copyright @ Der Spiegel, 26.09.1977

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Die Sache reif werden lassen

Charlotte stand betroffen. Sie war geistreich genug, um schnell einzusehen, dass jene Recht hatten; aber das Getane widersprach, es war nun einmal so gemacht; sie hatte es recht, sie hatte es wünschenswert gefunden, [...] sie verteidigte ihre kleine Schöpfung [...]. Sie war bewegt, verletzt, verdriesslich; sie konnte das Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber entschlossen wie sie war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm sich Zeit, die Sache zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.

Johann Wolfgang von Goethe
Die Wahlverwandtschaften

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen

"Mein Vater starb, weil er zuviel trank. Sechs Jahre zuvor war meine Mutter gestorben, weil sie zuviel getrunken hatte. Ich trank zuviel. Der Apfel fällt nicht sehr weit vom Stamm." So beginnt Robert Goolrick seine "Scenes from a Life", wie es im Untertitel der englischen Originalausgabe heisst.

Die Figur aus der Literatur, der sich seine Mutter am ähnlichsten sah, war Lady Brett Ashley aus Fiesta: "Weil ich an die Art glaube, wie sie gelebt hat. Du ruinierst erst dein eigenes Leben, und dann, ganz langsam, ruinierst du auch die Leben all derer um dich herum." Einfacher und direkter lässt sich kaum sagen, was der Alkohol mit den Menschen, die ihm verfallen sind, und ihren Nächsten, anrichtet.

Wir lesen von der despotischen Grundschullehrerin Mrs. Lackman, vom Schicksal des kleinen, rothaarigen Bauernjungen, der sich vom Drogendealer zum erfolgreichen Bauunternehmer wandelte, von Elizabeth Taylors lavendelfarbenen Augen, vom sturen Bruder, der sein Essen erst essen will, wenn ihm die Mutter sagt: "Iss dein Mittagessen, Cowboy" ...

Bei Goolricks dreht sich alles um die Cocktailstunde und ums Abendessen, die Eltern waren nicht nur gut darin, Partys zu geben, sondern auch auf Partys zu gehen und nach Hause fuhr man, wenn man noch nicht zu betrunken zum Autofahren war.

Im Alter von einundreissig beginnt Robert "sehr viel zu trinken. Der Alkohol verlieh mir die Kraft, die Gesellschaft anderer zu ertragen, die Last meiner selbst zu ertragen."

Er beginnt, sich zu ritzen, versucht sich umzubringen, landet in einer Klinik. Der eine Krankenhausflügel war für die Alkoholiker, der andere für die Verrückten, er landete bei den Verrückten: "... wir hatten eine Menge Selbstmitleid und ebenso viel Mitleid mit den anderen. Irgendwie besass der Wahnsinn anderer Menschen eine greifbarere Realität als unser eigener, und so beschissen es auch uns selbst gehen mochte, so waren wir doch immer wieder berührt davon, wie unglaublich erbärmlich es anderen in ihrem Leben ging." Roberts Diagnose ist Anhedonie, die Unfähigkeit, Genuss zu empfinden.

Die Geschichten der meisten Leute in der Klinik "verliefen nicht linear, ihre Depression war diffus, unspezifisch und schrecklich, bedeutete einfach Tag für Tag Angst und Furcht und Unruhe."

Eine Mit-Patientin, Psychiaterin, Mitte dreissig, hübsch, wirkte nicht besonders depressiv, doch hatte sie bereits dreimal versucht, sich umzubringen, begann eines Abends über Volleyball und Sucht zu sprechen:"Die Sache mit Alkoholikern und Drogenabhängigen ist, dass sie kein Gefühl für Grenzen haben, kein Gefühl dafür, wo Schluss ist ... Deshalb werden sie überhaupt Alkoholiker und Drogenabhängige. Sie wissen nicht, wo und wann sie aufhören müssen ... Volleyball ist ein ganz einfaches Spiel ... Achtet mal darauf, wenn ihr den Ball, sagen wir, in die linke Seite des Spielfeldes schlagt, dann wird der typische Drogenabhängige dem Ball hinterher laufen. Er wird sein Feld verlassen und dem Ball folgen. Alle werden das tun. Wir können sie schlagen."
Niemand glaubt ihr, doch alle hören ihr zu, weil sie so überzeugt davon ist. Und sie gewinnen das Spiel. Es ist ein Rätsel, niemand kann es sich erklären.

Darüber, dass Robert in der Klapsmühle war (er nimmt an, dass nur seine Grossmutter davon wusste), wurde nicht gesprochen, darüber, dass er als vierjähriges Kind von seinem betrunkenen Vater vergewaltigt wurde (die Mutter sah zu, die Grossmutter wusste davon), wurde auch nicht gesprochen, es wurde einfach weiter gemacht "bis es ihnen gleichgültig geworden war, noch zu lesen oder sich anständig anzuziehen oder sich die Fussnägel zu schneiden oder sich gegen ihren Alkoholismus, Krebs und Schmutz, die Baufälligkeit und die Ratten im Haus zu wehren, wie haben sie weitergemacht?".

"Das Ende der Welt, wie wir sie kennen" ist ein beklemmendes und bewegendes Buch.

Robert Goolrick
Das Ende der Welt, wie wir sie kennen
btb Verlag, München 2013

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Wie Wir Sterben Lernen

"... wenn man erst einmal fünfzig war, gab es kein Entrinnen vor der Tatsache, dass man eine einfache Fahrkarte für eine Nonstopfahrt zur Endhaltestelle hatte", heisst es in Kate Atkinsons Das vergessene Kind (Knaur Taschenbuch, 2010). Und wenn man wie ich gerade sechzig geworden ist, gilt das umso mehr. Für den dreiundvierzig Jahre alten Christian Schüle beginnt diese Nonstopfahrt zur Endhaltestelle hingegen schon bei der Geburt und so recht eigentlich ist das auch logisch, philosophisch gesehen zumindest (er hat Philosophie und Politische Wissenschaft studiert), doch gleichzeitig eben auch ziemlich lebensfremd, denn so empfindet niemand, und vor allem kein Kind.

"Wie Wir Sterben Lernen" ist ein ärgerliches Buch, denn da deckt einer mit ganz vielen Worten und ausufernder Beredsamkeit zu, was letztlich nur stumm hingenommen werden kann. Der Autor begräbt wortreich, was durch Andeuten und Auslassen erhellt gehört. Und natürlich habe ich trotzdem einiges gelernt, allerdings weniger übers Sterben Lernen, als über den Zeitgeist.

Mit dem im Titel angedeuteten Thema hat dieser Essay übrigens wenig zu tun. Stattdessen wimmelt es von Behauptungen wie: "Der Zeitgenosse will Trost im Diesseits, weil ihn ein Jenseits nicht mehr überzeugt. Diese Beobachtung ist keine empirisch belastbare Wahrheit, sie ist eine Tendenz."

Der Text wird unterbrochen durch sogenannte Introspektionen. In der ersten lese ich: "Seit jeher lebe ich in der Vorstellung, mir meinen eigenen Tod nicht vorstellen zu können. Deswegen kann ich ihn auch nicht fürchten. Was ich fürchte, sind die Umstände meines Sterbens." Ich kann nicht fürchten, was ich mir nicht vorstellen kann? Nun ja, gegen Gefühle kommt der Verstand halt selten an. "Klaus Heuser musste lächeln: Gefühle lenken zu wollen, war natürlich das Aussichtsloseste unter der Sonne." (Hans Pleschinski: Königsallee, C.H. Beck, München 2013).

Der Erkenntnisgewinn in Sachen Sterben-Lernen ist gering: "Sterben zu lernen heisst, gut zu leben ... In gewisser Weise wäre die Kunst des guten Sterbens die konsequente Bejahung des Schicksals. Diese Bejahung bedeutet allerdings kaum, dem sich in den Körper hineinfressenden Schmerz bei der Verrichtung seines Werks tatenlos zuzusehen." Mit anderen Worten: Christian Schüle argumentiert für ein selbstbestimmtes Leben. Und für ein selbstbestimmtes Sterben. Dass das nicht alle wollen, findet er nachvollziehbar und verständlich, "dennoch dräut, als Mahnung am Horizont, der Satz des Sigmund Freud: 'Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.'"

Gestört hat mich insbesondere die andauernde Bezugnahme auf die Gegenwart. Ständig ist da vom Zeitgenossen die Rede, ganz so, als ob die heutige Zeit speziell aussergewöhnlich wäre ("Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte vollzieht gegenwärtig die spätmoderne Dienstleistungsgesellschaft die Trennung der traditionellen Einheit von Tod, Bestattung und Trauer durch die Entkopplung von Topos und Memoria."), ja, als ob die Heutigen ganz anders sterben würden als das bisher der Fall gewesen ist. In einem gewissen Sinne stimmt das ja auch (und der Autor führt das ausgiebig aus), doch andrerseits ist das natürlich Humbug, denn sterben tut jeder und jede seit jeher immer noch ganz allein.

Christian Schüle fühlt sich "gezwungen, jeden freien Augenblick zu nutzen und jede frei werdende Zeiteinheit sofort mit einer neuen Tätigkeit zu belegen." Genug Zeit hat er nie. Und er schliesst hellsichtig: "Erst wer Zeit als Vorlauf zum Tod wahrnimmt, erkennt ihren wahren Wert. Oder andersherum: Erst wer den Lebenswert der Zeit erkennt, kann sie bewusst wahrnehmen. Ohne Zeit ist Freiheit und Selbstbestimmung nicht möglich – das ist das Verhängnis des Zeitgenossen im Sog seiner Gegenwart."

"Die kulturelle Evolution der vergangenen Jahrhunderte hat das Individuum zum Individualisten gemacht und zu einem Regime der Selbstherrlichkeit geführt (...) Das christliche Menschenbild geht notwendig von der Gottesverfügung aus, das Menschenbild der Gegenwart hingegen von dessen Selbstverfügung." Dieser Selbstverfügung redet Schüle das Wort und das stört mich, ich sehe darin vor allem (aber nicht nur) ein sich über die Massen wichtig nehmendes Ego, doch bin ich weit davon entfernt, zu behaupten, dies sei die Quintessenz dieses Essays, dafür ist er zu differenziert. Zudem findet er auch immer wieder meine Zustimmung. Und ganz besonders diese Erkenntnis: "Das Hinnehmenkönnen, das Nichtleistenkönnen, ist eine ebenso immense Fähigkeit wie das Leistenkönnen. Vielleicht ist es sogar die höchste Fähigkeit eines sich selbst bewusst seienden Lebens."

Christian Schüle
Wie Wir Sterben Lernen
Ein Essay,
Pattloch Verlag, München 2013

Mittwoch, 27. November 2013

Jürgen Leinemann, 1937-2013

"Leinemann hatte seinen Dämon, das war der Alkohol. Er hat unter dem Pseudonym Horst Zocker im SPIEGEL darüber geschrieben, unvergessliche Texte. Er hat eine politische Theorie darauf aufgebaut und in einem Buch veröffentlicht. "Höhenrausch" - Politiker sind so, wie sie sind, weil sie süchtig nach Politik sind. Ich weiß nicht genau, ob das stimmt, aber es ist die einzige umfassende Theorie über den Menschen in der Politik, und schon das ist ein Verdienst. Wenn ich manche Politiker so sehe, denke ich, dass Leinemann vielleicht doch recht hat." (Dirk Kurbjuweit, Der Spiegel, 11.11.2013).

Von Horst Zocker gibt es auch ein Buch: "betrifft: Anonyme Alkoholiker - Selbsthilfe gegen die Sucht", erschienen im C.H. Beck Verlag in München. Jürgen Leinemann hat es mir, 1989 war das, geschickt. Ich war damals Herausgeber einer Journalismus-Buchreihe und wollte Leinemann als Autor gewinnen. Wenn ich nach der Lektüre immer noch ein Buch mit ihm machen wolle, dann gerne, sagte er mir am Telefon. Ich wollte, und noch viel mehr als zuvor: es ist für mich ein lebensentscheidendes Buch gewesen. "Unser" Buch erschien dann 1990 unter dem Titel: "Nur Nicht Weiter So!" im Schweizer Verlagshaus in Zürich. Das sollte dann auch mein Motto werden.

Hans Durrer, November 2013

Mittwoch, 20. November 2013

Plötzlich ein Sorgenkind

Der erste Eindruck: Diese Anonyma kann schreiben, wirklich gut schreiben. Und sie weiss zu erzählen, versteht, wie man eine Geschichte zu strukturieren hat, um den Leser/die Leserin nicht zu verlieren.

Anonyma und ihr Mann sind Akademiker, Doppelverdiener und führen einen Turbo-Lebensstil. Eines Tages kommt ihre Tochter Lenja von der Grundschule nach Hause, schaut die sie begrüssende Mutter kaum an und flüstert nach einiger Zeit: "Mein Leben ist scheisse. Ich will nicht mehr leben." Der Mutter wird übel, "eine körperliche Ahnung von Unglück".

Bis zum ihrem fünften Lebensjahr war Lenja "ein unbekümmertes und mutiges Mädchen, eine kreative Bummlerin mit einem sonnigen Gemüt" gewesen, dann kam sie in die Schule, weil sie sich in der Kita langweilte und innerhalb eines Jahres verwandelte sich die Kleine in ein unglückliches Schulkind. Was war geschehen?

Vater und Mutter sind mit ihren eigenen Leben beschäftigt: "Unsere Jobs liessen es nicht zu, dass einer von uns jeden Mittag am Schultor stehen sollte. Dabei blieb es. Auch als sich die Mahnungen in den Schulheften und Wutanfälle häuften. Wir glaubten, dass es allen Eltern so erging ...". Das heisst jedoch nicht, dass ihnen das Schicksal ihrer Tochter egal ist. Ganz im Gegenteil. Sie begeben sich mit Lenja auf eine ernüchternde Diagnose-Odyssee: "... damals war ich noch der Meinung, dass eine Expertin vielleicht unerwartete Zusammenhänge erkennen könnte, die ich als Mutter übersehe. (Eine dämlich-naive Einstellung, die ich im Lauf unseres Testmarathons irgendwann hinter mir lassen konnte.)".

Die Mutter sucht nach Ursachen, liest einschlägige Bücher und kommt zum Schluss: "Es hilft weder meiner Tochter noch mir, wenn ich jetzt unterschwellig nach der Quelle fahnde. Im Gegenteil. Im Moment leidet sie an den Symptomen und nicht an den Auslösern." Überzeugend zeigt Anonyma auf, wie sich das Schicksal von Lenja auf die ganze Familie auswirkt, sie in Beschlag nimmt, ihren Alltag bestimmt.

Lenja wird Ritalin empfohlen, doch die Gründe, die dagegen sprechen, überzeugen die Mutter weit mehr. Hilfe findet sie stattdessen bei den Gedanken des Hirnforschers Gerald Hüther, bei dem es nicht einfach um die Kinder geht, die nicht funktionieren. "Es geht genauso um Eltern und Lehrer, die nur noch funktionieren."

Immer wieder schaut Anonyma zurück, fragt sich, ob sie und ihr Mann etwas Wichtiges übersehen haben. Und natürlich gab es da Situationen, die sie stutzig gemacht haben, doch die sie dann verdrängt hat. "Vielleicht, weil sich schon damals eine Vorahnung von Kummer in mein Gefühl mischte, ohne dass ich es weiter hätte benennen können." Andrerseits: "Was war zuerst da? Lenjas eigenwilliges Wesen oder die Aufmerksamkeitsstörung?"

Was ganz besonders für dieses Buch spricht, ist die Einbettung des Familienschicksals (und der Auseinandersetzung damit) in den gesellschaftlichen Kontext. "Der erste Blick am Morgen und der letzte vor dem Einschlafen gelten nicht mir, die im selben Bett neben ihm liegt, oder den Kindern, sondern dem Display des Organizers." Dazu kommen die Konfrontation mit dem Berufsalltag, ständig wechselnden pädagogischen Heilsversprechen, überforderten Lehrkräften, Medizinern und und und ....

Eine der für mich bewegendsten Passagen in diesem differenzierten, selbstkritischen und einfühlsamen Buch handelt von dem misslungenen Versuch der Mutter, ihrer Tochter die Angst vor der Schule "mit objektiven Argumenten auszureden. Denn damit sagte ich ihr im Grunde nichts anderes, als dass ihr eigenes Gefühl sie trügt. Dass sie es nicht haben darf. Stattdessen hätte ich ihre Angst ertragen, mit ihr fühlen müssen. Ich hätte diese Furcht nicht wegschieben dürfen. Wie sollte sie Selbstvertrauen entwickeln, wenn sie den eigenen Empfindungen misstraute? (Nur weil ich es genauso mache? Und auf diese Weise die grössten Fehler meines Lebens begangen habe ...)"

Anonyma
Plötzlich ein Sorgenkind
Aus dem Leben einer aufmerksamkeitsgestörten Familie
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013

Mittwoch, 13. November 2013

Olivier Ameisen, 1953-2013

Zur Erinnerung an 
Olivier Ameisen 
25. Juni 1953 - 18. Juli 2013


"Das Ende meiner Sucht" von Olivier Ameisen ist ein unbedingt lesenswertes Buch, das davon berichtet, wie der Autor, ein erfolgreicher Arzt und Wissenschaftler, seinen Weg aus der Alkoholabhängigkeit gefunden hat. Dabei hat Ameisen eine aussergewöhnliche Entdeckung gemacht, die bisher von den meisten im Bereich der Suchtherapie Tätigen nicht zur Kenntnis genommen wird. Dies erstaunt nicht, denn radikal neuen Erkenntnissen sind immer schon Steine in den Weg gelegt worden. Doch der Reihe nach:

Olivier Ameisen ist Alkoholiker und hat so ziemlich alles versucht, was an gängigen Angeboten zur Suchtbekämpfung vorhanden ist - Psychopharmaka, Rational Recovery, Meetings der Anonymen Alkoholiker (AA), Aufenthalte in Entzugskliniken - zudem betrieb er Sport und Yoga, doch nichts davon hielt ihn für längere Zeit vom Trinken ab. Dies lag nicht daran, dass er zuwenig motiviert war. So schreibt er:

"Das Konzept von Rational Recovery (RR) sprach mich sehr an. Die zentralen Voraussetzungen sind, dass Alkoholismus keine biologische Erkrankung ist, sondern ein Verhaltensproblem, das der Betroffenen mit seinen eigenen mentalen Ressourcen überwinden kann. Nach meiner Erfahrung erwiesen sich jedoch die "innere Macht", die bei RR eine so grosse Rolle spielt, und die "grössere Macht" (das hat der Autor falsch verstanden oder es ist ein Übersetzungsfehler, die AA-Literatur spricht von einer "höheren", nicht von einer "grösseren" Macht) der AA als ohnmächtig angesichts der überwältigenden Macht meines von Angst getriebenen Verlangens nach Alkohol. Entweder fehlte es mir entschieden an Willenskraft und/oder Spiritualität, oder meine Form des Alkoholismus hatte eine fundamentale biologische Komponente, die man mit Medikamenten würde angehen müssen."

Olivier Ameisen hat, wie viele Alkoholiker, sein Leben lang an Unzulänglichkeitsgefühlen gelitten und war sich "vorgekommen wie ein Hochstapler, der demnächst enttarnt werden würde. Schon lange bevor ich mit dem Trinken angefangen hatte, hatte ich Therapien gemacht. Ehrlich gesagt, hatten sie bei meinen Ängsten nicht viel geholfen." Sprach er mit Medizinern oder mit AAs über seine Ängste, meinten sie meist, diese würden verschwinden, wenn er mit dem Saufen (die deutsche Übersetzung spricht dauernd vom "Trinken", doch was Ameisen tat, war ganz klar "saufen") aufhöre. Doch dem war nicht so. "Ich litt an Ängsten, lange bevor ich Alkoholiker wurde. Aber alle, die mich wegen meiner Alkoholsucht behandelten, ignorierten diesen Punkt, wie oft ich ihn auch wiederholte."

Das Saufen wurde, trotz vieler dramatischer Versuche gegenzusteuern, schlimmer; die Abstürze wurden dramatischer - er brach sich Rippen und Handgelenk (für einen begabten Pianisten wie Ameisen eine ganz besondere Katastrophe) - , verfügte aber immer über genügend privilegierte Verbindungen, um jeweils wieder glücklich aus dem Schlamassel herauszukommen. Dabei gehört es zu den Stärken dieses Buches, dass es ungeschminkt benennt, was es zu benennen gilt: "Die Wahrheit ist, dass kein Abhängiger/keine Abhängige so viel Zeit zum Entzug bekommt, wie er oder sie braucht, sondern nur so viel, wie er oder sie sich leisten kann," Und: "Da es keine bewährte Therapie gibt, liegt der Hauptnutzen einer Entzugsklinik darin, dass sie dem Süchtigen die dringend nötige Pause vom Alkohol oder einer anderen Substanz oder Verhaltensweise bringt." Sicher, das auch, doch den wirklichen Hauptnutzen hat der Klinikbetreiber, für den der Entzug oft einfach nur ein Geschäft ist. Wer nachliest, wie Ameisen aus der Klinik Clear Spring ("das Ritz unter den Entzugskliniken") verwiesen wird, weil seine Versicherung die 500 US-Dollar pro Tag nicht mehr zahlte, hat diesbezüglich keine Illusionen mehr.

Es ist ein Wunder, dass Ameisen aus seiner Abwärtsspirale schliesslich herausfindet. Dass er es schafft, hat mit ganz verschiedenen Faktoren zu tun, doch entscheidend damit, dass er durch einen Artikel in der New York Times auf ein Medikament namens Baclofen stiess, welches das Craving unterdrückt. "Verlangen oder Craving ist ein schwer fassbarer Begriff, weil er körperliche, emotionale und mentale Symptome umfasst, die in Wellen über Stunden und Tage hinweg auftreten. Für mich war es eine brutale Tatsache des Lebens. Im schlimmsten Fall, das haben Forschungen gezeigt, ist das Verlangen nach einem Suchtmittel wie der Hunger eines verhungernden Menschen: Die gleichen Hormone werden freigesetzt und die gleichen Gehirnregionen aktiviert. Das Nationale Institut für Alkoholmissbrauch und Alkoholismus (National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, NIAAA) hat festgestellt, dass das Verlangen nach Alkohol sogar schlimmer sein kann als Hunger oder Durst und dass, wenn der Alkoholismus den Betroffenen im Griff hat, das Gehirn Alkohol als lebensnotwendig ansieht."

Baclofen, ein Mittel, das gegen Muskelkrämpfe verschrieben wurde, soll das Craving unterdrücken können? Ameisen hat es im Selbstversuch getestet, und ja, es hat gewirkt. Ein paar wenige Ärzte haben es bisher an Patienten ausprobiert, und ja, es hat gewirkt. Nein, nicht bei allen. Denn auch wenn man, wie Ameisen das tut, Abhängigkeit als eine biologische Krankheit versteht, muss ein Patient zuallererst immer noch ausreichend mit dem Saufen aufhören wollen. Zudem: 12-Schritte-Programme und andere Verhaltenstherapien wird es nach wie vor brauchen, denn diese sind vor allem nach 6 bis 18 Monaten Abstinenz am wirksamsten. (Wie Mark Twain bekanntlich sagte: Mit Rauchen aufhören, sei überhaupt kein Problem, er habe es schon Hunderte von Malen gemacht.).

Fazit: eine in vielerlei Hinsicht empfehlenswerte Lektüre, nicht zuletzt, wegen Sätzen wie diesen: "Mir war seit Langem klar, dass Alkoholiker und andere Abhängige nicht mit dem üblichen Mass an Mitgefühl und Fürsorge rechnen können, wenn sie medizinische Hilfe brauchen." Und: "Die Wahrheit lautet, dass meine Mutter und meine Geschwister nichts hätten tun können, um mich von meinem schweren Alkoholismus zu heilen, Was ich von ihnen brauchte und was die Angehörigen aller Suchtkranken nur so schwer in einer Weise geben können, dass der Suchtkranke es annehmen kann, waren Liebe und Mitgefühl."

Dr. Olivier Ameisen
Das Ende meiner Sucht
Verlag Antje Kunstmann, München 2009