Donnerstag, 15. März 2018

Die Beziehung zu uns selbst

Das Beste, was wir für unsere Beziehungen mit anderen tun können, ist, uns der Beziehung zu uns selbst bewusster zu werden. Mit Narzissmus hat das nichts zu tun. Im Gegenteil. Es ist das Liebevollste, was wir für den anderen tun können. Das grösste Geschenk, das wir anderen machen können, ist, so gut zu sein, wie wir nur können. Paradoxerweise müssen wir also, um unseren Beziehungen zu anderen gerecht zu werden, als erstes unseren eigenen Weg annehmen.

James Hollis: The Eden Project

Donnerstag, 8. März 2018

Vom Nutzen der Gefühle

Auf den Psychiater Christian Peter Dogs bin ich durch ein Interview in der Schwäbischen Zeitung gestossen. Ausgesprochen gut gefallen hat mir, dass er sich in seiner therapeutischen Tätigkeit auch selber einbringt, befremdet hat mich hingegen sein Glaube an Diplome. "Ich habe alle Facharztqualifikationen, die man in unserem Fachgebiet haben kann. Die hatte mein Vater nie. Aus diesem Grund ist mein Buch auch ein Aufruf, stolz auf sich zu sein."

Dieses Buch, Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen (Ullstein Verlag, Berlin 2017), weist als Autoren Christian Peter Dogs sowie die Journalistin Nina Poelchau aus (man darf annehmen, dass es von letzterer geschrieben wurde), liest sich gut und vertritt Auffassungen, die wesentlich vom gesunden Menschenverstand diktiert und mir sympathisch sind. 

Verantwortlich dafür, wie wir uns fühlen, ist das Gehirn. Und deshalb sollten wir verstehen, zumindest in Grundzügen, wie es funktioniert. Schon mal vom Hippocampus gehört? Er ist die Verbindung zwischen emotionalem und rationalem Gehirn und funktioniert als Gesamtsicherung: Wird er mit zuvielen Reizen (etwa bei Stress) überflutet, nimmt er Schaden oder klinkt sich aus – man wird gefühllos, spürt sich nicht mehr. Das Gehirn schirmt sich ab, nimmt eine Auszeit. Man sollte sich nicht dagegen wehren, sondern sie zur Entspannung nutzen und sich zu „re-setten“, so Dr. med. Dogs.

Nur etwa fünf Prozent unserer Gehirnaktivität läuft bewusst ab. Und das ist eine ausgesprochen gute Nachricht, denn sie besagt einerseits, dass wir uns so recht eigentlich relaxed zurücklehnen können, denn unser Unbewusstes führt die Regie, und andererseits, dass unsere Bemühungen anders sein zu wollen als wir sind, meist zum Scheitern verurteilt sein werden.

Doch wir sind nicht einfach Opfer, wir können durchaus Einfluss auf unser Leben nehmen. Vor allem wichtig ist, dass wir unser hochkomplexes Gehirn pfleglich behandeln. Und das meint: Wir können zum Teil mitentscheiden, womit wir es füttern. Wenn wir dauernd ausgetretene Pfade gehen (also immer dasselbe machen), wird sich das Gehirn entsprechend darauf einstellen. Wenn wir häufig neue Erfahungen machen, ebenso.

Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen ist zu grossen Teilen die Autobiografie eines Menschen, der unter schwierigsten Verhältnissen aufwuchs und nichtsdestotrotz eine beachtliche Karriere hinlegte. Es ist das Teilen seiner reflektierten Lebenserfahrungen, das ihn zu einem etwas anderen Psychiater macht. Er weiss aus eigenem Erleben was Missbrauch und Heroinsucht bedeuten und berichtet offen darüber. Das ist so selten wie eindrücklich. Und müsste doch so recht eigentlich selbstverständlich sein, denn wirklich glaubwürdig sind Psychiater, die auf die Offenheit ihrer Patienten angewiesen sind, nur dann, wenn sie auch selber offen sind. Christian Peter Dogs ist so einer. 

Der zweite Teil des Buches ist mit Therapie in Deutschland – eine Kritik überschrieben und zeigt an erfundenen, doch realitätsnahen Fallbeispielen auf, woran gängige Therapien kranken und was anders zu machen wäre beziehungsweise Christian Peter Dogs anders macht. Das ist spannend und praxisnah geschildert und von common sense (der allerdings nicht besonders common ist) geprägt. 

Dann gibt es noch einen Teil drei, der die Frage "Was kann ich selbst tun?" behandelt ("Pflegen Sie Ihre Beziehung", "Wagen Sie etwas", "Runter vom Gas" – der Mann kocht auch nur mit Wasser) sowie einen Teil vier, worin er eine Klinik nach seinen Vorstellungen präsentiert.

Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen ist ein überzeugendes und ausgesprochen hilfreiches Buch  vor allem Psychiater, Psychologen  und andere seelische Ratgeber sollten sich Christian Peter Dogs' Haltung und Vorgehen zum Vorbild nehmen.

Mittwoch, 28. Februar 2018

Über Alkoholismus und Borderline

„Mein Ex in San Francisco war Alkoholiker. Deshalb habe ich ihn verlassen. Aber er hatte auch ganz viele andere Probleme. Doch Hilfe nahm er keine an. Mir tat weh, viel zu weh, ihn leiden zu sehen. Manchmal fühle ich mich schuldig, dass ich ihn verlassen habe. Gai hat gemeint, ich solle mal mit dir reden.“

In diesem Moment tauchte Gai auf, küsste Hugo auf die Wange und fragte: „Cappuccino, wie immer? Du auch, Joy?“
„Gerne“, antworteten beide unisono.

Hugo und Joy setzten sich an den Küchentisch; Gai machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. „Was du mir da vor ein paar Tagen über Sucht und Borderline erzählt hast“, wandte sich Gai an Hugo, „hat mich an Joy denken lassen. Möglicherweise war ihr Ex nämlich nicht nur ein Alki, sondern auch ein Borderliner. Ist das okay für dich, mit Joy darüber zu reden?“
„Sicher.“ Hugo wandte sich an Joy. „Erzähl doch mal wie er so war, dein Ex.“

„Eigentlich ein Supertyp. Hat Literatur studiert, ein paar Jahre unterrichtet, dann ertrug er die anderen Lehrer nicht mehr und begann als Sänger und Gitarrist in kleinen Klubs aufzutreten. Er war recht erfolgreich, konnte gut von seinen Auftritten leben und verdingte sich nebenher als Studiomusiker. Das Problem waren seine Stimmungsschwankungen. Und die waren heftig. Nie wusstest du, woran du mit ihm warst. Und er soff. Nicht immer, doch wenn, dann zünftig. Er hatte ganz einfach kein Mass, in nichts.“

„Und wie war er, als du ihn kennenlerntest?“
„Präsenter, scharfsinniger und feinfühliger als andere, aufmerksam, rücksichtsvoll und grosszügig. Und dann der Sex, super intensiv. Der Traummann. Und dann kippte er plötzlich, war ganz das Gegenteil, angespannt, rechthaberisch, aggressiv. Und dann wieder, irgendwie völlig übergangslos, der aufmerksame und rücksichtsvolle alte Freddy. Schwarz oder Weiss, dazwischen war nichts. Mit der Zeit nahmen die destruktiven Phasen zu. Zum Schluss gab es praktisch nur noch destruktive Phasen. Und an allem war ich schuld. Oder andere, oder die Situation, er selber nie.“

„Und dann hast du ihn verlassen?“
„Ja, vor drei Monaten. Doch ich kriege ihn einfach nicht aus mir raus.“

Aus: Hans Durrer: Herolds Rache. Fehnland Verlag 2018

Donnerstag, 22. Februar 2018

Meine Suchtberatung

Meine Suchtberatung ist von zwei Grundüberzeugungen geprägt. Dass der Mensch des Menschen Medizin sei und, wie es Bad Herrenalb Mitbegründer Walther Lechler formuliert hat, „es weniger um Behandeln geht, sondern eine Ausbildung für das Leben erfolgen muss“.

Abgesehen vom 12-Schritte-Programm, hat mir vor allem die Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen geholfen. Treffend hat es Peg O'Connor ausgedrückt: „Philosophy has always been about the pursuit of knowledge, but one that included the higher aim of living a good and just life. This pursuit has involved examining the nature of just about everything.“

Wir orientieren uns an Ursache und Wirkung. Und so sehr sich unsere Gewohnheit, in diesen Kategorien zu denken, auch bewährt hat (man denke etwa an die Statik, ohne die es weder Häuser noch Brücken geben würde), im Bereich der Gefühle und des Unbewussten bringt uns das Unterscheiden von Auslöser und Symptom, ja, das Unter- und Aufteilen generell, unsere wohl wichtigste Lebensstütze, oft nicht weiter. Willkürlicher als die gängigen Zuschreibungen Neurose, Depression oder Borderline geht es kaum, denn da gibt es mehr Verbindendes als Trennendes.

Ich habe das Rad nicht neu erfunden (und hätte es, wenn ich es recht bedenke, wohl nie erfunden), tue, was andere auch tun. Ich höre zu, stelle Fragen, bestärke, was bestärkt gehört, versuche dem Destruktiven den Boden zu entziehen. Und ich erzähle auch von mir, davon, wie ich selber mit Problemen, Abhängigkeiten, ja, dem Leben, klarzukommen versuche. Von Thema zu Thema hüpfend, dabei trachtend, den Faden nicht zu verlieren und immer wieder an den Ausgangspunkt, die Lebensangst, zurückkehrend.

Das Themenspektrum geht von der Fotografie zu Thailand, von Woody Allen zur Flugangst. Weiss ich, dass jemand unter Flugangst leidet, kann ich sicher sein, dass ich seine ganze Aufmerksamkeit habe, wenn ich von meiner eigenen erzähle und davon berichte, wie ich mit ihr umgehe. Auf einem Flug von Thailand in die Schweiz, heftige Turbulenzen über Afghanistan, der Captain meldete sich: What we are experiencing now are so called mountain waves. Ich stellte mir die Wellen vor, ging mit ihnen mit, das half etwas. Mit den Worten von Jon Kabat-Zinn: You can't stop the waves, but you can learn to surf.

Hans Durrer
Wie geht das eigentlich, das Leben?
Anregungen zur Selbst- und Welterkundung
neobooks, München 2017

Donnerstag, 15. Februar 2018

'Please touch' – statues!

I was just reading about one japanese sculptor whose works were being shown in new york. The curators of the american museum were very much confounded, because he insisted on one thing which was never heard of before. He insisted that below each of his statues he wanted a small sign –
there awas no trouble, they said that he could have a sign – but the sign read: 'Please touch' – statues! He said, 'I won't allow my work if these signs are not allowed in the museum. Then there is no need for my exhibition. Unless somebody touches my statues, how is he going to feel?'

The curators could not believe what this foolish artist was wanting, because in american museums you have the sign, 'Don't touch! Keep aloof!'

And that is not only in the museum – in life also, touching has disappeared. So this is the problem that arises  – the person has not been touched in childhood, so he does not know how to feel, because touch brings the feel.

Bhagwan Shree Rajneesh
Blessed are the Ignorant
A Darshan Diary

Donnerstag, 25. Januar 2018

Suchtverlagerung

Zisler war als Jugendlicher Nazi gewesen, und zwar nicht irgendeiner, sondern besonders schneidig, ein Reiter-Nazi mit Tätowierung und Lederstiefeln. Im russischen Antifa-Lager aufgeklärt, schämte er sich und wurde Kommunist. Nach der Heimkehr war er zunächst staatsfroher Dichter, dann DDR-Kritiker, Unterzeichner der Biermann-Petition, Buddhist, katholisch, zwischendurch jeweils Alkoholiker. Danach ein fanatischer Vegetarier, der nur Äpfel ass. 'Wissen Sie, was Hunger ist?' Plötzlich wurde er fett wie ein Delphin und fragte die Dichterin Broda, eine Blutwurststulle im Mund: 'Was halten Sie von der Gnade?

Petra Morsbach: Dichterliebe

Donnerstag, 18. Januar 2018

"Ich habe aufgehört, weil ich frei sein wollte."

David Sedaris: Ich war volle 25 Jahre am Stück high. So war es auch mit dem Alkohol. Sogar als es nicht mehr so lustig war. Vielleicht hätte ich es früher geschafft, davon loszukommen, aber ich war davon überzeugt, dass ich die Drogen und den Alkohol brauche – um schreiben zu können. Ich hatte so viele Aufträge und musste mich an enge Fristen halten, also war es erforderlich, rund um die Uhr zu schreiben. Abends betrunken zu sein ist eine Sache. Aber morgens um zehn Uhr schon einen sitzen zu haben ist noch mal was anderes. Das war ein regelrechter Weckruf.
ZEITmagazin: Über welche Mengen reden wir?
Sedaris: Ich bin kein Riesenkerl, also fünf Bier auf leeren Magen machen mich schon fertig. Dann folgte ein großes Glas Scotch, meist wurden daraus zwei, dann drei. Danach kamen die Drogen, ich war high, bis ich umkippte. Um davon loszukommen, musste ich meinen Lebensrhythmus ändern, und so begann ich damit, morgens zu schreiben. Nie abends.
ZEITmagazin: Und wie war es mit den harten Drogen?
Sedaris: Ich war komplett abhängig von Crystal Meth Es ging mir so dreckig, ich klaute es von meinen Freunden und war über Tage am Stück wach. Wenn ich heute meine Tagebücher aus der Zeit lese, dann sehe ich, dass ich verrückt war. Meine Rettung: Mein Dealer ist zum Glück irgendwann einfach weggezogen. Da hatte ich keine Quelle mehr. Die Genesung war nicht mal mein Verdienst, aber sie änderte mein Leben. Heute findest du innerhalb weniger Stunden einen neuen Lieferanten, aber damals, 1978, war die Droge nicht so einfach zu bekommen. Von Crystal Meth loszukommen war eins der schwierigsten Dinge, die ich je durchlebt habe.
ZEITmagazin: Wie haben Sie es körperlich geschafft?
Sedaris: Ich habe von einem auf den anderen Tag aufgehört. Ein Tag ohne Drink folgte dem anderen und so weiter. Mit dem Rauchen war es genauso. Ich habe aufgehört, weil ich frei sein wollte. Ich wollte überall hingehen können, egal wann. Das macht das Reisen so viel einfacher. Ich konnte mir viele Jahre gar nicht vorstellen, ohne eine Zigarette in der Hand zu schreiben. Daran denke ich jetzt überhaupt nicht mehr. Ich kann jetzt überall schreiben, im Flugzeug, im Wartezimmer. Ich sage nicht, dass es gut ist, was ich schreibe, aber so gelingt es mir.
ZEITmagazin: Rückblickend, hatten Sie keine Angst, Drogen zu nehmen?
Sedaris: Nein, ich habe alles ausprobiert. Das meiste bereue ich nicht. Aber Kokain habe ich bereut: das ganze Geld, das draufgegangen ist! Heroin habe ich nur einmal genommen, um jemanden zu beeindrucken. Wenn jemand mir gesagt hätte, du wirst high, wenn du deine Fingernägel rauchst – ich hätte das versucht.
ZEITmagazin: Fühlten Sie sich als jemand Besonderes, weil Sie von Ihrer Abhängigkeit losgekommen sind?
Sedaris: Es war jetzt nichts, was andere nicht auch geschafft haben. Viele Leute schmeißen ihre Gewohnheiten über Bord und fangen neu an. So gesehen war ich niemand Besonderes, und es war gut, mir darüber im Klaren zu sein.

Aus: Die ZEIT Nr. 03/2018