Mittwoch, 17. Dezember 2014

Ich will mein Leben zurück!

Co-Abhängigkeit sei nicht gleich Co-Abhängigkeit, schreibt Jens Flassbeck, doch es gebe einen gemeinsamen Nenner: "Der Suchtkranke erfährt auf der einen Seite eine Menge Aufmerksamkeit durch Sie und andere. Sie als Angehöriger erfahren auf der anderen Seite komplementär einen Mangel an Zuwendung und Beachtung."

Warum man das Co-Abhängigkeit nennt, ist mir nicht klar. Für mich ist das nichts anderes als Abhängigkeit. Konkreter: Selbst-destruktive Abhängigkeit. Schliesslich ist Abhängigkeit nicht notwendigerweise ein Problem, sondern gehört zum Leben: das Kleinkind ist von Mutter und Vater abhängig, die Gemeinschaft von ihren Mitgliedern, der Staat von seinen Mitbürgern.

Jens Flassbeck benutzt den Begriff anders: "Abhängigkeit ist stets ein soziales System. Das ist ein Leitsatz der modernen Suchthilfe. Das System, nicht das Symptom, sollte behandelt werden, so ist der plakative Anspruch."

Die Unterscheidung von Ursache und Symptom ist zwar in vielen Bereichen sinnvoll, im Bereich der Seele/des Unbewussten ist sie es jedoch nicht. Um es mit Paul Valéry zu sagen: Das Kausalitätsprinzip hat unserem Geist recht seltsame Streiche gespielt."

In der Tendenz, so Flassbeck, finde "der Suchtkranke jede Menge Aufmerksamkeit und Sie als Angehörige kaum Beachtung". Dauernde Nichtbeachtung tut niemandem (das schliesst Suchthelfer mit ein) gut, was also ist zu tun?

Im Kapitel "Werden Sie wieder Sie selber" zeigen die Untertitel an, in welche Richtung es gehen soll: Vorweg: Seien Sie geduldig mit sich; Reden Sie; Nehmen Sie Abstand und gönnen Sie sich Pausen; Wie geht es Ihnen?; Lassen Sie den Ballon der falschen Hoffnungen platzen; Werden Sie im Kleinen wieder für sich aktiv; Lernen Sie, sich besser abzugrenzen und Nein zu sagen; Klären und trennen Sie Mein und Dein; Schützen Sie sich und andere; Was Sie wirklich über Sucht wissen sollten.

Wer sich jetzt wundert, was die Frage "Wie geht es Ihnen?" in dieser Aufzählung zu suchen hat, sei darauf hingewiesen, dass co-abhängige Angehörige darauf meist mit ausführlichen Auslassungen über das Verhalten des Suchtkranken antworten. Dass das nicht gerade von einem gesunden Selbstwertgefühl zeigt, liegt auf der Hand.

Erfreulich klar hält Jens Flassbeck fest: "Der Suchtkranke ist Experte für seine Sucht, und er hat ein Problem, um das er sich kümmern sollte, was aber vor allem seine Verantwortung, Entscheidung und Aufgabe ist."

So recht eigentlich unterscheiden sich Sucht und Co-Abhängigkeit gar nicht so sehr. "Der Zwang, angeblich etwas tun zu müssen" ist bei beiden zentral. Weshalb denn auch Jens Flassbecks sehr pädagogisch vorgetragene Ratschläge genau so für Suchtkranke wie auch für ihre potentiellen Retter sinnvoll sind.

Jens Flassbeck
Ich will mein Leben zurück!
Selbsthilfe für Angehörige von Suchtkranken
Klett-Cotta, Stuttgart 2014

Mittwoch, 10. Dezember 2014

The Power of the Heart

Als Baptist de Pape sein Jura Studium beendet und eine Karriere als Anwalt vor sich hatte, klickte er sich eines Nachts "in einen Online-Kurs mit Oprah Winfrey und Eckhart Tolle ein, der  A New Earth: Awakening to Your Life's Purpose (Eine Neue Erde: Finde den Sinn deines Lebens) hiess. Was Oprah da sagte, weckte sofort mein Interesse: 'Ich glaube, es gibt nichts Wichtigeres, als den Sinn deines Lebens zu finden.' ... Just in dem Augenblick spürte ich einen so starken Impuls im Herzen, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Es war, als wollte das Herz direkt auf meine Frage antworten und mich auffordern, ihm zuzuhören, und zwar sofort." Er beschliesst, um die Welt zu reisen und achtzehn spirituelle Lehrer, Forscher und Denker zu interviewen. Das Ergebnis liegt nun vor: "The Power of the Heart."

Unter den Befragten finden sich neben Deepak Chopra, Paulo Coelho und Eckhart Tolle auch Isabel Allende, Marianne Williamson und Maya Angelou. Und noch andere bekannte Namen. Man kann sich füglich fragen, ob Leute, die im Lichte der Öffentlichkeit stehen (und sich möglicherweise darin sonnen), also über beträchtliche Talente in Sachen Selbstvermarktung verfügen, den Sinn Suchenden wirklich viel zu sagen haben.

Herausgeber Baptist de Pape ist ein Mann des Superlativs. "John Gray ist zweifellos der bekannteste Paarexperte der Welt" oder "Marci Shimoff ist eine der grössten Expertinnen der USA im Bereich von Glück, Erfolg und bedingungsloser Liebe" usw usw. Selbst die Orte, wo seine berühmten Zitate-Lieferer zu Hause sind, entgehen seinem Superlativ nicht. "Ich traf Coelho in seinem Büro bei ihm zu Hause in Genf – der für mich heiligsten aller Städte, weil er dort so viele wunderbare Bücher geschrieben hat." Wer schon einmal in Genf war, reibt sich da womöglich etwas verwundert die Augen.

Dieses Buch ist voll von Allerweltssätzen wie: "Wenn wir mit dem gegenwärtigen Augenblick verbunden sind, haben wir ein Gefühl von Fülle und Vollkommenheit." Schwer vorstellbar, dass das jemand bezweifelt, doch wie kommt man dahin? Leider erfährt man da nur sehr Unspezifisches. Etwa, dass man aufhören solle, nach dem oder der Richtigen zu suchen und selber der/die Richtige zu werden. So liest man über Linda Francis: "Erst nachdem sie einen Weg gefunden hatte, bei sich anzukommen und in sich selbst ganz zu sein, lief ihr der jetzige Lebenspartner Gary Zukav über den Weg." Ist ja schön und gut, und vielleicht hält ja diese neue Beziehung auch, doch hätte man als Leser gerne gewusst, wie Lindas Weg denn nun eigentlich ausgesehen hat ...

"The Power of the Heart" ist sowohl ein ärgerliches als auch ein hilfreiches Buch. Ärgerlich, weil vieles, was von den versammelten Berühmtheiten zitiert wird, von einer Banalität ist, die schwer zu übertreffen ist. "Der eigentliche Schlüssel zur Gesundheit ist das Gefühl, geliebt und umsorgt, gehört und verstanden zu sein." (Dean Shrock), "Vergebung spielt eine wesentliche Rolle für unser spirituelles Wachstum und unsere Entfaltung" (Michael Beckwith).

Hilfreich ist das Buch dennoch, weil man nämlich auch wirklich Bedenkenswertes präsentiert bekommt. Zwei Zitate will ich herausgreifen: "Jeder Augenblick ist einzigartig, unbekannt, vollkommen frisch und neu" (Pema Chödrön). "Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen" (Jesus).

Baptist de Pape
The Power of the Heart
Knaur Verlag, München 2014

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Nüchtern

Der erste Satz, das behaupten viele, die schreiben (und auch viele, die lesen), sei der wichtigste, jedenfalls zentral. Der erste Satz in Daniel Schreibers "Nüchtern" geht so: "Es ist immer einfacher, sich an den Anfang einer Liebe zu erinnern als an ihr Ende." Klingt gut, stimmt aber eben nicht. Jedenfalls für mich nicht. Für mich ist das kein ehrlicher, sondern ein literarisch ambitionierter Satz. Und da Ehrlichkeit der Schlüssel zur Genesung ist, bin ich zum Auftakt schon skeptischer als mir eigentlich lieb ist.

Als Daniel Schreiber dann jedoch das allmähliche und unbemerkte Hineinschlittern ins zwanghafte Saufen beschreibt, ist meine Skepsis weg.

Wie gesagt, Ehrlichkeit ist der Schlüssel und das meint: das Hauptproblem bei der Sucht ist die Selbsttäuschung. "The first principle is not to fool yourself, and you are the easiest person to fool", sagte Richard Feinman einmal in einem ganz anderen Zusammenhang. Doch Verleugnung ist nicht allein ein individuelles Problem. Treffend hält Schreiber fest: "Alkoholprobleme werden auch auf einer kollektiven Ebene grossflächig verleugnet, und in Deutschland tatsächlich noch mehr als anderswo." Nun gut, das gilt auch für die Schweiz und so recht eigentlich für sehr viele, wenn nicht die meisten Länder. Eine löbliche Ausnahme bilden die USA.

"Deutschland gehört mit einem jährlichen Pro-Kopf-Konsum von 12,1 Liter reinem Alkohol zu den Ländern in denen deutlich mehr als anderswo getrunken wird." Ich halte das zwar für möglich, auch wenn ich solchen Zahlen hinten und vorne nicht traue. Gibt es sie auch für asiatische oder für afrikanische Länder? Und wie kommen sie zustande? Und was ist mit Russland und Osteuropa? Wie auch immer: Alkoholabhängigkeit ist sicherlich verbreiterter als gemeinhin angenommen, das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand, denn der Sucht-Wahrheit ins Gesicht zu sehen, ist wenig populär.

Wann man die Grenze vom Trinken zum Saufen überschreitet, weiss keiner wirklich zu sagen. Auch im Nachhinein nicht. Was einen letztlich dazu motiviert, mit dem Alkohol aufzuhören, ebenso wenig. Eine der verrückten, absolut surrealen Geschichten, die Daniel Schreiber erzählt, handelt von einem seiner Bekannten, der des zu vielen Trinkens wegen seine Familie verlor, eines Tages alkoholisiert in einen Baum raste, sich dabei fast jeden Knochen brach und anschliessend sechs Monate im Krankenhaus lag. Diese abstinente Krankenhaus-Zeit war ihm Beweis, dass er kein Problem mit Alkohol hatte. "Er hörte erst viel später auf zu trinken, ohne einen augenscheinlichen Grund und nachdem er es etliche Male vergebens versucht hatte."

"Momente der Klarheit sind seltsame Zufälle. Man muss sie beim Schopf packen, denn sie können einem das Leben retten."

Daniel Schreiber ist mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker trocken geworden. Die Identifikation mit anderen sowie simple Slogans wie "Nur für heute", die er anfangs für "unfassbar naiv und esoterisch" hielt, erwiesen sich dabei als hilfreich. Schliesslich lernte er die Realität zu akzeptieren wie sie nun einmal ist. Mit Höhen und Tiefen, guten und nicht so guten Zeiten..

"Nüchtern" zeigt differenziert auf, wie komplex und rätselhaft die Alkoholabhängigkeit ist. Neben der Geschichte von des Autors eigener Abhängigkeit und Genesung, informiert es auch vielfältig über die medizinischen und gesellschaftlichen Aspekte der Sucht, führt aus, wie geächtet der Alkoholismus noch immer ist und beklagt unter anderem, dass selbst Menschen, die wissen, dass es sich bei der Alkoholsucht um eine Krankheit handelt, diese mit Willensschwäche assoziieren.

Dass Daniel Schreiber sich bemüht, den Alkoholismus in einen grösseren Zusammenhang zu stellen (Alkohol als Hilfsmittel zur Entspannung, übermässiges Trinken wird tabuisiert, suchtgeprägtes Denken und Verhalten können karrierefördernd sein) ist begrüssenswert. Und auch problematisch. Weil nämlich die meisten Menschen kein Problem mit dem Trinken haben. Doch ums Trinken geht es eigentlich gar nicht, sondern darum, sich fürs Leben zu entscheiden.

"Nüchtern" liefert einen nüchternen Blick auf ein Tabu, es ist ein nützliches Buch.

Daniel Schreiber
Nüchtern
Über das Trinken und das Glück
Hanser Berlin 2014

Mittwoch, 26. November 2014

Lebensweisheiten

Das Leben schickt uns ständig Botschaften – und sieht dann gemütlich zu und lacht sich einen darüber ab, dass wir unfähig sind, aus ihnen schlau zu werden.

Im Rückspiegel beobachtete er kurz darauf die anderen beiden, die wild herumfuchtelnd über dem Verletzten standen und aufgeregt darüber diskutierten, was zum Teufel sie jetzt tun sollten. So hatten sie es sich wohl nicht vorgestellt.
Vielleicht sollte er wenden. Und ihnen sagen, dass genau so das Leben war – nichts als eine lange Abfolge von Ereignissen, die nicht so liefen, wie man es sich ursprünglich vorgestellt hatte.
Zum Teufel damit. Entweder kamen sie selbst dahinter oder eben nicht. Die meisten Menschen kapierten es nie.

Jedes Mal, wenn man dachte, man hätte es geschnallt, zeigte einem die Welt eine lange Nase und wechselte auf ihre eigene Spur zurück, wurde wieder unergründlich.

James Sallis: Driver

Mittwoch, 19. November 2014

Über Perfektionismus

Ein Perfektionist strebt Perfektion nicht an, weil er sich an der Vollkommenheit erfreut, sondern weil es ihm um die damit verbundene Unangreifbarkeit geht. Perfektionismus ist ein Vermeidungsverhalten: Wer perfekt arbeitet, kann weder getadelt noch kann ihm gekündigt werden.

Raphael M. Bonelli

Mittwoch, 12. November 2014

Diagnose: schwere Depression

Auf den ersten Seiten dieses Erfahrungsberichts fragt sich der Autor, warum Depressionen in Deutschland ein Tabu seien, und warum Schwäche "in einem menschlich oft so schwachen Land" ein Tabu sei. Dass Depressionen in Deutschland ein Tabu sind, ist mir angesichts der Ratgeber-Literatur neu, dass sie mit Schwäche gleichzusetzen ist, ebenso. Dann steht da auch noch, dass "Psychotherapien heute noch immer kaum akzeptiert" seien – und ich wunderte mich, mit wem Oliver Polak eigentlich Umgang pflegt, denn in meiner Wahrnehmung dominieren die verschiedensten Formen der Psychotherapie die Hilfsangebote für seelische Leiden geradezu. Ja, sie sind so allgegenwärtig, dass die Aussage, sie seien "heute noch immer kaum akzeptiert" womöglich ein Hinweis darauf ist, dass Oliver Polak in einer etwas sehr eigenen Welt lebt.

Er ist übergewichtig, voller Selbsthass, voller "Angst zu versagen, Angst, im Selbstmitleid zu ertrinken", fühlt sich antriebslos, leidet an Depressionen. Und landet in der Psychiatrie. Sehr gekonnt, die Szene, in der er seiner Mutter, in deren Welt psychische Erkrankungen nicht existieren, das erklärt. Und wie sie darauf reagiert. Sein Verhältnis zu ihr ist offenbar generell nicht ganz unproblematisch.

Er ist wütend auf alle und alles, und das schliesst ihn selber mit ein. Weder mag er sein Publikum noch andere Comedians und hat auch sehr eigene Vorstellungen davon, was gute Comedie ist. Das liest sich anregend und aufklärend.

Auch mit Deutschland hat Oliver Polak so seine Mühe, denn da werde, sobald man erwähne, dass man jüdisch sei, "einfach alles und noch viel mehr in den Holocaustmixer geworfen". Aha, und weshalb entscheidet er sich dann für einen Buchtitel wie Der jüdische Patient?

Sein Humor ist nicht mein Ding, seine Offenheit hingegen schon. Und die Udo Jürgens-Geschichte, die hier nicht verraten werden soll, ist so schön, dass nur schon sie allein die Lektüre dieses Buches lohnt.

Wie wir alle, so wehrt sich auch Oliver Polak gegen Veränderungen. Und wie bei allen, die viel nachdenken, steht ihm sein Verstand im Weg. "Sie missbrauchen Ihren Verstand. Sie reden und reden und reden. Sie reden so gerne!" Das meint nicht, dass er weniger reden soll. Das meint, dass er dort reden soll, wo es ihm bekommt – auf der Bühne etwa oder wenn er seiner Freundin sagen will, was er für sie empfindet.

In der Psychodramasitzung erklärt die Therapeutin, worum es geht. "Ich möchte, dass Sie aufwachen und nicht weglaufen vor Ihrem Leben. Dass Sie Verantwortung übernehmen. Fehlerfreundlichkeit ist das Stichwort." Zu akzeptieren, dass wir nicht perfekt sind und es auch gar nicht sein sollen, darum geht es.

Oliver Polak
Der jüdische Patient
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014

Mittwoch, 5. November 2014

Wie wir unsere Welt konstruieren

Träume? Was können wir darüber schon wissen? Ich jedenfalls erinnere mich fast nie an meine Träume, doch als ich in Stefan Kleins Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit las, dass Menschen über 55 in Schwarz-Weiss und nicht in Farbe träumen, fragte ich mich sogleich, und intensiv, ob dem wirklich so ist (ja) und wie das zu erklären ist. Das Kino hat die Traumwelt verändert, schreibt Klein. Genauer: die Schwarz-Weiss Filme haben wir Filmzuschauer auf die Szenen der Nacht (obwohl die farbig waren) übertragen.

Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit ist voll solch faszinierender Einsichten. Wussten Sie etwa, dass Blinde visuell träumen, also im Schlaf Bilder sehen? Aus der Erinnerung können diese Bilder nicht kommen, denn schliesslich kamen diese Menschen blind auf die Welt. Woher also dann?

Das Sehen entsteht nicht allein aufgrund der Wahrnehmung der Augen. Nur ein winziger Teil der 10 Milliarden Bit, die pro Sekunde auf den Netzhäuten eintreffen, gelangt ins Bewusstsein. "Offenbar löscht das Gehirn erst den grössten Teil des Bildes, um sich dann aus anderen Quellen ein neues zu schaffen. Fast 40 Prozent des Grosshirns befassen sich denn auch mit dem Verarbeiten visueller Informationen." Und wie geht das? "Lange dachte man, dass Bilder entstehen, indem die Assoziationsfelder die Rohinformation aus der primären Sehrinde geschickt zusammensetzen –
  wie ein Maler, der Linie für Linie, Fläche für Fläche, Farbe für Farbe sein Kunstwerk aufbaut." Doch das stimmt nicht, die Bilder sind nämlich schon da.

Wenn wir sehen, erinnern wir uns. Doch wie sollen sich Blinde an Bilder erinnern, die sie gar nie gesehen haben? "Bei vielen Blinden sind nur die Augen oder die primäre Sehrinde beschädigt, während die Assoziationsfelder funktionieren. Sie können deshalb visuelle und auch räumliche Vorstellungen haben. Weil sich die Imagination aber erstaunlich weit von der Wahrnehmung abkoppeln kann, funktioniert sie selbst dann, wenn ein Mensch niemals mit seinen Augen gesehen hat." Und das meint: die Augen sind nur Auslöser, es ist der Hirn, das sieht.

Stefan Klein bemüht das Beispiel der amerikanischen Schriftstellerin Helen Keller, die nicht nur blind, sondern auch taub war, jedoch sowohl einen Kristall als auch eine Rose beschreiben konnte und im Traum Geräusche wahrnahm. Wie ist das möglich? Es ist das Gehirn, das Bilder und Töne hervorbringt. Und damit unsere Wirklichkeit konstruiert.

"Wachen ist nichts anderes als ein traumartiger Zustand, der sich in einem Rahmen bewegt, den die Sinne ihm setzen", meint der aus Kolumbien stammende Hirnforscher Rodolfo Llinás, eine klare Trennung von Wach- und Traumzustand ist demnach illusorisch. Ich jedenfalls gehe meist auf Autopilot durchs Leben. Und Paul McCartney hörte die Melodie von "Yesterday" zum ersten Mal im Schlaf.

Von Verfolgungsjagden, Sex, dem Fallen und der Erfahrung, etwas immer wieder vergeblich zu versuchen, haben die meisten von uns schon geträumt. Kaum jemand träumt jemals davon, vor dem Computer zu sitzen oder zu lesen. Ich selber träume oft davon, Prüfungen noch einmal bestehen zu müssen – Traumdeuter werden die Prüfung als Symbol für einen tieferliegenden Konflikt sehen, das ist jedoch reine Spekulation.

Was Stefan Klein dazu zu sagen hat, scheint mir wesentlich hilfreicher: "Wir versuchen ständig, Gefühle durch Ereignisse zu erklären, indem wir sie als eine Reaktion auf das begreifen, was uns zustösst. Wenn wir uns ärgern, suchen wir den Grund darin, dass uns jemand schlecht behandelt hat. Und wer guter Stimmung ist, sieht die Ursache in einem Erfolgserlebnis, einer netten Begegnung – oder in der Sonne, die plötzlich durch den deutschen Novemberhimmel bricht."

Woher unsere Gefühle genau kommen, sei es im Wachzustand, sei es im Schlaf, wissen wir nicht wirklich. Was wir für die Wahrnehmung der Aussenwelt halten, so Stefan Klein, sei zum grössten Teil in unseren Köpfen entstanden. "Mit Gefühlen verhält es sich genauso. Wir konstruieren uns eine emotionale Realität – und machen dann die Umwelt für unsere Empfindungen verantwortlich."

Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit ist weit mehr als ein sachkundiger Text über Träume  – es ist ein überaus anregendes Buch darüber, wie unsere Welt-Wahrnehmung funktioniert, im wachen wie auch im schlafenden Zustand.

Stefan Klein
Träume. 
Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014