Sonntag, 15. Februar 2026

Medien-süchtig

 Seit ich mich nicht mehr regelmäßig mit Online-Nachrichten, sei es in Sachen Politik, sei es in Sachen Kultur, befasse, was ich fast ein Leben lang mehrmals täglich getan habe, fühle ich mich auf eine Art befreit, die neu für mich ist.

Als ich diese neue Erfahrung mit den Teilnehmern des Englisch-Intensiv-Kurses, den ich zur Zeit unterrichte, teilte, lernte ich, dass ich nicht der Einzige bin, der sich von dem Medien-Diktat verabschiedet hat, nur dass offenbar keiner so lange gebraucht hat, sich davon zu befreien wie ich. Sicher, ich hatte diese Abhängigkeit auch weit intensiver und viel länger gepflegt.

Zugegeben, ich habe gestaunt und mich auch etwas gewundert, dass ich Jahrzehnte gebraucht habe, um endlich umzusetzen, was ich schon ganz viele Jahre, allerdings bloss theoretisch, gewusst habe: Ich bin Medien-süchtig. Ich habe ausgiebig darüber geschrieben, Konsequenzen hatte es keine. Bis ich vor einigen Wochen, einfach so, von einem Moment zum andern, die Reissleine gezogen habe und mich von meinen gewohnten Medienkonsum verabschiedet habe.

Mittlerweile lese ich nur noch die Headlines und weiss dann, dass ich mir das wirklich nicht anzutun brauche. Und entdecke, dass das Leben noch weit eigenartiger und verwirrender ist als ich es bisher wahrgenommen habe.

Mein Medienkonsum war mir auch immer Stütze und Orientierung gewesen. Mit dem Wegfall dieser Krücken hat mein Tag keine Struktur mehr. Ich suche auch keine, lasse mich von meinem Unbewussten treiben. Das war zwar immer schon so, doch jetzt beobachte ich, so gut ich es vermag, wie dieses Unbewusste mich trägt. Das Allermeiste kriege ich gar nicht mit, doch das Wenige, das ich wahrzunehmen imstande bin, haut mich regelrecht um: Gedanken und Empfindungen schiessen in einer Dichte und Geschwindigkeit durch meinen Kopf, dass einem schwindlig werden kann. Weder sind Trigger auszumachen, noch Anfang und Ende. Meine Logik kommt da nicht mit. Ich habe aufgegeben, nach Erklärungen zu suchen, gebe mich einfach hin. Auch dem Widerstand dagegen, der mich immer mal wieder einholt.

Zürich, am 8. April 2007

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