Sonntag, 26. August 2012

Wenn lieben weh tut

"Ein Kommunikations-Ratgeber für Partner in der Borderline-Beziehung" präzisiert der Untertitel, worin es in diesem Buch geht. Im Vorwort wird es dann noch etwas genauer: "Die Voraussetzung für die Beziehung zu einem Menschen, der an der Borderline-Symptomatik leidet, ist also in erster Linie die Fähigkeit sich selbst zu lieben, sich und andere bewusst wahrnehmen zu können und diese Fähigkeiten so einsetzen zu können, dass sie verbindend wirken."

Die Liebe, schreibt die Autorin, sei womöglich "das zentrale Thema in der Borderline-Problematik" – ein überzeugender Ansatz, wie ich finde – , zitiert dann einige bekannte Namen und deren Idealvorstellungen von Liebe und kommt zum "scheinbaren" Schluss, dass Borderline-Persönlichkeiten "tatsächlich nicht in der Lage sind zu lieben". Nicht nur Borderline-Persönlichkeiten, ist man da versucht hinzuzufügen.

Doch lieben kann man lernen, meint Manuela Rösel, und bleibt in Ihren diesbezüglichen Ausführungen auch durchaus realistisch. Überzeugender (weil pragmatischer) fand ich jedoch ihre Forderung, dass Partner von Bordis "bewusste, verständige und auch konsequente Stabilität" aufbringen müssen.

Im Kapitel über Kommunikation fehlt natürlich der Hinweis auf Watzlawick nicht, der behauptet hat, dass man immer kommuniziere, man also nicht nicht kommunizieren könne. So zutreffend das sein mag, hilfreich ist dieses Wissen nicht wirklich. Sinnvoller wäre, sich eines Begriffs von Kommunikation zu bedienen, der sich an bewusst intendierter Kommunikation orientiert.

Mit dem Modell der Gewaltfreien Kommunikation nach M.B. Rosenberg befasst sich die Autorin ausführlich, wobei sie u.a festhält, "dass ich für das, was ich fühle, selbst verantwortlich bin." Das ist ein ziemlicher Unsinn, denn für meine Gefühle kann ich nichts. Wie ich auf sie reagiere, dafür bin ich verantwortlich, das kann ich auch beeinflussen und steuern.

Für Borderliner kann ganz plötzlich und ohne äusseren Anlass "ein Gefühl präsent sein, welches sich für ihn keiner Situation zuordnen lässt. Urplötzlich entstehen daraus Panik, Angst, Hilflosigkeit oder Wut, da es keine Chance für den Betroffenen gibt, dieses Gefühl einer konkreten Situation zuzuordnen. Wenn dieser Zusammenhang nicht erkennbar ist, kann auch keine Handlungsorientierung erfolgen, d.h. der Betroffene ist seinen Gefühlen völlig hilflos ausgeliefert. Es sei denn ... er schafft sich eine Realität, die zu seinem Gefühl passt. Somit erhält er die Möglichkeit, sich Orientierung und so eben auch Handlungsfähigkeit zu schaffen." Mit anderen Worten: Borderliner und Partner befinden sich hinsichtlich ihrer Realitätswahrnehmung und ihres emotionalen Erlebens auf zwei ganz unterschiedlichen Ebenen. Die verzerrte Wahrnehmung des Borderliners ist eine Selbsthilfestrategie, "die ausschliesslich der emotionalen Orientierung dient und nicht der bewussten Schädigung des Partners."

So recht eigentlich sind das "good news", macht es doch klar, dass in der Begegnung mit Borderlinern eine grosse Chance liegt. "Die Chance der schonungslosen Selbstwahrnehmung und Auseinandersetzung mit eigenen Werten und Bedürfnissen."

Manuela Rösel
Wenn lieben weh tut
Starks-Sture Verlag, München 2012
www.starks-sture-verlag.de

Sonntag, 19. August 2012

Free for love

If we learn to accept our imperfection with humor, as the reflection of our very humanity, we will experience humility and tolerance, we will understand that we are already filled with forgiveness, we will see the gift of our lives, the chains will fall away, and we will be free - free not so much from fear or 'dependence,' but free for love, for life itself.

Ernest Kurtz & Katherine Ketcham
The Spirituality of Imperfection

Sonntag, 12. August 2012

Von der Liebe

Alles ausser der Liebe ist überbewertet.
Sie ist das Einzige, das die Menschheit vor dem Untergang bewahren kann. Denn wer liebt, will, dass es dem Geliebten gut geht, dass es dem Kind gut geht, der Familie oder dem Freund.

Sybille Berg

Sonntag, 5. August 2012

Codependence & Love

The message of all spirituality is that, in some mysterious way, we are all one - that therefore the joy and the sorrow of any one of us is the joy and the sorrow of all of us. Recognizing and living that reality is not 'codependence': it is love.

Ernest Kurtz & Katherine Ketcham
The Spirituality of Imperfection

Sonntag, 29. Juli 2012

Sich annehmen

Sich annehmen –
Das Schwierigste von der Welt, sich als das zu nehmen, was man ist –
und nicht zu verachten, was man ist. Sich dareinfinden, dass man sterblich ist – – und unwissend – – sich ehrlich mit dem abfinden, was sich durch keinerlei Handlungen ändern lässt – vorbehaltlich derer, die man noch entdecken könnte und die es ändern würden.

Paul Valéry

Sonntag, 22. Juli 2012

Über Borderline

Jerold J. Kreismans und Hal Straus' "Ich hasse dich - verlass mich nicht: Die schwarzweisse Welt der Borderline Persönlichkeit" liegt jetzt in einer komplett aktualisierten und erweiterten Neuausgabe vor (Kösel Verlag, München 2012).

Im Vorwort lese ich, dass es sich bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung noch immer um eine Krankheit handelt, die die Allgemeinheit verwirrt und viele Fachleute in Schrecken versetzt. Kein Wunder, denn: "In gewisser Weise kämpfen wir alle mit demselben Problemen wie die Borderline-Persönlichkeit - die Bedrohung durch Trennung, die Angst vor Zurückweisung, die Verwirrung der Identität, Gefühle von Leere und Langeweile." Stimmt, doch was macht denn jetzt die Borderline-Persönlichkeit aus? Das Ausmass, die Intensität. "Der Unterschied besteht jedoch darin, dass nicht alle Menschen so sehr von dem Syndrom kontrolliert werden, dass es ihr Leben stört oder beherrscht."

Schaut man sich die schematische Darstellung "der Position der Borderline-Persönlichkeit in Bezug auf andere psychische Störungen" auf Seite 45 an, wird einem schnell klar, dass man auch heute noch von einer einigermassen klaren Definition, worum es sich bei Borderline handeln könnte, weit entfernt ist, denn da gibt es (wie bei allen seelischen Störungen) unzählige Überlappungen mit Sucht, Depression, Aufmerksamkeitsdefiziten, Narzissmus, Panikattacken etc. etc.

Die Borderline-Persönlichkeit erlebt die Welt als schwarzweiss. "Der Betroffene ist emotional gesehen ein Kind und kann menschliche Widersprüche und Mehrdeutigkeit nicht tolerieren." In der Borderline-Welt gibt es also keine Abstufungen, keine Grauzone, keine Nuancen und Schattierungen, so die Autoren. Doch kann das wirklich sein? Obwohl als Grundmuster durchaus plausibel, scheint dies bei genauerer Betrachtung etwas arg verkürzt, denn: "Obwohl es der Borderline-Persönlichkeit äusserst schwerfällt, ihr Privatleben zu bewältigen, kann sie im Beruf produktiv sein - besonders dann, wenn die Arbeit gut strukturiert, klar definiert und unterstützend ist." Es ist nicht einzusehen, weshalb ein gut strukturiertes, klar definiertes und unterstützendes Privatleben nicht ebenfalls positive Resultate zeigen könnte.

Treffend halten die Autoren fest: "Das grösste Hindernis auf dem Weg zur Veränderung für die Borderline-Persönlichkeit ist die Neigung alles in absoluten Extremen zu bewerten. Die Borderline-Persönlichkeit muss entweder ganz perfekt sein, oder sieht sich als völliger Versager. Sie ist nicht gewillt, mit den Karten zu spielen, die an sie ausgeteilt wurden. Wenn sie nicht sicher ist, dass sie gewinnen kann, spielt sie nicht aus, was sie auf der Hand hat. Die Situation bessert sich, wenn sie lernt, ihre Karten zu akzeptieren, und erkennt, dass sie immer noch gewinnen kann, wenn sie geschickt spielt."

Was die Borderline-Persönlichkeit letztlich lernen muss, ist Selbstverantwortung. "Darin unterscheidet sich die Borderline-Persönlichkeit in nichts von jeder anderen Behinderung. Ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, löst Mitgefühl aus, aber dennoch ist er verantwortlich dafür, eine Rollstuhlrampe zu finden, wenn er Ausflüge unternehmen möchte, und seinen Rollstuhl in einem guten Zustand zu halten, sodass er stets einsatzbereit ist." Wie sagte doch Leo Tolstoi so treffend: "Wahres Leben wird gelebt, wenn kleine Änderungen eintreten." Besonders eindrücklich illustrieren das die verschiedenen Fallgeschichten in diesem informativen Buch.

Jerold J. Kreisman und Hal Straus
Ich hasse dich - verlass mich nicht
Die schwarzweisse Welt der Borderline Persönlichkeit
Kösel Verlag, München 2012.

Sonntag, 15. Juli 2012

Toshihiko Seko

Doch so sehr mir der Langstreckenlauf auch liegt, es gibt immer Tage, an denen ich träge und schwerfällig bin und keine Lust habe. Eigentlich sogar viele. Dann denke ich mir alle möglichen Ausreden aus, um mich zu drücken. Kurz nachdem der Olympialäufer Toshihiko Seko sich von dem aktiven Sport zurückgezogen hatte und Trainer des S&B-Teams geworden war, machte ich ein Interview mit ihm, bei dem ich ihn fragte: "Kommt es bei einem Läufer Ihres Niveaus auch vor, dass Sie keine Lust haben und lieber zu Hause im Bett bleiben würden?" Herrn Sekos Gedanken standen ihm ins Gesicht geschrieben, und in einem Ton, dem man anhörte, für wie blöd er meine Frage hielt, sagte er: "Selbstverständlich. Andauernd."

Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede.