Donnerstag, 3. Mai 2018

Selbstfreundschaft

Von Kindsbeinen an werden wir dazu angeleitet, uns gegen andere durchzusetzen, uns zu beweisen, werden daran gemessen, ob wir gute Noten nach Hause bringen, uns im Sport ausgezeichnet haben. Wir werden dazu konditioniert, unser Selbstwertgefühl vom Urteil anderer abhängig zu machen. Was wir hingegen nicht lernen, ist, mit uns selber pfleglich umzugehen. Über Letzteres erhoffte ich mir erhellende Auskünfte von diesem schmalen Band. 

Woher kommt das, dass der Mensch nicht dazu angeleitet wird, mit sich selber Freundschaft zu pflegen? Wilhelm Schmid argumentiert, dass sich mittlerweile eine regelrechte Hinwendung zum Selbst ausgebreitet habe, allerdings mit der Tendenz zu einem masslosen Selbstkult, den er sich mit dem üblichen Gang der Geschichte erklärt. "Auf ein Extrem antwortet ein anderes. Auf die Jahrhunderte währende Geringschätzung des Selbst musste also seine Überschätzung folgen."

Wohin man auch blickt, Narzissten zuhauf. Was vermutlich auch daran liegt, dass sensiblere, mit sich selbst zufriedene Menschen für die Medien uninteressant sind. Und auch nicht im Interesse der Gesellschaft sind, denn solche Menschen sind ihr eigener Massstab, sie brauchen es nicht, regiert zu werden.

Der Autor Wilhelm Schmid hat sich der Lebenskunst verschrieben. Und zwar philosophisch. Und das meint: Er ist vor allem fragend und differenzierend unterwegs. So unterscheidet er etwa die Selbstliebe von der Selbstfreundschaft, die den Vorteil hat, nüchterner zu sein und nicht, wie erstere, zur Übertreibung zu neigen. Das sehe ich auch so, das Folgende hingegen nicht. "Bewunderung durch Andere ist dem Selbstfreund willkommen, sofern es Anlass dazu gibt; ein wenig davon lässt er sich auch schon selbst zuteilwerden." Das klingt etwas arg nach Rechtfertigung der eigenen Eitelkeit. Hans Pleschinski trifft es in Wiesenstein genauer: "Wer Ruhm geniesst, weiss, dass er einen umnebeln kann, aber er merkt es nicht mehr."

Selbstfreundschaft wirkte auf mich streckenweise sehr akademisch, speziell die sieben Punkte der Selbstdefinition. Genauer: Fragen wie diese: "Welche Beziehungen der Liebe, der Freundschaft und Verwandtschaft sind mir so wichtig, dass ich sie als Teil meines Selbst betrachten will?" "Welche sind feste Bestandteile meiner selbst, ohne die ich nicht geworden wäre, was ich bin?" Viel mehr als spekulieren geht da kaum. 

Und dann gibt es da noch die Fragen, bei denen ich aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr herauskam. "Was ist mein Traum, dem ich im Leben folgen will, meine Sehnsucht, auch mein Glaube, mein Weg, den ich gehen will, mit einem bestimmten Ziel oder auch ohne?" Nun ja, ich habe da ganz viele und sie wechseln ständig ...

"Wie das Leben leichter wird", so der Untertitel, machen Wilhelm Schmids Ausführungen nicht wirklich klar, was wesentlich daran liegt, dass er wie das Akademiker eben so tun, alles einfangen und berücksichtigen und ja nichts auslassen will – und damit im Ungefähren und Unverbindlichen bleibt. Und wenn er sich dann gelegentlich trotzdem zu einer eindeutigen Aussage durchringt, dann wirkt es manchmal zu kurz gedacht. "Wer den Gedanken an den Tod gedacht hat, kann mit neuer Unbekümmertheit durchs Leben gehen." Ich denke, der Gedanke ist da zu wenig.

Andererseits – und deswegen lohnt die Lektüre – liefert Selbstfreundschaft viel intelligente Unterhaltung und so ganz wunderbar clevere und hilfreiche Erhellungen wie etwa diese: "Alle Sorge zielt auf Selbstverwirklichung, aber im Sinne des Wortes: Aus den Möglichkeiten des Selbst eine Wirklichkeit zu machen." Oder: "Jede Verwirklichung ist ausserdem auf die Fähigkeit zur Selbstgesetzgebung angewiesen, Autonomie im ursprünglichen Wortsinn: Das Selbst (autos) gibt sich das Gesetz (nomos)." Oder: "Das Leben wird leichter, wenn ich mir nicht vorstelle, dass es immer leicht sein muss."

Wilhelm Schmid
Selbstfreundschaft
Wie das Leben leichter wird
Insel Verlag, Berlin 2018

Dienstag, 24. April 2018

Familie und Sucht

Sigrid Rausing, Verlegerin von Granta Books und Portobello Books sowie Herausgeberin des Granta Magazine, stammt aus einer sehr begüterten schwedischen Familie. Ihr Bruder Hans und seine Frau Eva hatten sich in einer Entzugsklinik kennengelernt, geheiratet, Kinder bekommen, sich für Suchtkranke eingesetzt und dann, nach Jahren, einen Rückfall erlitten, den er überlebt, sie jedoch nicht. Darüber und wie die Familie mit der Sucht der beiden umgegangen ist, berichtet Sigrid Rausing in Desaster. "Dieses Buch handelt davon, was es heisst, Zeuge einer Sucht zu werden."

Nicht nur das, will ich da gleich einwerfen, denn es erzählt darüber hinaus auch vom Leben, den Schwierigkeiten, Bedürfnissen und Freuden der Autorin. Und das ist gut so, denn allzu häufig handeln Bücher über Sucht fast ausschliesslich von den Problemen der Süchtigen.

 Sigrid Rausing schreibt von ihrer Depression: "Wenn man depressiv ist, gibt es kein Echo im Kopf. Der Kopf bleibt stumm. Ich muss mich korrigieren: In meinem depressiven Kopf gab es kein Echo. Was weiss ich schon über die Erfahrung anderer." Sie beschreibt sich als Skeptikerin und für eine solche kann eine Klinik nur begrenzt was tun. Sie hat gelernt, sich selber zu helfen, mit langen Spaziergängen, Lesen, Schreiben und dem Recherchieren für ihre Doktorarbeit.

Hätte sie sehen müssen, was mit ihrem Bruder und seiner Frau los war? Hätte es ihre Familie sehen müssen? Und falls ja, was genau? Und was hätte man tun sollen, tun können? "Und obwohl ich wusste, wie fehlbar eine Gruppentherapie war, und überhaupt, wie begrenzt die Handlungsmöglichkeiten, glaubte ich auch weiterhin, dass solche Kliniken für Hans und Eva das Richtige waren. Es ist ähnlich wie mit der Schule für die Kinder, an die man ja auch glaubt – einfach, weil es keine Alternativen gibt." 

Die Familie will Hans und Eva helfen, die einen tendieren zu Strenge, die anderen zu Verständnis. "Hans und Eva schwankten hin und her, manchmal leugneten sie vehement, dass irgendetwas nicht stimmte, dann wieder gaben sie uns die Schuld an allem, was nicht stimmte  dieser Mechanismus erscheint den meisten Menschen, die sich mit Sucht auseinandersetzen müssen, bestimmt bekannt." In der Tat! Genauso wie die Frage, ob Süchtige Opfer oder Täter sind, denn sie zerstören nicht nur sich selber, sie zerstören auch Familien und Freunde – sie sind beides, Opfer und Täter.

Desaster ist teils Familiengeschichte, teils Auseinandersetzung mit dem Phänomen Sucht. Sigrid Rausing hat sich breit informiert, weiss, wie wenig Konkretes man darüber weiss,  spekuliert, wie alle anderen auch. Und sie erkennt: "Es ist gefährlich, Narrative des Unglücks zu schaffen, die möglicherweise den emotionalen Teil der Sucht erklären, ihn unter Umständen aber auch verstärken. Deshalb meiden die Zwölf-Schritte-Programme jede Art von Kausalkette."

Desaster klärt auch vielfältig auf. Etwa darüber, wie die Rechtssprechung wohlhabende Drogenkonsumenten begünstigt. Oder darüber, dass es Handlungen gibt, die irreversibel sind. Oder darüber, dass es keine Rolle spielt, ob sich jemand freiwillig für eine Therapie entscheidet oder gerichtlich dazu verdonnert wird. "Wenn jemand erst einmal in einer Entzugsklinik ist, kann die Wende eintreten. Man muss es sich wie einen Prozess der Entradikalisierung vorstellen. Sucht ist nämlich mindestens genauso eine Kultur der Rebellion, wie sie eine Erbkrankheit ist oder eine psychische Störung."

Es sei das Schicksal von Angehörigen leidender Menschen, notiert Sigrid Rausing, "dass sie sich immer überlegen müssen: Was hast du getan – und was hast du nicht getan." Sicher, das auch, doch zu diesem Schicksal gehört auch noch etwas anderes – die Auseinandersetzung mit sich selber, mit seinem eigenen Leben. Auch davon handelt dieses Buch. 

Desaster ist ein höchst differenziertes und beeindruckend aufrichtiges Werk.

Sigrid Rausing
Desaster
S. Fischer; Frankfurt am Main 2018

Mittwoch, 18. April 2018

Unwiderstehlich

Als Steve Jobs im Januar 2010 der Öffentlichkeit das iPad vorstellte, pries er es als einzigartig, als unglaubliches Erlebnis, als das Beste überhaupt, um Fotos anzusehen, Musik zu hören, Spiele zu spielen. „Er glaubte, jeder solle ein iPad besitzen. Seinen Kindern aber verweigerte er hartnäckig die Benutzung des Geräts“, schreibt Adam Alter, Professor für Marketing, in „Unwiderstehlich. Der Aufstieg suchterzeugender Technologien und das Geschäft mit unserer Abhängigkeit“. Mit anderen Worten: Steve Jobs hielt sich an die Grundregel aller Drogendealer: Nimm selbst nie die Drogen, die du verkaufst.

Gemäss Adam Alter sind unsere Vorstellungen von Sucht zu beschränkt, denn wir denken bei Süchtigen regelmässig an Menschen mit bestimmten Anlagen, die von Substanzen wie Heroin, Alkohol, Kokain, Nikotin etc. abhängig sind. Alters Meinung nach „entsteht Sucht vor allem aus einer Mischung aus Umwelteinflüssen und Umständen.“ Er redet von Verhaltenssüchten und diese sind vielfältig: Glücksspiel, Shopping, soziale Netzwerke, E-Mail etc..

Verhaltenssucht ist nicht nur ein eigenartiger, sondern ein irreführender Begriff, denn so recht eigentlich kann sich der Mensch nicht nicht verhalten – wir verhalten uns immer – und natürlich ist nicht jedes Verhalten ein süchtiges. Sucht sei „eine starke Bindung an Erlebnisse, die schädlich und dennoch unwiderstehlich sind“, so Professor Alter.

Das klingt, als ob alles zur Sucht werden kann. Und so ist es auch. Dazu kommt, dass die moderne Konsumgesellschaft durchaus ein Interesse daran hat, uns süchtig zu machen, denn wir sollen ja kaufen, kaufen, kaufen und je weniger wir den Angeboten widerstehen können, desto besser für die Wirtschaft. 

Für mehr, siehe hier

Mittwoch, 4. April 2018

Über die 12 Schritte, und mehr

Vor zwei Tagen bin ich beim AA-Treffen auf einen Deutschschweizer getroffen. Hugo heisst er, wirkt sympathisch. Sein Apartment liegt nur ein paar Häuser weiter, auch in der Soi 1. Nach dem Treffen sind wir zusammen essen gegangen, habe ihm von meinen Rachefantasien erzählt, sehr allgemein. Er schien ganz interessiert. Von meinen beiden Probeläufe in Zürich und St. Gallen habe ich nichts gesagt. Vielleicht lässt sich was zusammen machen. Muss ihn zuerst besser kennenlernen.

Heute morgen traf ich ihn zufällig im Coffeeshop beim Landmark. Er war alleine dort, mit der Bangkok Post und The Nation. Ich begann ihn über sein Coaching-Buch auszufragen.
„Für wen schreibst Du es?“
„Für mich. Ich will mir über mich selber klar werden. Schreiben ist für mich Therapie.“
„Okay. Mein Frage zielte auf etwas anderes. Wer ist dein Zielpublikum?“
„Diejenigen, die von Therapien nichts halten.“
„Für die gibt es Sport oder Selbsthilfegruppen wie die AA.“
„Stimmt. Also für die, welche mehr wollen, als die AA ihnen bieten können.“

„Etwas Besseres als die 12-Schritte gibt es meiner Meinung nach nicht. Was fehlt dir denn bei den AA?“
„Das Programm ist schon gut, doch die meisten verstehen es nicht. Ich habe es auch lange nicht verstanden.“
„Es kann auch wirken, wenn man es nicht versteht. Es zu praktizieren reicht. Also noch einmal: Was fehlt dir?“
„Ich bin ein Suchthaufen, ich kriege nie genug, von gar nichts. Mir fehlt immer irgend etwas. Damit muss ich leben.“
„Verstehe. Und doch nicht. Ich meine, wozu schreibst du ein Buch? Du musst doch eine Botschaft haben ...“.
„Hab ich ja. Dass es keine gibt, das ist meine Botschaft. Und man sich damit abfinden muss.“
„Ziemlich deprimierend.“
„Für mich nicht. Ich habe ein Leben lang nach der richtigen Botschaft, dem Schlüssel, der Erleuchtung gesucht. Und immer mal wieder auch gefunden. Hat aber leider nie lange angehalten.“
„Mit dem Verliebtsein ist es auch so.“
„Genau.“

„Doch worauf willst du mit deinem Buch hinaus?“
„Wie gesagt, zuallererst war das Schreiben eine Selbsttherapie. Ich bin mir klarer darüber geworden, was mich ticken macht. Mein Lebensproblem, ja eigentlich alle meine Probleme, gründen in Angst. Vor dem Leben, vor dem Tod, vor dem Sterben, so recht eigentlich macht mir alles Angst. Und ich denke, es geht allen so, doch nicht im selben Ausmass. Bei mir ist sie heftig. Davonlaufen funktioniert nicht, sie holt mich immer wieder ein. Natürlich motiviert sie mich auch. Ich habe versucht, mich ihr zu stellen. Und zeige in meinem Buch jetzt auf, wie ich das gemacht habe und mache. Gut möglich, dass das auch für andere ein Ansatz sein könnte.“
„Sicher, doch wahrscheinlicher scheint mir, dass die meisten nichts davon wissen wollen.“
„Aus Angst“, lachte Hugo.
„Na ja, allein von dir aus zu gehen, scheint mir dann doch reichlich egozentrisch.“
„Überhaupt nicht, ich halte mich nicht für eine derartige Ausnahme. Ich denke, andere empfinden genauso.“

„Doch nicht alle wollen sich ihrer Angst stellen. Vielleicht auch, weil sie viel zu viel Angst vor ihrer Angst haben.“
„Das respektiere ich, doch mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben, denn die verstehen mich nicht einmal ansatzweise.“

Als Hugo das sagte, da wusste ich, dass ich einen zutiefst verletzten Mann vor mir hatte.

Aus: Hans Durrer: Herolds Rache. Fehnland Verlag, 2018

Donnerstag, 22. März 2018

Five Fallacies of Grief

In October 2008, Scientific American published Five Fallacies of Grief: Debunking Psychological Stages by Michael Shermer. It is one of the more helpful pieces that I recently read. Here it is:

"Denial, anger, bargaining, depression, acceptance. So annealed into pop culture are the five stages of grief—introduced in the 1960s by Swiss-born psychiatrist Elisabeth Kübler-Ross based on her studies of the emotional state of dying patients—that they are regularly referenced without explication.

There appears to be no evidence, however, that most people most of the time go through most of the stages in this or any other order. According to Russell P. Friedman, executive director of the Grief Recovery Institute in Sherman Oaks, Calif., and co-author, with John W. James, of The Grief Recovery Handbook (HarperCollins, 1998), “no study has ever established that stages of grief actually exist, and what are defined as such can’t be called stages. Grief is the normal and natural emotional response to loss.... No matter how much people want to create simple, bullet-point guidelines for the human emotions of grief, there are no stages of grief that fit any two people or relationships.”

Friedman’s assessment comes from daily encounters with people experiencing grief in his practice. University of Memphis psychologist Robert A. Neimeyer confirms this analysis. He concluded in his scholarly book Meaning Reconstruction and the Experience of Loss (American Psychological Association, 2001): “At the most obvious level, scientific studies have failed to support any discernible sequence of emotional phases of adaptation to loss or to identify any clear end point to grieving that would designate a state of ‘recovery.’”

Nevertheless, the urge to compress the complexities of life into neat and tidy stages is irresistible. Psychoanalyst Sigmund Freud insisted that we moved through five stages of psychosexual development: oral, anal, phallic, latency and genital. Developmental psychologist Erik H. Erikson countered with eight stages: trust vs. mistrust (infant); autonomy vs. doubt (toddler); initiative vs. guilt (preschooler); industry vs. inferiority (school-age period); identity vs. role confusion (adolescent); intimacy vs. isolation (young adult); generativity vs. stagnation (middle age); and integrity vs. despair (older adult). Harvard University psychologist Lawrence Kohlberg postulated that our moral development progresses through six stages: parental punishment, selfish hedonism, peer pressure, law and order, social contract and principled conscience.

Why stages? We are pattern-seeking, storytelling primates trying to make sense of an often chaotic and unpredictable world. A stage theory works in a manner similar to a species-classification heuristic or an evolutionary-sequence schema. Stages also fit well into a chronological sequence where stories have set narrative patterns. Stage theories “impose order on chaos, offer predictability over uncertainty, and optimism over despair,” explained social psychologist Carol Tavris, author of The Mismeasure of Woman (Touchstone, 1993) and co-author, with Elliot Aronson, of Mistakes Were Made (But Not by Me) (Harcourt, 2007), in an interview with me. “

One appeal of stage theories is that they tell a story—they give us a narrative to live by (‘you feel this now, but soon ...’). In cognitive psychology and also in ‘narrative psychotherapy,’ there has been a lot of work on the importance of storytelling. Some therapists now make this idea explicit, helping clients change a negative, self-defeating narrative (‘look at all I suffered’) into a positive one (‘I not only survived but triumphed’).”

What’s wrong with stages? First, Tavris noted, “in developmental psychology, the notion of predictable life stages is toast. Those stage theories reflected a time when most people marched through life predictably: marrying at an early age; then having children when young; then work, work, work; then maybe a midlife crisis; then retirement; then death. Those ‘passages’ theories evaporated with changing social and economic conditions that blew the predictability of our lives to hell. Second, Tavris continued, “is the guilt and pressure the theories impose on people who are not feeling what they think they should. This is why consumers of any kind of psychotherapy or posttraumatic intervention that promulgates the notion of ‘inevitable’ stages should be skeptical and cautious.” Stages are stories that may be true for the storyteller, but that does not make them valid for the narrative known as science.

Donnerstag, 15. März 2018

Die Beziehung zu uns selbst

Das Beste, was wir für unsere Beziehungen mit anderen tun können, ist, uns der Beziehung zu uns selbst bewusster zu werden. Mit Narzissmus hat das nichts zu tun. Im Gegenteil. Es ist das Liebevollste, was wir für den anderen tun können. Das grösste Geschenk, das wir anderen machen können, ist, so gut zu sein, wie wir nur können. Paradoxerweise müssen wir also, um unseren Beziehungen zu anderen gerecht zu werden, als erstes unseren eigenen Weg annehmen.

James Hollis: The Eden Project

Donnerstag, 8. März 2018

Vom Nutzen der Gefühle

Auf den Psychiater Christian Peter Dogs bin ich durch ein Interview in der Schwäbischen Zeitung gestossen. Ausgesprochen gut gefallen hat mir, dass er sich in seiner therapeutischen Tätigkeit auch selber einbringt, befremdet hat mich hingegen sein Glaube an Diplome. "Ich habe alle Facharztqualifikationen, die man in unserem Fachgebiet haben kann. Die hatte mein Vater nie. Aus diesem Grund ist mein Buch auch ein Aufruf, stolz auf sich zu sein."

Dieses Buch, Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen (Ullstein Verlag, Berlin 2017), weist als Autoren Christian Peter Dogs sowie die Journalistin Nina Poelchau aus (man darf annehmen, dass es von letzterer geschrieben wurde), liest sich gut und vertritt Auffassungen, die wesentlich vom gesunden Menschenverstand diktiert und mir sympathisch sind. 

Verantwortlich dafür, wie wir uns fühlen, ist das Gehirn. Und deshalb sollten wir verstehen, zumindest in Grundzügen, wie es funktioniert. Schon mal vom Hippocampus gehört? Er ist die Verbindung zwischen emotionalem und rationalem Gehirn und funktioniert als Gesamtsicherung: Wird er mit zuvielen Reizen (etwa bei Stress) überflutet, nimmt er Schaden oder klinkt sich aus – man wird gefühllos, spürt sich nicht mehr. Das Gehirn schirmt sich ab, nimmt eine Auszeit. Man sollte sich nicht dagegen wehren, sondern sie zur Entspannung nutzen und sich zu „re-setten“, so Dr. med. Dogs.

Nur etwa fünf Prozent unserer Gehirnaktivität läuft bewusst ab. Und das ist eine ausgesprochen gute Nachricht, denn sie besagt einerseits, dass wir uns so recht eigentlich relaxed zurücklehnen können, denn unser Unbewusstes führt die Regie, und andererseits, dass unsere Bemühungen anders sein zu wollen als wir sind, meist zum Scheitern verurteilt sein werden.

Doch wir sind nicht einfach Opfer, wir können durchaus Einfluss auf unser Leben nehmen. Vor allem wichtig ist, dass wir unser hochkomplexes Gehirn pfleglich behandeln. Und das meint: Wir können zum Teil mitentscheiden, womit wir es füttern. Wenn wir dauernd ausgetretene Pfade gehen (also immer dasselbe machen), wird sich das Gehirn entsprechend darauf einstellen. Wenn wir häufig neue Erfahungen machen, ebenso.

Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen ist zu grossen Teilen die Autobiografie eines Menschen, der unter schwierigsten Verhältnissen aufwuchs und nichtsdestotrotz eine beachtliche Karriere hinlegte. Es ist das Teilen seiner reflektierten Lebenserfahrungen, das ihn zu einem etwas anderen Psychiater macht. Er weiss aus eigenem Erleben was Missbrauch und Heroinsucht bedeuten und berichtet offen darüber. Das ist so selten wie eindrücklich. Und müsste doch so recht eigentlich selbstverständlich sein, denn wirklich glaubwürdig sind Psychiater, die auf die Offenheit ihrer Patienten angewiesen sind, nur dann, wenn sie auch selber offen sind. Christian Peter Dogs ist so einer. 

Der zweite Teil des Buches ist mit Therapie in Deutschland – eine Kritik überschrieben und zeigt an erfundenen, doch realitätsnahen Fallbeispielen auf, woran gängige Therapien kranken und was anders zu machen wäre beziehungsweise Christian Peter Dogs anders macht. Das ist spannend und praxisnah geschildert und von common sense (der allerdings nicht besonders common ist) geprägt. 

Dann gibt es noch einen Teil drei, der die Frage "Was kann ich selbst tun?" behandelt ("Pflegen Sie Ihre Beziehung", "Wagen Sie etwas", "Runter vom Gas" – der Mann kocht auch nur mit Wasser) sowie einen Teil vier, worin er eine Klinik nach seinen Vorstellungen präsentiert.

Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen ist ein überzeugendes und ausgesprochen hilfreiches Buch  vor allem Psychiater, Psychologen  und andere seelische Ratgeber sollten sich Christian Peter Dogs' Haltung und Vorgehen zum Vorbild nehmen.