Mittwoch, 5. Oktober 2016

Glück. Ein Tatsachenroman

Was, um Himmels Willen, hat ein Tatsachenroman über Glück auf einem Blog zum Thema Sucht zu suchen? Nun ja, Glück erhoffen sich ja auch viele Süchtige. Dazu kommt, dass für mich Sucht wenig mit chemischen Substanzen, dafür viel mit einer Lebenshaltung zu tun hat. Und nicht zuletzt: Um von einer Sucht loszukommen braucht es auch Glück. Und nicht zuwenig. Ich weiss wovon ich rede, ich selber hatte dieses Glück.

Robert Kisch, so die Verlagswerbung, sei das Pseudonym eines preisgekrönten Journalisten. Und da fragt man sich natürlich (jedenfalls frage ich mich), weshalb jemand, der einen oder mehrere Preise verliehen bekommen hat und diese Tatsache erwähnt haben will, sich hinter einem Pseudonym versteckt. Nun gut, vielleicht wollte das der Verlag, der Autor selber nicht. Was das Ganze noch etwas eigenartiger macht, ist, dass der Autor sein Pseudonym anlässlich des Erscheinens von Glück gelüftet hat, was für diese Besprechung jedoch ohne Belang ist.

Wie gesagt, Robert Kisch ist Journalist und er tut, was Journalisten meist so tun. wenn sie sich kundig machen wollen – sie interviewen erfolgreiche Menschen. So besucht er etwa einen berühmten Unternehmensberater, der ihm unter anderem erläutert, "dass das Thema Spiritualität im beruflichen Kontext vor zwanzig Jahren undenkbar war und heute eher schon ein Gütesiegel ist." Kisch, der sich an seine Zeit als Angestellter eines Möbelhauses erinnert, hat andere Erfahrungen gemacht – im Möbelhaus war Spiritualität eher ein Schimpfwort.

Glück. Ein Tatsachenroman zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass hier einer nicht nur einfach Leute befragt, sondern das Gesagte jeweils eigenständig und mit Bezug auf eigene Erfahrungen bedenkt und kommentiert. Das finde ich spannend, wenn auch nicht immer verständlich: "Stille ist nicht die Abwesenheit von Krach, denke ich, sondern die Abwesenheit meines Unbewussten." Da ich mir des Unbewussten nicht bewusst bin, kann ich mir seine Abwesenheit auch nicht vorstellen.

Robert Kisch ist ein ständig reflektierender Mann, voll der besten und zu vieler Vorsätze. Vorgenommen hat er sich etwa, sich gedanklich auf sein Ende vorzubereiten, sein Sterben zu erlernen, indem er dankbar ist. Er bemüht sich, strengt sich an, geht höchst bewusst durchs Leben, denkt ohne Unterbruch  – "denke ich" ist die häufigste Wendung in diesem Buch.

Er ist voller Selbst-Ermahnungen. Schweigen will er können. Es gelingt selten. Viel zu viele Gedanken stehen ihm ständig im Weg. Doch er gibt nicht auf. Und manchmal gelingt es ihm. "Aber immer dann, wenn ich es tatsächlich schaffe, ist das, was da ist, genau das, was ich will."

Von einem Physiker, den er dokumentieren will, weil er über den Dingen steht und sein Leben nach dem wirklich Wichtigen ausrichtet, lernt er (und ich), dass das, was diese Welt zusammenhält, Energie ist, "ein Konzept, das man als solches nicht beobachten kann." Er glaube nur, was er sehe, zitiert Kisch ironisch den beliebten Skeptikerspruch. "Ja", sagt der Physiker und lächelt, "aber ich habe noch nie einen Gedanken gesehen."

Bei einem Fest trifft Kisch auf Edina, die ihn von früher kennt. Sie ist verheiratet, die beiden beginnen ein Verhältnis. Er verschweigt ihr, dass er ohne feste Arbeit und Klient beim Arbeitsamt ist. Wohl ist ihm nicht in dieser Beziehung, er führt sie trotzdem weiter, denn so eine Leidenschaft hat er noch nie erlebt. Was dem Autor sehr überzeugend gelingt, ist das Nebeneinander von sehr detaillierten, witzigen und oft selbst-ironischen Schilderungen aus dem Alltag einerseits und seiner spirituellen Suche andererseits.

Glück. Ein Tatsachenroman ist gut erzählt, anregend und reich an hilfreichen Einsichten. Wenn er das tue, was gerade im Moment zu tun sei, so der Unternehmensberater, dann mache ihm das keinen Stress. "Stress entsteht dann, wenn ich daran denke, was noch zu tun ist." Und die Zen-Meisterin erklärt, dass man lernen müsse, das anzunehmen, was ist. "Sonst ist man immer damit beschäftigt zu sagen: So, wie es jetzt ist, passt es nicht. Der Geist möchte immer springen, er möchte es immer anders haben, als das Leben gerade ist."

Robert Kisch
Glück
Ein Tatsachenroman
Droemer Verlag, München 2016

Mittwoch, 28. September 2016

Besser scheitern

Immer versucht.
Immer gescheitert.
Einerlei.
Wieder versuchen.
Wieder scheitern.
Besser scheitern.

Samuel Beckett

Mittwoch, 21. September 2016

Gesetze der Medizin

Der Mediziner und Autor Siddhartha Mukherjee erhielt 2011 den Pulitzer Preis für sein Buch Der König aller Krankheiten: Krebs - eine Biographie. Mit Gesetze der Medizin legt der S. Fischer Verlag nun seine, wie es im Untertitel heisst, Anmerkungen zu einer ungewissen Wissenschaft vor. Das Buch ist auf der Grundlage von Mukherjees TED Talk entstanden. 

Ist die Medizin eigentlich eine Wissenschaft?, fragt sich der Mediziner Mukherjee. Sicher ist, dass die Medizin in den letzten Jahrzehnten mit spektakulären technischen Innovationen aufgewartet hat, doch machen diese noch keine Wissenschaft aus; "sie beweisen lediglich, dass die Medizin wissenschaftlich ist – das heisst, therapeutische Eingriffe basieren auf den rationalen Prinzipien der Pathophysiologie."

Wissenschaft zeichnet sich durch Gesetze aus. Dabei handelt es sich um "Aussagen, deren Wahrheitsgehalt auf wiederholten experimentellen Beobachtungen einiger universeller oder verallgemeinerbarer Naturattribute gründet." Das ist in grossem Ausmass in der Physik der Fall, in kleinerem in der Chemie und in einem wesentlich kleinerem in der Biologie.

Siddhartha Mukherjee macht sich auf die Suche nach Gesetzen der Medizin. Das erste, das er entdeckt, ist dieses: Ein gutes Gespür ist aussagekräftiger als ein schwacher Test.

Was man testet, ist das Eine (wer blöde fragt, kriegt blöde Antworten), wie man das Testresultat interpretiert, das Andere. "Man muss eine Ahnung haben, bevor man Ahnung hat."

Überaus spannend ist Mukherjees Vorgehen. So zeigt er etwa anhand der Astronomie auf, wie Gesetze gefunden werden können. Viele Jahrhunderte hatte das ptolemäische Weltbild Gültigkeit, gemäss dem die Erde im Zentrum des Sonnensystems sass. 1512 wurde es vom kopernikanischen Modell, das die Sonne ins Zentrum der Planeten stellte, abgelöst, nur stellte sich dann heraus, dass die Umlaufbahnen keine exakten Kreise, sondern Ellipsen waren. Darauf gekommen war Kepler, der sich so die Schleifenbewegungen des Mars erklären konnte  er hatte sich an der Ausnahme und nicht an der Regel orientiert.

Doch was hat das alles mit den Gesetzen der Medizin zu tun? Die Medizin orientiert sich am Normalfall anstatt an den Exoten. "Es gibt den Durchschnittsdiabetiker, den typischen Herzschwächepatienten, und den Krebskranken, dessen Reaktion auf eine Chemotherapie dem Standard entspricht. Doch wir wissen wenig über die Ursachen, die dazu führen, dass ein Individuum ausserhalb des normalen Spektrums liegt. Mit Hilfe der 'Normalos' stellen wir Regeln auf – die 'Ausreisser' dagegen fungieren als Portale tieferer Gesetze."

Gesetze der Medizin ist eine wunderbar anregende Lektüre!

Siddharta Mukherjee
Gesetze der Medizin
Anmerkungen zu einer ungewissen Wissenschaft
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2016

Mittwoch, 14. September 2016

Was vom Helfen übrig bleibt

Geht es um Fragen der Seele, des Gemüts und der Haltung, fühle ich mich bei Romanen (das schliesst Krimis mit ein) meist besser aufgehoben als bei Sachbüchern von einschlägig Diplomierten. Und Katja Lange-Müllers Drehtür zeigt höchst überzeugend auf, warum dem so ist. Selten habe ich intelligenter, reflektierter, pointierter und witziger über das Helfen gelesen.

"Das Bedürfnis, dem Artgenossen beizustehen, das wir mit vielen Tieren teilen, selbst so niederen und unsympathischen wie Wespen oder Ameisen, nannten und nennen neunmalkluge Schwachköpfe Helfersyndrom, als sei das eine multiple, entsprechend komplizierte Krankheit, eine Psycho-Seuche, die nur Exemplare unserer Gattung befällt. Warum zum Henker soll es krank sein, den Menschen gesund sehen zu wollen – oder tot, falls Heilung nicht möglich ist? Und was würde aus der Welt, wenn alle auf dem Gebiet der Medizin Tätigen plötzlich kuriert wären von diesem angeblichen Helfersyndrom, wenn sie es unwiederbringlich verloren hätten?! Katastrophaleres als jede Katastrophe spielte sich ab in den Städten und Dörfern, den Wäldern, Steppen, Wüsten sämtlicher Länder unseres verkommenen Planeten."

Ich will hier nicht die Handlung dieses Buches umreissen, ich will hier nur auf einige Aspekte aufmerksam machen, die meines Erachtens die Lektüre nicht nur lohnen, sondern zu einem intellektuellen Genuss höchster Güte machen. Da ist zunächst einmal die sprachliche Genauigkeit, denn die Autorin macht sich Gedanken über Dinge, die den meisten (ich schliesse mich ein) wohl gar nie auffallen.

" ... Gesundheit, vollkommene, gänzlich beschwerdefreie Gesundheit, die gibt es nicht, schon gar nicht im Gesundheitswesen. 
Gesundheitswesen, wieder so ein blödsinniger Begriff! Was, zum Henker, soll das sein, ein Gesundheitswesen? Lebewesen, ja, die kennen wir. Aber Gesundheitswesen. Wie habe ich mir die vorzustellen?!"

"Krankenschwester, das Wort rührt von den ersten Krankenschwestern her, die ja generell Nonnen, also Ordensschwestern, gewesen waren, und es tönt, als wären sie alle, als wären wir Krankenschwestern alle, zumindest solange wir unseren Beruf ausüben – wieder so ein dämliches Wort – , blutsverwandt mit allen Kranken, die es auf Erden gab, gibt und geben wird. Doch zu den Pflegern sagt niemand Krankenbrüder, obwohl deren Stammes- oder Standesväter ebenfalls dem einen oder anderen katholischen Orden dienten und bis heute dienen ..."

An der Frankfurter Buchmesse wird die Autorin und Krankenschwester Tamara mit Indern bekannt  und in der Folge nach Kalkutta eingeladen, wo sie vor Frauen, auf die Anschläge mit Kochbenzin verübt worden sind, lesen soll. Die Schilderung der Reise und ihrer Ankunft am Flughafen Dum Dum gehört mit zum Lustigsten, was ich je übers Reisen gelesen habe.

"Nach etwa zwei Stunden Fahrt im Schritttempo zwischen ununterbrochen, aber völlig sinnlos hupenden Autos, vorbei an Kühen und Schafen, windschiefen Hütten, diverse Dinge über dem Kopf balancierenden Fussgängern und auf dem Trottoir sitzenden oder gar liegenden Frauen, Männern, Kindern, näherten wir uns wohl der eigentlichen Stadt, denn am Horizont, hinter einem breiten Gürtel von Leuchtschriften, Werbeplakaten, Modegeschäften, Supermärkten, Garküchen, Bretterbuden und Warenstapeln links und rechts der Strasse, ragten hohe, steinerne Gebäude aus dem Dunst ...".

Drehtür erzählt ganz unterschiedliche Geschichten, die unter anderem in Nicaragua, Tunesien, New York und München spielen. Was sie verbindet sind die verschiedenen Arten und Facetten des Helfens mit all seinen Risiken – sei es im Dienste von internationalen Hilfsorganisationen oder beim Füttern von  Katzen am Urlaubsort.

Das Bedürfnis  zu helfen ist womöglich angeboren, wirklich helfen zu können aber eben nichts für "gutwillige, aber realitätsfremde Dilettanten", die Gefahr laufen, ob des schrillen Geschreis traumatisierter Kleinkinder oder des Wahnsinns in den Gesichtern von Gefolterten, selber traumatisiert oder wahnsinnig zu werden.

Drehtür ist weit mehr als gute Literatur, es ist ein überaus cleveres und hilfreiches Buch.

Katja Lange-Müller
Drehtür
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016

Mittwoch, 7. September 2016

Chatter - another kind of drug abuse

The Greeks are all for chatter, and political chatter is the most seductive means of wasting time. Few Greeks read anything but newspapers, though literary coteries abound, usually revolving round the poets. If you ask why there aren't more novelists you are told the political situation makes it dangerous for Greeks to write novels. As so many Greeks have been prepared to die for their political beliefs, I can only feel that they are not prepared to forgo their chatter for the long and arduous stretches of seclusion which the writing of a novel demands. The chatter is amusing, stimulating, till you begin to see it as another kind of drug abuse. Then you long to escape from its clutches.

Patrick White: Flaws in the Glass. A Self-Portrait

Mittwoch, 31. August 2016

Stürme im Gehirn

Jon Palfreman ist emeritierter Professor für Journalismus an der University of Oregon sowie preisgekrönter Wissenschaftsjournalist. In Stürme im Gehirn erzählt er von seiner Parkinson-Erkrankung. Und gleichzeitig die Geschichte dieser Krankheit, welche Ärzte und Wissenschaftler seit zwei Jahrhunderten zu begreifen versuchen.

Am Anfang stand ein leichtes Zittern der linken Hand. Sein Arzt wollte das genauer abklären lassen, Palfreman selber machte sich keine Sorgen, seine Mutter litt die meiste Zeit ihres Lebens an einem ähnlichen Symptom. Als er die Diagnose Parkinson erhält, steht er unter Schock. Und reagiert mit Verdrängung: Zuerst hält er die Diagnose geheim. Dann verleugnet er sie. Und beginnt, sich selber zu bemitleiden.

Doch dann wird er neugierig, will er seiner Krankheit auf den Grund gehen. Und da er Journalist ist, tut er, was Journalisten so tun. Er liest sich ein. Er befragt Betroffene. Und er befragt Forscher. Natürlich die führenden.

Stürme im Gehirn ist einerseits ein Buch für an Medizingeschichte Interessierte und andererseits ein persönlicher Erfahrungsbericht. Mich hat vor allem letzterer in seinen Bann gezogen.

So sehr eine Diagnose auch immer ein medizinisches Problem bezeichnet, die Auswirkungen gehen häufig über das Medizinische hinaus. Als Palfreman sich in einer Parkinson-Selbsthilfegruppe, wie das dort üblich ist, mit dem Datum seiner Diagnose vorstellte, realisierte er, dass er damit etwas Tiefgehendes zugab: "Die Diagnose hatte eine irreversible Veränderung meiner Identität zur Folge. Als ich die Diagnose erfuhr, ging die eine Version von mir zu Ende, und eine andere begann."

Die Menschen, die die Diagnose Parkinson erhalten, reagieren darauf ganz unterschiedlich. Und auch mit der Krankheit leben sie ganz unterschiedlich. Die Beispiele, die Palfreman aufführt, sind eindrücklich.

Die Geschichte von Thomas Graboys ist mir am meisten unter die Haut gegangen. Anfang der 1990er-Jahre ist er ein glücklich verheirateter Arzt, hat zwei Kinder, ist einer der Stars an der Harvard Medical School und dem Brigham and Women's Hospital. 1993 stirbt seine Frau Caroline an Dickdarmkrebs. Dann  bemerkt er, dass sein Körper nicht mehr so funktioniert wie bis anhin. Er merkt es beim Tennisspielen und beim Skifahren. Dazu kommen Schlafstörungen.

"Bald hatte er eindeutige Beweise, dass etwas wirklich nicht in Ordnung war. Er entwickelte einen Tremor und eine gebückte Haltung, die Gleichgewichtsprobleme wuchsen an. Geistige Fehlleistungen und Aussprachefehler nahmen zu. Graboys versuchte seine Krankheit vor Kollegen, Patienten und Freunden und sogar vor der Familie zu verbergen, seine zweite Frau Vicki Tenney eingeschlossen, die er 2002 heiratete."

Als er eines Tages, das war 2003, über den Parkplatz zu seinem Auto ging, rief ihm ein Kollege, der nichts von dem Drama wusste, das sich in Graboys Leben abspielte, zu: "Wer kümmert sich eigentlich um deinen Parkinson?" Graboys, der noch nicht einmal mit Parkinson diagnostiziert worden war, war fassungslos. Sich selber zu betrügen, ging jetzt nicht mehr. 

Jon Palfreman
Stürme im Gehirn
Dem Rätsel Parkinson auf der Spur
Beltz Verlag, Weinheim 2016

Mittwoch, 24. August 2016

Sterblich sein

Atul Gawande ist Facharzt für Chirurgie an einer Klinik in Boston. Während seines Studium lernte er zwar eine Menge, aber nichts über Sterblichkeit. "Wir sollten lernen, Leben zu erhalten, und uns nicht um den Tod kümmern, das war - nach unserer Meinung und nach Meinung unserer Professoren - der Zweck unserer Ausbildung."

Der Tod wird verdrängt, das Sterben wird verdrängt, der Mensch will nicht wahrhaben, was er über sein Schicksal weiss. "Theoretisch wusste ich natürlich, dass meine Patienten sterben konnten, aber jedes Mal, wenn es tatsächlich passierte, kam es mir wie eine unzulässige Ausnahme vor, als seien die Regeln gebrochen worden, nach denen - wie ich glaubte - gespielt wurde. Ich weiss nicht, was genau ich mir unter diesem Spiel vorstellte, aber es waren immer wir, die dabei zu gewinnen hatten."

In der längsten Zeit der Geschichte der Menschheit lebten viele Generationen einer Familie unter einem Dach. Das hat sich geändert. Heutzutage sind Alter und Gebrechlichkeit keine gemeinschaftlichen generationenübergreifenden Aufgaben mehr, sondern werden von spezialisierten Einrichtungen übernommen.

Nein, früher war es nicht besser. Und kaum jemand möchte die Uhr zurückdrehen. "Es wurde zu einer allgemein akzeptierten Möglichkeit, allein und autonom zu leben, so, wie man es wollte. Diese Tatsache sollte gefeiert werden", schreibt Atul Gawande in Sterblich sein. Und er fügt hinzu: "Vielleicht gibt es die Verehrung der Alten nicht mehr; aber an die Stelle ist nicht die Verehrung der Jugend getreten, sondern die Verehrung des unabhängigen Selbst."

Dieses unabhängige Selbst mag ein Ideal sein, Realität ist es nicht. Nach wie vor sind wir aufeinander angewiesen und das zeigt sich spätestens dann, wenn das selbstbestimmte Dasein durch Krankheiten, Gebrechlichkeit und Schwäche unmöglich geworden ist.

In Sterblich sein erzählt Atul Gawande davon, wie Menschen mit den Einschränkungen durch Alter und Krankheit umgehen. Vor allem aber setzt er sich mit der Frage auseinander, wie man ein lebenswertes Leben führen kann, wenn man schwach und gebrechlich ist und nicht mehr für sich selber sorgen kann.

Das hängt unter anderem davon ab, wie viel Zeit wir glauben, zur Verfügung zu haben. "Nicht das Alter ist ausschlaggebend, sondern die Perspektive, der Blickwinkel, die Einstellung zum Leben." Um herauszufinden, was Sterbende sich wünschen, sollte man sie fragen. "Was sind Ihre grössten Ängste und Befürchtungen? Was wollen Sie im Leben noch erreichen? Was ist Ihnen am wichtigsten, worauf können Sie verzichten und worauf keinesfalls?"

Es geht darum, dass Sterbende ihr Leben, im Rahmen des Möglichen, weiterhin selbst gestalten können. Das verlangt, Entscheidungen zu treffen. Und die können natürlich auch falsch sein. Die Frage ist, "welche Fehlentscheidung wir mehr fürchten: die zur Verlängerung von Leiden führt, oder diejenige, die wertvolles Leben verkürzt"?

Wie der Untertitel treffend sagt, ist dies ein Buch über "Würde, Autonomie und eine angemessene medizinische Versorgung". Atul Gawande setzt sich damit anhand von Krankengeschichten auseinander. Auch mit derjenigen seines Vaters. Vor allem an dieser sehr persönlichen Geschichte wird deutlich, eindringlich und höchst berührend, dass es kein Patentrezept für ein gutes Sterben gibt.

Sterblich sein zeigt überzeugend, dass "die Auseinandersetzung mit den Beschränkungen unserer Biologie, mit den Grenzen, die uns von Genen und Zellen und Fleisch und Knochen gesetzt sind" nicht nur lohnt, sondern ausgesprochen hilfreich ist.

Sterblich sein ist ein wichtiges Buch!

Atul Gawande
Sterblich sein
Was am Ende wirklich zählt
Über Würde, Autonomie und
eine angemessene
medizinische Versorgung
S. Fischer, Frankfurt am Main 2016