Mittwoch, 17. August 2016

Ajahn Moskito

Peter Betts, 1951 als Arbeiterkind in West-London geboren, interessiert sich schon früh für den Buddhismus, verliert mit 16 seinen Vater, erhält ein Vollstipendium für Cambridge und studiert dort Theoretische Physik.

In Ajahn Brahm. Der Mönch, der uns das Glück zeigte erzählen Vusi Reuter und Sabine Kroiss nicht nur die Biografie von Peter Betts, der zu Ajahn Brahm wurde, sondern machen die Leser auch mit den Grundkonzepten des Buddhismus bekannt.

So erklären sie etwa, was es mit Karma auf sich hat. "Karma ist weder Strafe noch Belohnung, sondern lediglich die Folge unserer geistigen und physischen Handlungen. Wir sind dafür verantwortlich und tragen letztendlich auch die Konsequenzen, ob wir wollen oder nicht." Und machen darauf aufmerksam, dass man den im abendländischen Kulturkreis häufig gestellten Fragen "Warum ich?", "Warum passiert das mir?" im Buddhismus nur selten begegnet.

"Es gibt keine Gründe für Selbstmitleid, denn jedem Problem, jedem Umstand, der uns dazu verleiten könnte, uns selbst zu bedauern, wird eine Bedeutung zugesprochen und bekommt damit einen Sinn. Ursache und Wirkung: Dem Einzelnen fällt es dadurch viel leichter, selbst schwer zu bewältigende Probleme anzugehen. Das ist kein einfacher, kein bequemer Gedankengang für den westlich geprägten Menschen. Der Buddhismus weist den Weg aus der Opferrolle in die Eigenverantwortung."

Nach dem Studium arbeitet Peter Betts an einer Schule in Devon als Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften. Doch ist da auch der Wunsch nach einem spirituellen Leben. Schliesslich  macht er sich auf nach Thailand, wo er im Waldkloster Wat Pah Pong von Ajahn Chah Aufnahme findet. 

Der Alltag im Waldkloster ist streng. "Das Leben ist karg und fern jeder Romantik. Einfachheit und Reduktion bestimmen den Ablauf." Aufgestanden wird um drei Uhr morgens, Dhamma-Reden von Ajahn Chah während der Nacht können sechs bis sieben Stunden dauern. Das Ziel dabei ist Befreiung und diese ist nur in der Gegenwart möglich. 

Nach ein paar Jahren wechselt Ajahn Brahm, wie er jetzt heisst, in das neu gegründete Wat Pah Nanachat, das "Kloster der vielen Länder", in dem viele Ausländer nach der Waldtradition leben.

Ajahn Brahm empfiehlt, "nicht aus der Vergangenheit zu lernen, sondern aus der Gegenwart: 'The past is un-ifable. You can't if the past'. Es gibt kein 'wenn' in der Vergangenheit. Ajahn Brahm beschreibt sie als Gefängniszelle, deren Tür offen steht. Es steht uns frei, einfach hinauszugehen, aber wir tun es zu selten – wir halten daran fest. Genau darum geht es Ajahn Brahm: um ein innerliches Umschalten. Das befreit von Ballast, richtet unsere Aufmerksamkeit auf den Moment. Genauso schwierig ist es, Gewohnheiten, die man als schlecht oder sogar schädlich erkannt hat, aufzugeben. Auch daran halten wir um der Routine willen und wider besseres Wissen fest."

In Australien baut er zusammen mit anderen das Bodhinyana-Kloster auf. Er schreibt Bücher, versteht, zu unterhalten, macht sich einen Namen. Sein Rat wird gesucht, er jettet um die Welt, gibt Tipps, wie man mit schwierigen Menschen umgehen kann. Und erzählt dabei von Ajahn Moskito, von dem er als junger Mönch in Wat Pah Pong gehört hat. Ajahn bedeutet Lehrer, doch was können uns Moskitos lehren, die im thailändischen Wald doch nichts anderes tun, als die Mönche beim Meditieren zu stören?

Brahms Lehrer, Ajahn Chah, "kann den Ärger seiner Mönche verstehen, erklärt ihnen aber, dass das Problem mit den Moskitos ein universelles sei. Unangenehm, wie sie nun mal sind, seien sie ein Teil des Lebens und lebten nur ihrer Natur entsprechend. Man müsse lernen, sie zu akzeptieren und sich mit ihnen zu arrangieren."

Ajahn Brahm
Der Mönch, der uns das Glück zeigte
Eine Biografie in Erzählungen
von Vusi Reuter und Sabine Kroiss
mvg Verlag, München 2016

Mittwoch, 10. August 2016

Der beste Weg zum Säufer zu werden

Der beste Weg zum Säufer zu werden, ist mit einem zu leben.

James Lee Burke: Mississippi Jam

Mittwoch, 3. August 2016

Leben mit einer bipolaren Störung

Jessie Close leidet unter manisch-depressiven Zuständen, einer Krankheit, die heute meist als bipolare Störung bezeichnet wird, da die meisten Kliniker und viele Patienten, wie Kay Redfield Jamison in Meine ruhelose Seele schreibt, "den Ausdruck 'bipolare Störung' als weniger stigmatisierend als 'manisch-depressive Krankheit'"empfinden. Für sich selber (sie leidet auch unter dieser Krankheit) hält Jamison 'manisch-depressiv' für angemessener und sie fragt: "Ist der Begriff 'bipolar' wirklich ein medizinisch präziser Begriff und führt die Änderung der Bezeichnung tatsächlich zu einer grösseren Akzeptanz der Erkrankung?"

Jessie Close hat (zusammen mit Pete Earley) in Ich bin mit den Wolken geflogen nicht nur die Geschichte ihrer Krankheit, sondern auch die Geschichte ihrer Familie (eine ihrer älteren Schwestern ist die Schauspielerin Glenn Close) aufgeschrieben.

"Meine Familie brauchte Jahre, um die Tatsache zu verinnerlichen, dass ich mir bei jedem Stimmungsumschwung ein neues Auto, ein neues Haus oder einen neuen Mann zulegte", notiert sie. Und sie hat viele Stimmungsumschwünge.

Eine gewöhnliche Kindheit hatte sie nicht. Sie kam in privilegierten Verhältnissen zur Welt und wuchs teilweise in der Obhut der 'Moral Re-Armament'-Gemeinschaft auf, einer Sekte, zu der ihre Eltern gehörten. Zudem gab es "höchstwahrscheinlich aufseiten der Vorfahren mütterlicherseits" eine genetische Disposition für mentale Erkrankungen.

Emotionale Nähe zu ihrem Vater (einem Arzt, der seinen Patienten gegenüber sehr mitfühlend war, seiner Frau hingegen seine Gefühle nicht zeigen konnte) aufzubauen, ist ihr nie gelungen. Sie fühlt sich von einem Dämon besessen, der sie überallhin begleitet, immer bei ihr ist, sie nie allein lässt.

Die manischen Zustände fühlen sich manchmal gut an. Sie ist dann euphorisch, aktiv und grenzenlos risikofreudig, doch immer lauert da bereits der Absturz, die abgrundtiefe Verzweiflung. "Selbst wenn sich die Manie gut anfühlte, wog sie nie die grauenvollen Depressionen auf, die ihr unweigerlich folgten."

Doch Jessie Close leidet nicht nur unter heftigen und ganz plötzlichen Stimmungsschwankungen, sie trinkt auch übermässig, kokst, tut generell alles, was sie tut, ohne Mass. Es dauert unfassbar lange bis sie Panikattacken, Paranoia, Gedankenflucht, Zerstreutheit und Hypernervosität als das zu erkennen beginnt, was sie häufig sind: Symptome einer mentalen Erkrankung.

"Rückblickend wird mir klar, dass keiner von uns jemals auf die Idee kam, Jessie könnte an einer mentalen Krankheit leiden, obwohl sie zwei Selbstmordversuche hinter sich hatte, ständig in zerstörerischen Beziehungen lebte und sich mit Drogen in eine andere Welt flüchtete. Die Möglichkeit drang einfach nicht bis in unser Bewusstsein vor und war nie Gesprächsthema. Aus unserer Sicht lebte sie auf der Überholspur, ohne Ziel und Selbstdisziplin", so ihre sechs Jahre ältere Schwester Glenn Close.

Sie wird als bipolar diagnostiziert, nimmt Medikamente, hört mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker auf zu trinken, doch der Verzicht auf Alkohol stabilisierte ihre Stimmungen nicht. "Wenn überhaupt, äusserte sich der Wechsel zwischen depressiven und manischen Episoden nun völlig ungehemmt und mit einer neuen, nie dagewesenen Heftigkeit." Doch zum Saufen zurück ist keine Option, es hat zuviel Chaos angerichtet.

Sie geht in eine Klinik, erhält neue Medikamente, lernt zu akzeptieren, dass sie sich genau so entwickelt hat, wie es in ihr angelegt war. "Ich akzeptierte die Tatsache, dass ich eine schwere mentale Krankheit hatte, die immer ein Teil meines Lebens bleiben würde, weil sie ein Teil von mir war."

Jessie Close
Ich bin mit den Wolken geflogen
Zwei Schwestern und die Geschichte einer psychischen Erkrankung
LangenMüller, München 2015

Mittwoch, 27. Juli 2016

Mehr-Mehr-Mehr

Hingabe ist der Schlüssel zu allem. Hingabe ist alles. Hingabe ist Frieden. Mein ganzes Leben lang wollte ich immer nur Mehr-Mehr-Mehr. Nichts war mir je genug. Ich steckte voller Neid und Missgunst. Ich glaubte, alle hätten mehr als ich. Inzwischen weiss ich, dass diese ganze Sucht nach dem Mehr-Mehr-Mehr eine Krankheit ist, eine Täuschung. Wir haben alle schon genug. Wir wissen es nur nicht.

Erica Jong: Angst vorm Sterben

Mittwoch, 20. Juli 2016

Just walk away

Give yourself permission to immediately walk away from anything that gives you bad vibes. There is no need to explain or make sense of it. Just trust what you feel.

Raw for Beauty Community Page

Mittwoch, 13. Juli 2016

La normalidad no basta

El objetivo del psychoanálisis freudiano no es demasiado elevado. El objetivo es hacer que la gente siga siendo normal. Pero la normalidad no basta. Ser únicamente normal no tiene ninguna relevancia; significa la rutina normal de la vida y tu capacidad de hacerle frente. No te da un significado, no te da una transcendencia. No te da una visión de la realidad de las cosas. No te lleva más allá de la muerte. Es, como mucho, una estratagema práctica para aquellos que se han vuelto tan anormales que les resulta imposible hacerle frente a la vida diaria; no pueden convivir con la gente, no pueden trabajar, están destrozados. La psicoterapia les da una cierta entereza. Hace con ellos un paquete. Siguen estando fragmentados; no cristaliza nada en ellos, no nace su espíritu. No llegan a ser felices, sólo son menos infelices, menos desgraciados. 

Osho: Autobiografía de un místico espiritualmente incorrecto
                                       

Mittwoch, 6. Juli 2016

Die Clownmethode

Mit "Wie Sie wahres Selbstvertrauen erwerben" ist das erste Kapitel von Michael Stuhlmillers Die Kunst des spielerischen Scheiterns überschrieben. Tipps und Tricks genügen nicht, man muss lernen bei sich zu sein. Und das meint zuallererst: Nicht dauernd daran zu denken, was wohl die anderen von einem halten.

Das wissen wir so recht eigentlich alle, doch wie macht man das praktisch? Zum Beispiel mit Hilfe des Atems: "Wir schaffen uns Luft, indem wir kräftig Luft holen." Schauspieler praktizieren das vor dem Auftritt, denn so kommt man physisch zu sich, entsteht Selbstvertrauen.

"Der Weg zu wahrem Selbstvertrauen geht über den Körper und die Gefühle", behauptet Michael Stuhlmiller und beginnt deswegen seine Kurse "gerne mit einem Tänzchen. Das lockert nicht nur die Stimmung, sondern verschafft allen Teilnehmern die Möglichkeit, Atem zu schöpfen."

Dass man mittels mentaler Einsichten sein Verhalten selten ändern kann, haben womöglich alle schon erlebt. In Stresssituationen versagen regelmässig auch die besten Vorsätze und positivsten Affirmationen. Was also ist zu tun im Konflikt?

"Während sich unser Gegenüber mit hochrotem Kopf in einem Zustand der Auflösung befindet, können wir ihm helfen, seine Achse wieder zu stabilisieren. Das machen wir mithilfe der Zwillingstechnik, also indem wir alles, was er tut, verdoppeln und wiederholen."

Die Kunst des spielerischen Scheiterns ist voller praktischer Hinweise, wie wir uns zentrieren können, damit wir bei uns und möglichst unabhängig von äusseren Ereignissen bleiben. Hier einer der für mich nützlichsten: "Ich habe es mir angewöhnt, stets aufmerksam zu sein, ob ich noch meine Füsse wahrnehme – und damit den Kontakt zum Boden – indem ich ab und zu die Zehen bewege. Sie können davon ausgehen, wenn Sie Ihre Füsse vergessen haben, dauert es nicht mehr lange, bis Sie auch Ihre innere Achse verlieren."

Ziel der Clownmethode ist es, eine stabile innere Achse zu bilden, denn mit einer solchen sind wir imstande, Druck auszuhalten und brauchen ihm nicht auszuweichen. Manchmal gelingt es auch, einen vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln. Dann nämlich, wenn wir einen Perspektiven-Wechsel erfahren.

Hilfreich dabei ist das Prinzip "Legen Sie nicht gleich los". Das kann man üben. Läutet etwa das Telefon, springen Sie nicht gleich auf, sondern lassen es drei oder vier Mal klingeln, bevor Sie antworten. Nicht das Telefon, sondern Sie selber sollen bestimmen, wie Sie sich verhalten wollen.

Auch wenn Michael Stuhlmiller in Die Kunst des spielerischen Scheiterns viele hilfreiche  Techniken vorstellt, so geht es ihm letztlich um Grundsätzliches: "Die Clownmethode als Lebensstil." Für ihn ist der Clown nämlich "ein Verwandler, der dafür sorgt, dass wir unsere Sicht aufs Leben ins Positive verwandeln und uns dabei mit innerer Freude und Heiterkeit verbinden."

Dass der Clown sich ganz unbedingt als Verwandler eignet, ergibt sich übrigens auch daraus, dass für ihn die Welt insgesamt beseelt ist. "Er macht keinen Unterschied zwischen Mensch, Handlung und Objekt und ähnelt damit einem Schamanen. Für ihn befindet sich alles in einem ständigen Wechselspiel, das die unterschiedlichsten Dinge miteinander verwebt."

Darüber staunt er. Und wer staunt, verbindet sich mit sich und der Welt. "Staunen führt uns zu der Erkenntnis, dass das, was uns bewegt, auch andere bewegt."

Michael Stuhlmiller
Die Kunst des spielerischen Scheiterns
Wahres Selbstvertrauen gewinnen mit der Clownmethode
Kailash Verlag, München 2016