Mittwoch, 17. Juni 2015

Wie Geschichten Leben retten können

In einer Radiosendung über Blues sprach der Musiker Charlie Musselwhite davon, wie er aufhörte, sich zu Tode zu saufen. Im Jahre 1987 fiel in Midland, Texas, die zweijährige Jessica McClure in einen Brunnen, wo sie Kinderlieder sang. Rund um die Uhr berichteten die Medien von der Rettungsaktion. Musselwhite, im Auto auf dem Weg zur Arbeit, hörte davon im Radio. Und er dachte sich: "Mensch, meine Probleme sind vielleicht klein gegen ihre. Warum kann ich denn nicht halb so tapfer sein wie sie? Ich dachte: Das ist es. Bis sie rauskommt, werde ich mir keinen Drink mehr genehmigen. Es war so eine Art Gebet für sie von mir. Und als sie es schafften, sie da rauszuholen, da hatte ich es auch geschafft."

Rebecca Solnit: Aus der nahe Ferne

Mittwoch, 10. Juni 2015

Mit einem Schlag

Jill Taylor hat einen Bruder, achtzehn Monate älter und als Kind die Realität ganz anders wahrnehmend als sie. Er leidet unter Schizophrenie. Sie wird Hirnforscherin: "Ich wollte verstehen, warum sich meine Träume mit der Realität in Verbindung bringen liessen und warum das bei meinem Bruder nicht der Fall war. Was lief in seinem Gehirn so grundlegend anders ab?"

Sie ist Mitte dreissig, bezeichnet sich als "beruflich als auch privat erfolgreich", als sie eines Morgens erwacht und "merkte, dass mein Gehirn nicht mehr richtig funktionierte. Ich hatte einen Schlaganfall erlitten. Innerhalb von vier Stunden verlor ich die Fähigkeit, äussere Reize mit meinen Sinnen zu verarbeiten. Ich konnte nicht mehr gehen, reden, lesen, schreiben oder mich an irgendwelche Aspekte meines Lebens erinnern."

Um zu verstehen, was bei einem Schlaganfall passiert, ist es hilfreich, sich mit ein paar medizinisch-wissenschaftlichen Zusammenhängen vertraut zu machen.

Der genetische Code des Menschen ist für alle Lebensformen auf unserem Planeten derselbe und das meint, dass wir im Hinblick auf unsere DNA mit Vögeln, Reptilien und Pflanzen verwandt sind. Von anderen Säugetieren unterscheiden wir uns in Bezug auf das Grosshirn, das beim Menschen zweimal so dick ist "und man nimmt an, dass es auch eine zweifache Funktion hat."

Die linke und die rechte Hirnhälfte verhalten sich unterschiedlich. "Für die rechte Hirnhälfte existiert nur der gegenwärtige Augenblick", sie ist also der Sitz des Gefühls; die linke Hirnhälfte wird hingegen mit der Ratio, dem Denken und der Sprache assoziiert. Man muss sich vor Augen halten, dass dies Verallgemeinerungen sind, die strengen wissenschaftlichen Standards nicht genügen, doch im Kern sind diese Zuordnungen richtig.

"Obwohl jede der beiden Hirnhälften Informationen auf einzigartige Weise für sich verarbeitet, arbeiten sie doch auch eng zusammen." So recht eigentlich sind ihre Wahrnehmungen der Welt so nahtlos miteinander verknüpft, dass wir gar nicht bewusst unterscheiden können, welche Hirnhälfte gerade aktiv ist.

Jill Taylors Schlaganfall wurde durch eine schwere Blutung in der linken Hirnhälfte ausgelöst. Zuerst nahm sie einen scharfen Schmerz wahr, der direkt hinter dem linken Auge das Gehirn durchbohrte. In der Folge realisierte sie, dass ihr Gleichgewichtsgefühl stark beeinträchtigt war. Auch gelang es ihr nicht mehr, Geräusche von aussen zu verarbeiten. Panik verspürte sie nicht, doch da war der Wunsch sich hinzulegen, der jedoch von einer Stimme in ihrem Inneren überlagert wurde, die klar und deutlich sagte: "Wenn du dich jetzt hinlegst, stehst du nie wieder auf."

Obwohl sich ihre Fähigkeit zu denken auflöste, war sie noch fähig zum Telefon zu greifen. "'Hier ist Jill. Ich brauche Hilfe!' Nun, zumindest versuchte ich das zu sagen, aber was aus meinem Mund drang, war eher ein Grunzen und Stöhnen. Zum Glück erkannte Steve jedoch meine Stimme, und ihm war sofort klar, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte."

Im Spital realisierte sie, dass sie sich an nichts aus ihrem früheren Leben erinnern konnte. "Ich trauerte zwar sehr um den Tod des Bewusstseins meiner linken Hirnhälfte und um die Frau, die ich einmal gewesen war, empfand aber zugleich auch grosse Erleichterung ... Ich konnte nur wahrnehmen, was hier und jetzt war, und es war wunderschön."

Sie hatte das Gefühl, dass ihr Geist mit allem im Fluss und eins mit dem Universum war; ein tiefer innerer Frieden durchdrang sie. Und sie nahm sensibel wahr, wie gut ihr einige Besucher und wie schlecht ihr andere taten. "Auf die Menschen, die mir Energie gaben, indem sie mich sanft berührten, Blickkontakt hielten und ruhig mit mir sprachen, liess ich mich ein ... Vor denjenigen jedoch, die meine Energien anzapften, schützte ich mich, indem ich sie ignorierte."

Jill Taylor musste das Leben neu lernen. Das Wichtigste dabei war die Bereitschaft, es zu versuchen. Dazu brauchte sie viel Geduld und Durchhaltewillen. "Manchmal musste ich tausend Mal versuchen, versuchen, versuchen, ohne dass sich etwas tat, aber wenn ich es nicht versuchte würde es nie klappen."

Doch sie will nicht mehr die Jill werden, die sie vorher gewesen ist. "Plötzlich hatte ich viel mehr dazu zu sagen, wie ich mich fühlte, und ich hatte nicht vor, die alten emotionalen Schaltkreise, die viel schmerzlicher gewesen waren, wieder in Gang zu setzen."

Der Schlaganfall hat Jills Bewusstsein geschärft, hat sie aufmerksamer werden lassen. Und sie gelehrt, dass Gedanken gepflegt werden können. "Habe ich erst einmal die Verantwortung für die Pflege meiner Gedanken übernommen, dann hege ich die Kreisläufe, die wachsen sollen, und unterbreche diejenigen Schaltkreise, die ich nicht in meinem Leben haben möchte."

Dr. Jill B. Taylor
Mit einem Schlag
Wie eine Hirnforscherin durch
ihren Schlaganfall neue Dimensionen
des Bewusstseins entdeckt
Knaur Menssana, München 2010

Mittwoch, 3. Juni 2015

Selbststeuerung

Ob mich ein Buch anspricht, entscheidet sich fast immer auf den ersten Seiten. Das war bei Joachim Bauers "Selbststeuerung" nicht anders. Sofort positiv davon gepackt wurde ich bereits vom allerersten Satz. "Mit Selbststeuerung lässt sich im Leben vieles, ohne sie nichts erreichen." Das setzt natürlich ein Selbst voraus. Dieses ist nicht von Anfang an da, sondern wird entwickelt und "entsteht erst dann, wenn wir etwas Abstand zu unseren Emotionen, zu den Objekten und den Reizen der uns umgebenden Welt gewinnen, wenn wir innehalten und darüber nachdenken können, was wir wirklich wollen,"

Mir ist dieser Ansatz sympathisch, auch gehe ich mit dem Autor grundsätzlich darin einig, dass wir einen freien Willen haben und dieser sich unter anderem auf unsere Gesundheit auswirkt. Doch seinen Glauben an die Wissenschaft (und was sie über unser Gehirn sagt) vermag ich nicht zu teilen, nicht zuletzt, weil wir verblüffend wenig über das Gehirn (und dort wäre dieser freie Wille ja wohl zu verorten) wissen. Für mich ist die Frage nach dem freien Willen eine Glaubensfrage. 

Es ist nicht ohne Ironie: Dass ich mich dafür entscheiden kann, ob ich an den freien Willen glauben will, setzt ja so recht eigentlich Willensfreiheit voraus. Jedenfalls gemäss der gängigen Ursache/Wirkung-Logik. Und so sinnvoll und hilfreich ich diese oft finde, im Bereich der Seele beziehungsweise des menschlichen Verhaltens scheint sie mir begrenzt tauglich. Wenig überraschend fand ich denn auch das Kapitel "Haben Gewohnheitsmenschen und Suchtgefährdete keinen freien Willen?" das weitaus unergiebigste.

Sich nicht für den freien Willen zu entscheiden, hätte weitreichende soziale Konsequenzen. So würde etwa unser ganzes Rechtssystem zusammenbrechen, weil niemand mehr für sein Verhalten verantwortlich gemacht werden könnte – wir würden zu einem Volk von Opfern werden, die von Sozialarbeitern und Therapeuten betreut werden müssten. Diese Tendenz gibt es bereits, dagegen schreibt Professor Bauer an und das ist begrüssenswert.

"Das Trieb- oder Basissystem einerseits und der top-down kontrollierende Präfrontale Cortex andererseits: Beide im Gehirn eines jeden Menschen sitzenden Fundamentalsysteme sind eng miteinander verbunden. Sie sollten nicht gegen, sondern miteinander arbeiten." Das ist im Grunde die Kernaussage des Buches, die an ganz unterschiedlichen Beispielen erläutert wird. Der Präfrontale Cortex ist bei der Geburt eines Kindes ein weitgehend unbeschriebenes Blatt  – und damit formbar. Anregungen dafür, wie man ihn lebensbejahend formen kann, liefert dieses Buch.

Professor Bauers Plädoyer für Selbststeuerung ist jedoch auch ein (wohl ungewollter) Appell, sich dem herrschenden System anzupassen. "Kinder müssen im Rahmen der Erziehung – liebevoll, erklärend, aber auch konsequent – zur Selbstkontrolle angehalten werden, also lernen, zu warten, zu teilen und ihre Impulse zu kontrollieren." Wer diese Selbstkontrolle nicht lernt, so zeigen Studien, wird später eher finanzielle Probleme haben, häufiger drogenabhängig und straffälliger werden; wer sie hingegen lernt, wird bessere Schulnoten nach Hause bringen, stressresistenter sein und vernunftgesteuerter handeln. Zugespitzt könnte man formulieren: was der derzeit etablierten Gesellschaft nützt, nützt auch dem Einzelnen.

Der Autor setzt den Akzent anders. Er argumentiert für ein Leben gegen den Strom. Mit einleuchtenden Argumenten (die aber gleichzeitig, wie eben dargelegt, auch noch anders gelesen werden können). Das für mich überzeugendste behauptet, dass "die Fähigkeit zur gezielt ausgeübten Selbstbeschränkung, zur bewussten Hemmung kurzfristiger Impulse und Gelüste ein erhöhtes Mass an Freiheitsräumen und Selbststeuerungsmöglichkeiten zur Folge" hat.

Professor Bauer weist auf Studien wie etwa die der amerikanischen Psychologin Celeste Kidd hin, die eindrücklich den Einfluss demonstriert, den die Verlässlichkeit Erwachsener auf die Entwicklung der kindlichen Selbstkontrolle hat. Das weiss zwar auch der gesunde Menschenverstand, doch der ist heutzutage wenig verbreitet.

"Selbststeuerung" ist ein notwendiges Buch, das für Selbstverständlichkeiten wirbt, die heutzutage bedauerlicherweise alles andere als selbstverständlich sind: Eigenverantwortung, eine gesunde Balance zwischen Körper und Geist sowie das Wissen darum, dass der Mensch dem Menschen die häufig beste Medizin ist. 

Joachim Bauer
Selbststeuerung
Die Wiederentdeckung des freien Willens
Karl Blessing Verlag, München 2015

Mittwoch, 27. Mai 2015

Running from pain and fear

... I don't like to feel things, don't want to feel pain or fear. And mostly, how I can see that I don't drink like a normal person. That I use booze as an escape hatch and also like a destination in itself ...

Augusten Burroughs
Dry. A Memoir

Mittwoch, 20. Mai 2015

Alkoholiker & Hass

Ich hasste alles, was sie Jude LeBlanc und seinen Gemeindemitgliedern angetan hatten. Mich persönlich erfüllten sie mit Ekel und Abscheu. Aber ich durfte mir keinen Hass erlauben. Weder als Ordnungshüter noch als trockener Alkoholiker durfte ich das. Bei den Anonymen Alkoholikern lehrt man uns, dass diejenigen, die uns den grössten Ärger bereiten, krank sind, nicht viel anders als wir selbst. Manchmal fällt es einem schwer, sich auf dieses Gebot einzulassen. Leider dürfen sich trockene Alkoholiker bei ihren Gefühlen keine Freiheiten herausnehmen.

James Lee Burke
Sturm über New Orleans
Pendragon Verlag, Bielefeld 2015

Mittwoch, 13. Mai 2015

Preaching Selfishness

I am teaching an intelligent regard for the preservation and nourishment of the Self - not the professional self, but the human being who lurks in all of us, and whom we so often neglect and ill-use. If we pay any attention to this human being - this Self - at all, it is usually to scold the poor thing for not being more than it is - for not being saintly, or valorous, or untiring. We never seem to take time to feed it, clothe it, encourage it, love it, and forgive it.

Robertson Davies: Preaching Selfishness

Mittwoch, 6. Mai 2015

Wie wir sind

An ein Buch, das als "atemberaubende Entdeckungsreise" (The Guardian) gepriesen wird, geht man mit gespannter Vorfreude heran. Doch wenn dann von demselben Buch auch noch behauptet wird, es "könnte ihr Leben verändern" (The Observer), weicht die Vorfreude einer schwer zu bändigenden Skepsis (war der Rezensent vielleicht dreiundzwanzig und für ernsthaftere journalistische Arbeiten ungeeignet?). Und dann beginnt man zu lesen und greift bereits auf der ersten Seite der Einführung zum Bleistift, weil man markieren will, was zwar banal sein mag, doch selten wirklich begriffen wird: "Ohne triftigen Grund und zwingende Notwendigkeit bewegen wir uns nicht vom Fleck". Ab da ahnt man, dass man ein aussergewöhnliches, ja ein hilfreiches Buch vor sich hat. Es heisst "Wie wir sind" und geschrieben wurde es vom Psychotherapeuten Vincent Deary, der heute an der University of Northumbria in Newcastle unterrichtet.

"Der ausgetretene Pfad" heisst das erste Kapitel, in dem eindringlich aufgezeigt wird, wie unser Begehren unsere Lebenspfade vorgibt. "Die weitverzweigte Architektur unseres Gehirns und unserer Nerven wartet auf die Welt und ahnt bereits deutlich voraus, wie sie sein wird. Sie wartet auf Raum und Zeit, ist bereit für die Sprache, sieht Bewegung und andere Menschen voraus, ist vorbereitet auf Sex und Gewalt, Angst und Schrecken."

Wie wir sind ist ein lebenskluges, ja weises Buch, das sich nicht zuletzt dadurch auszeichnet, das es höchst clever aufgebaut ist. So ist etwa jedem Kapitel eine kurze Inhaltsangabe vorangestellt, die einen, zugegeben, ich rede von mir, richtiggehend ins Buch hineinzieht. Hier ein Beispiel: "Wir werden sehen, dass wir in hohem Masse Gewohnheitsmenschen sind und dass die Gewohnheit auf dem Gedächtnis gründet. Dabei ist das Gedächtnis weniger eine Bibliothek als vielmehr ein Archiv bereitstehender Routinen, die unser Alltagsleben ermöglichen ...".

Eindrücklich zeigt Vincent Deary auf, dass das Gedächtnis zwar ein Aufzeichnungsgerät ist, "allerdings bestenfalls für ein paar Tage". Zudem ist es fehleranfällig, wie das russische Sprichwort; 'Er lügt wie eine Augenzeuge' treffend illustriert. Und nicht zuletzt gilt: "Erinnerung verblasst, wenn sie nicht immer wieder ans Licht geholt wird".

Mein Eindruck, dass ich die meiste Zeit auf Autopilot durchs Leben gehe, wird in Wie wir sind nicht nur bestätigt, sondern sehr schön auf den Punkt gebracht: "Wohlerwogenes, bewusstes Denken ist das, was uns am allerwenigsten eigen ist."

Bezugnehmend auf Filme, Werke der Literatur sowie der Neurowissenschaft erläutert der Autor, weshalb wir uns so schwer tun mit Veränderungen. Faulheit und Feigheit hinderten den Menschen daran, selber zu denken, meinte bekanntlich Immanuel Kant. Und sie sind es auch, die der Veränderung wesentlich entgegenstehen.

"Wir haben gesehen, wie wir sind, wie festgefahren in unseren Gewohnheiten", lese ich zu Beginn des zweiten Aktes, der mit "Verändern" überschrieben ist:"Jetzt müssen wir uns von ihnen verabschieden und uns neue zulegen. Die Arbeit, das Drama beginnt."

Sich zu verändern bedeutet, eine neue Rolle auszuprobieren. Und das verlangt üben. Damit sich neue Gewohnheiten heranbilden können. Denn wir Gewohnheitsmenschen können uns entscheiden, welchen Routinen wir den Vorzug geben.

Als die Schauspielerin Beryl Reid einmal gefragt wurde, "wie sie sich in eine neue Figur einfinde, wie sie das Gefühl dafür bekomme, jemand anders zu sein, antwortete sie: 'Als Erstes suche ich mir die Schuhe aus.' Der Rest kommt dann von ganz allein." Weil sie damit der Automatik, die uns grösstenteils bestimmt, die Richtung vorgegeben hat.

Vincent Deary
Wie wir sind
Pattloch Verlag, München 2015