Mittwoch, 21. August 2013

Piet C. Kuiper: Seelenfinsternis

Diesem Werk ist ein einfühlsames Geleitwort des Herausgebers der Reihe "Geist und Psyche" (von Nina Kindler 1964 begründet), Willi Köhler, vorangestellt, der unter anderem festhält: "Zu allen Zeiten waren Depressive, oder Melancholiker, wie sie früher hiessen, unbequem, denn sie erinnerten ihre Mitmenschen an die Widersprüche und Gebrechlichkeiten der Welt. Moderne Psychologen sind sogar der Auffassung, Depressive seien die einzigen Realisten, weil sie die Welt sehen, wie sie ist, und mit diesem Blick kann man nur schwer leben." Der Autor von Seelenfinsternis, Piet C. Kuiper, ehemaliger Professor für Allgemeine Psychopathologie und Klinische Psychiatrie an der Universität Amsterdam, drückte es in seinem Vortrag an den Lindauer Psychotherapie-Wochen so aus: "Es kann niemals Licht werden, wenn wir uns nicht der Wahrheit stellen, dass wir von tiefster Finsternis bedroht sind."

Eines Nachts muss er aufstehen, er verliert das Bewusstsein und schlägt rückwärts auf den Boden. Als er aufwacht, verdrängt er den Vorfall, er will nicht krank sein. Er leidet unter Kopfweh, dann wiederum empfindet er seinen Kopf als voller Watte, hat den Eindruck, er sehe nicht mehr wirklich, fühlt sich beständig müde. Sein Internist diagnostiziert eine Virusinfektion.

"In meinem Leben vollzog sich allmählich eine eigenartige Veränderung. Die Intensität meines Erlebens wurde schwächer. Die innere Melodie erklang nicht mehr, Erlebnisse verloren an Bedeutung." Er kann nicht mehr malen (im Buch finden sich zahlreiche eindrückliche Beispiele seines Maltalents), verliert das Interesse an Kriminalromanen und Philosophie; er schläft viel, fühlt sich energie- und antriebslos. Er nimmt ein Mittel gegen Wahnvorstellungen. Weder Antidepressiva noch Antipsychotika helfen, Schlafmittel lösen Verwirrung aus. Trotz seines unerträglichen Zustandes denkt er nicht an Selbstmord. "Ich fürchtete mich viel zu sehr vor dem Tod. Dann würde ich vor Gott erscheinen müssen, und der würde mich in die ewige Verdammnis stossen."

Es folgt ein Aufenthalt in der Klinik, gefolgt von eineinhalb Jahren zu Hause und einem zweiten Klinikaufenthalt. Der Gedanke,alles verpfuscht zu haben, verfolgt ihn. Er landet in einer eigentlichen Schuldhölle: "Ich hatte auch meinem Jugendfreund recht gegeben, der mir geschrieben hatte: 'Du hast in Deinem Leben nur an Dich selbst gedacht, nur Dich selbst gesehen, und andere hast Du Deinen Interessen und Deinen Vergnügungen geopfert.'"

Besonders eindrücklich und bewegend sind die Stellen, in denen er über sein inneres Ringen, seinen Widerstand und Kampf gegen seine Schuldgefühle und Selbstvorwürfe berichtet: "Ein Übermass an Schuldgefühlen kann dazu führen, dass man die vielen Gaben, die man nicht genutzt hat, betrauert und dadurch die Zeit, die noch vor einem liegt, vertut und so ein Schicksal auf sich herabbeschwört, das dem des Alkoholikers gleicht, der zu argumentieren pflegt: Ich höre nicht auf zu trinken, denn dann hätte ich schon eher aufhören können."

Was ihm schlussendlich hilft, ist Tylciprin, ein Medikament, von dem er selber mit Nachdruck abgeraten hatte. Und was ihm auch hilft: sich auf das Hier und Jetzt zu beschränken und zu handeln. "Ich tat das, was auf der Hand lag, was andere gern wollten und was ich selbst gern tat. Ich schaute nicht nach innen, fragte mich nicht, wie es in meiner Seele aussah. Es gibt keinen Weg zu sich selbst als den über andere Menschen und über Aktivitäten."

Piet C. Kuiper
Seelenfinsternis
Die Depression eines Psychiaters
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010

Mittwoch, 14. August 2013

Die mächtigste Droge der Welt

Diesem eindrücklichen, informativen und gut lesbaren Werk ist ein Geleitwort des Nachtschatten-Verlegers Roger Liggenstorfer vorangestellt, in dem er unter anderem Paracelsus zitiert: "Alle Dinge sind Gift, auf die Dosis kommt es an!" und das Buch treffend mit diesen Worten zusammenfasst: "Dieser reichhaltige erste Band einer geplanten Trilogie besticht auch als eigenständiges Werk. Er zeigt die lange Geschichte des Alkohols, das Verhältnis zum Trinken in verschiedenen Kulturen und Gesellschaften und die Beziehung zur Religion auf spannende und eindrückliche Art. Und nicht zuletzt erzählt er auch von den berühmtesten Trinkern: ein Stelldichein der aussergewöhnlichsten Säufer und Trinkerinnen aus allen Gesellschaftsschichten. Ich wünsche bei der Lektüre dieses berauschenden Buches viel Spass und Erkenntnisgewinn und bin mir sicher, dass die Leserin, der Leser danach die mächtigste Droge der Welt mit neuen Augen sehen werden."

Der Autor, der 1963 in Wien geborene Wolfgang P. Schwelle, der Handels-, Politik- und Kommunikationswissenschaften studiert hat, schreibt zur Verbreitung des Alkoholtrinkens: "... überall dort, wo Alkohol nicht verboten ist, wird er konsumiert. Und überall dort, wo er das ist, ebenso."
 Gemäss der WHO haben geschätzte 76 Millionen ein massives Alkoholproblem. Das meint aber eben auch, dass etwa drei Viertel der Alkohol-Konsumenten mit der Droge ganz gut umgehen können. Trotzdem: "De facto ist der Alkohol unzweifelhaft die mit sehr grossem Abstand am häufigsten konsumierte sowie zugleich unterm Strich auch die gefährlichste Droge der Welt." Das liegt nicht zuletzt daran, dass unter den Folgen unkontrollierten Trinkens nicht nur die Trinker, sondern auch alle anderen, die mit ihnen zu tun haben, zu leiden haben.

Gegliedert ist das Buch in 5 Kapitel. Und die sind 1) Die Geschichte des Alkohols, 2) Alkohol und Religion, 3) Alkohol und Gesellschaft, 4) Berühmte Trinker und 5) Und übrigens ... wo auf die Frage eingegangen wird, ob Tiere eigentlich Alkohol trinken.

Ich will hier auf das Kapitel über berühmte Schriftsteller und das Trinken (es gibt auch Kapitel über Musiker und Komponisten, Sportler, Schauspieler, Politiker ...) etwas näher eingehen. Ein Alkoholnebel liege über der Weltliteratur, behauptet der Hanser-Verleger und Schriftsteller Michael Krüger. Dass Scott Fitzgerald gesoffen hat, oder Hemingway, das war mir bekannt, dass jedoch Goethe sich "angeblich immer die Hände vor Freude gerieben hat, wenn eine neue Weinlieferung eintraf", war mir neu, wie auch, dass Friedrich Schiller, "von manchen Autoren als schwerer, von anderen als mässiger Trinker" bezeichnet worden sei. Auch Shakespeare soll ein Trinker gewesen sein, allerdings kein schwerer. Überrascht hat mich auch, dass Patricia Highsmith aussergewöhnlich hohe Mengen von Alkohol konsumiert hat: Erwähnt werden aber auch die Schriftsteller, die trocken geworden sind und George Bernard Shaw, der jede Form des Alkoholkonsums ein Leben lang ablehnte: "Ich brauche keine Stimulanzien, ich brauche viel eher Sedativa."
Bei den Schweizer Schriftstellern fehlt übrigens Max Frisch, der in seinem Entwurf zu einem dritten Tagebuch schrieb:"Dass ich Alkoholiker sei, habe ich früher schon gesagt. Jetzt ist es keine Koketterie mehr. Nur in einer Klinik gelingt der völlige Entzug."

Es ist nun aber eben nicht so, dass dieses Buch einfach unsere Neugier befriedigt ("Wusste gar nicht, dass der oder die auch ..."), vielmehr bietet es ganz unterschiedliche und äusserst vielfältige Aufklärung über Alkohol. So weist der Autor etwa darauf hin, dass es "dieser Wunsch nach einer gelegentlichen Auszeit von all den Problemen, von der oft als brutal empfundenen Wirklichkeit und von der durchrationalisierten Nüchternheit des modernen Lebens" ist, weshalb der Gebrauch (und das schliesst den Missbrauch ein) von Alkohol wohl kaum je verschwinden wird. Übrigens: Die Inuit sind, bis die europäischen Eroberer kamen, ohne Drogen ausgekommen. "Freilich nicht, weil sie so diszipliniert und gesundheitsbewusst waren, sondern weil dort, wo sie leben, auf Grönland und im hohen Norden Kanadas, einfach nichts wächst, was als Droge hätte herhalten können."

"Alkohol. Die mächtigste Droge der Welt" ist uneingeschränkt zu empfehlen. Weil der Autor etwas zu sagen hat, dies differenziert tut und zudem unterhaltsam zu schreiben weiss. Und weil er Humor hat. So ist ein Kapitel überschrieben mit "Von Auguryo bis Zivjeli". "Auguryo" sagt man auf Somalisch für Prost. Und jetzt raten Sie mal was "Zivjeli" heisst? Prost natürlich, auf Serbokroatisch.

Wolfgang P. Schwelle
Alkohol
Die mächtigste Droge der Welt
Band 1
Geschichte, Religion, Gesellschaft und Kurioses
Nachtschatten Verlag, Solothurn 2013

Mittwoch, 7. August 2013

The Eden Express

Having grown up in the '60s, I instinctively decided to like this book when coming across these sentences in the foreword to the 2002 edition: "We truly didn't know that drugs were bad for you. How could we have known for sure that drugs weren't good? For many of us experiencing with drugs was more a matter of covering all the bases in a search for what might be helpful and positive. Getting high or escaping was not the point." That rings so true that I'm astonished that I haven't read, seen or realised that before. Like Vonnegut, I subscribed to R.D. Laing's view that insanity was essentially a sane reaction to an insane society. And, I still think that there is quite something to it. At the same time, however, I find Vonnegut's assertion that "there is nothing good about being mentally ill except that it gave me a strong and undiluted desire to not be mentally ill" thoroughly convincing.

Mark Vonnegut went to Swarthmore, graduated with a B.A. in religion, moved with friends to a remote farm in British Columbia: "It was really Eden, there was no other way to describe it." And then, from out of nowhere, something changed: "I began to wonder if I was hurting the trees and found myself apologizing. Each tree began to take on personality. I began to wonder if any of them liked me. I became completely absorbed in looking at each tree and began to notice that they were ever so slightly luminescent, shining with a soft inner light that played around the branches."

More and more, Mark is acting strangely. There are times when he is scared and shaking, he is going nuts. "Most people assume it must be very painful for me to remember being crazy. It's not true. The fact is, my memories of being crazy give me an almost sensual glee. The crazier I was, the more fun remembering is." No, this is not a plea for craziness for the sentences that follow read: "I don't want to go nuts again, I'd do anything to avoid it. Part of the pleasure I derive from my memories comes from how much I appreciate being sane now ... It's regrets that make painful memories. When I was crazy I did everything just right." It's not least for insights like these that I'm fond of this book.

So how did the people around Mark cope with his craziness? "After a while a reasonable routine for dealing with me was worked out. A twenty-four-hour watch was set, sharp and dangerous objects were put away, and things calmed down a little. There was some talks about hospitals ... a lot of telephoning ... And then along came Warren. Actually we went to see him. Warren was a holy man of sorts who was supposed to drive the evil demons out of me or maybe just talk me down or at least come up with some explanation for what was wrong with me." Warren's "therapy" is a disaster, Mark is worse off than he was before. "Warren himself was hauled off to the nut house a few weeks after I was."

In a nutshell: Mark had lost control of his life. "The simplest way to describe it is that my stress tolerance had been whittled down to nothing in a process that went back far beyond the time when everyone got so interested in the appropriateness of my actions."

The second time at the hospital, Mark learns that he has schizophrenia and that it is probably genetic, biochemical, and curable. At first he's doubtful "that there was any medical problem. It was all politics and philosophy. The hospital bit was just grasping at straws when else failed." He however gradually starts to realise that the problem was indeed biochemical and that proved to be  tremendously helpful (Thorazine was the solution for him), not least because no one was to blame anymore.

In sum: a compelling insider's account of insanity, and valuable help for understanding the sixties.

From the afterword:
The clinical definition of schizophrenia has been changed since the book came out. Today, Mark Vonnegut would be very likely be classified as manic depressive.

Mark Vonnegut
The Eden Express
A Memoir of Insanity
Seven Stories Press, New York 2002

Mittwoch, 31. Juli 2013

Allen Frances: Normal

Allen Frances ist emeritierter Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung und lehrte an der Duke University; als Koautor war er an der Entwicklung der psychiatrischen Standardwerke DSM-III und DSM-IV massgeblich beteiligt. Das vorliegende Buch, so der Verlag, sei "ein kenntnisreiches Plädoyer für das Recht, normal zu sein."

Nun ja, normal, wer kann schon sagen, was das ist, das ist doch relativ, sieht jeder wieder anders. Sicher, stimmt schon, irgendwie, aber eben nur irgendwie. Wen dieses schwammige Irgendwie zu wenig befriedigt, wer es lieber etwas differenzierter hat, der ist gut beraten, zu Allen Frances' Normal zu greifen.

Ist Burnout eine Krankheit, ist ADHS eine Krankheit? 
Kommt ganz drauf an, wen man fragt, denn es gibt keinen biologischen Test, der Normalität nachweisen könnte. Das heisst, dass es nur subjektive Diagnosen gibt und diese sind naturgemäss fehlerhaft. Und häufig von Profitinteressen motiviert. Da wären zum Beispiel die Pharmafirmen: "Die Pathologisierung oder Krankheitserfindung ist die hohe Kunst, psychiatrische Krankheiten zu verkaufen, weil sie der effizienteste Absatzmarkt für lukrative Psychopharmaka sind." Und da wären auch noch die vielen Therapeuten, die sich Arbeit beschaffen müssen.

Für Allen Frances ist klar: "Wir glauben viel zu viel an Pillen und setzen viel zu wenig Vertrauen in die Resilienz, die Zeit und die Homöostase." Für diejenigen, die wie ich den Begriff Homöostase nicht kennen: es handelt sich dabei um "das Grundprinzip allen Lebens ... das Streben nach Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts".

"Für Normalität gibt es keine Norm", behauptet Frances. Und: "Kulturelle Universalien sind Ausnahmen". Wirklich? Das sehen nicht alle so. Und offenbar glaubt Frances selber das auch nicht so ganz, sonst könnte er nicht ein paar Seiten weiter schreiben, dass trotz der kulturellen Unterschiede, was als normales Verhalten gelte, die spezifischen psychischen Störungen bemerkenswert einheitlich seien. "Demenz, Psychosen, Manien, Depressionen, Panikattacken, Ängste, Zwangsstörungen und die verschiedenen Persönlichkeitsstörungen wurden zu allen Zeiten und an allen Orten beschrieben und sind auch heute Gegenstand epidemiologischer Studien überall auf der Welt." Zudem: "Ganz offensichtlich weisen wir Menschen viel mehr Übereinstimmungen als Unterschiede auf, und gerade dort, wo es um die Definition von Normalität und psychischer Störung geht, ähneln wir einander sehr."

Eine zutreffende Diagnose, so Frances, könne ein Leben retten, eine falsche eines ruinieren. Und das Buch liefert denn auch eindrückliche Beispiele. Nur eben: auch wenn die Diagnose einer seelischen Störung zutreffend ist, heisst das noch lange nicht, dass deswegen die Krankheit geheilt werden kann, denn aus ganz vielen Diagnosen lassen sich nicht notwendigerweise konkrete, erfolgsversprechende Handlungsanleitungen ableiten.

Was als psychische Störung gilt, unterliegt auch dem Zeitgeist. So war etwa Schizophrenie die Modediagnose der Sechzigerjahre. Heute ist es, gemäss Frances, der Autismus, die bipolare Störung, ADHS sowie die schizoaffektive Störung.

"Nomal" ist ein äusserst lehrreiches Buch. So lernen wir etwa, dass die Araber die moderne Psychiatrie erfunden haben. Oder dass der 'europäische Hippokrates' Thomas Sydenham im 17 Jahrhundert meinte, dass, was Krankheit sei, in der Praxis und von den Patienten gelernt werden könne: "'Bisweilen', soll er gesagt haben, 'erwies ich der Gesundheit meines Patienten und meinem eigenen Ansehen den besten Dienst, indem ich gar nichts tat.'" Und wir erfahren, wie viel wir dem Systematisierer Carl von Linné zu verdanken haben, denn es ist nicht zuletzt die sorgfältige Beobachtung und das kluge Klassifizieren, das uns viele einleuchtende Erklärungen lieferte. Und wir lesen von Philippe Pinel, dem Vater  der Psychiatrie, dem es im 19. Jahrhundert gelang, "die Mehrheit der Gesellschaft davon zu überzeugen, dass seelische Krankheiten völlig natürliche Ursachen haben, nicht anders als die Krankheiten des Körpers."

Wir leben in einer Zeit des Gesundheitswahns und sehen oft Krankheiten, wo keine sind. Sicher: Dass etwa Alkoholismus mittlerweile (von vielen, aber noch lange nicht allen) als Krankheit und nicht mehr als moralisches Versagen verstanden wird, ist eindeutig ein Fortschritt. Doch gleichzeitig gilt: Ein Wutanfall ist keine psychische Störung, Vergesslichkeit im Alter ist keine Demenz, und Leidenschaft ist nicht gleichzusetzen mit Abhängigkeit. 

Allen Frances
Normal
Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen
Dumont, Köln 2013

Mittwoch, 24. Juli 2013

Partnerbeziehung & Borderline

Der ersten gut fünfzig Seiten dieses Buches befassen sich mit der Frage, was das eigentlich ist, eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), es wird kurz auf Therapiemöglichkeiten eingegangen und  Empfehlungen zum Umgang mit Personen, die unter BPS leiden, werden gegeben. Dabei werden auch immer wieder Zitate eingefügt, unter anderen dieses hier "Ich empfinde, also bin ich", das irrtümlicherweise Descartes zugeschrieben wird, nur eben: Descartes hat was ganz anderes gesagt, nämlich 'cogito ergo sum', auf Deutsch: 'Ich denke, also bin ich'.

Etliche Merkmale der BPS, so die Autorin Sonja Szomoru, wie etwa Impulsivität, stürmische Beziehungen, Identitätsunsicherheit oder Stimmungsinstabilität, "haben in abgeschwächter Form Ähnlichkeit mit den in der Pubertät entstehenden Problemen von Jugendlichen. Grundsätzlich geht es in dieser Phase um die Etablierung einer Kernidentität. Jener Prozess ist im Normalfall mit dem Ende der Pubertät grösstenteils abgeschlossen – einer Borderline-Persönlichkeit indes gelingt es nicht, eine beständige Kernidentität zu entwickeln."

Ab Seite sechzig geht es dann zum eigentlichen Thema des Buches, der Partnerbeziehung. Treffend bemerkt die Autorin: "Im Grunde kann man sagen, dass eine Beziehung zu einer Borderline-Persönlichkeit wie jede andere Beziehung beginnt – mit dem Unterschied, dass alles fantastischer, wundervoller, eindeutiger, tiefer, schillernder farbiger und vielversprechender ist. Das gilt nicht nur für den Anfang, sondern für jede Phase der Beziehung, in der die für die BPS typische Idealisierung stattfindet." Nur eben: die Idealisierung hat ein Pendant, die Abwertung, und die kommt genauso heftig daher. Zwischentöne gibt es nicht, alles ist entweder/oder beziehungsweise schwarz/weiss. Übrigens: Bordis "tragen ihre destruktiven Seiten meistens nicht nach Aussen, sondern leben diese nur mit den engsten Bezugspersonen aus, und hinterlassen dadurch in ihrer Umgebung einen normalen Eindruck."

Doch ist eine Beziehung mit einer emotional instabilen Person, die es ständig und ganz unerwartet hin und her schlägt, überhaupt möglich? Falls aus eigenem Antrieb ein Therapiewille und das diesbezügliche Durchsetzungsvermögen entsteht, dann ja, meint Sonja Szomoru.

Partner von Borderlinern haben oft das Gefühl, sie würden gar nicht als eigenständige Person wahrgenommen, sondern nur inbezug auf die Bedürfnisse des Bordi. Sonja Szomoru schreibt dazu: "Sie sind meist vollkommen mit sich und ihrer momentanen Betrachtung der Welt befasst. Sie können den Menschen als Ganzes nicht erfassen." Man kann sich unschwer vorstellen, dass das dem Selbstbewusstsein der Partner nicht gerade förderlich ist.

Sonja Szomoru hat ein Buch geschrieben, das auf vielfältige Art nachdenklich macht: Ist eigentlich jeder, der versucht, einen Bordi zu verstehen, bereits ein Co-Abhängiger? Dieser Eindruck drängt sich einem nach der Lektüre auf. Oder: Wie kommt es, dass eine Trennung von einem Borderliner so speziell schwierig ist? Weil Partner wie Bordi miteinander durch ganz aussergewöhnliche Höhen und Tiefen, die Normalos so nicht kennen, gegangen sind.

Partnerbeziehung als Brutstätte von Borderline ist voll nützlicher Anregungen und Hinweise für Menschen, die einen Borderliner als Partner haben. Und verweist dabei auch auf das 12-Schritte Programm der Anonymen Alkoholiker. Selten ist mir so deutlich geworden, dass Bordis und ihre Partner in ganz unterschiedlichen Welten leben. "Die Welten bleiben besser getrennt", wird eine Frau mit ausgeprägter BSP und viel Therapieerfahrung zitiert. Es sei denn, meint Sonja Szomoru, man lernt Grenzen zu ziehen, "um einander besser zu verstehen."

Partnerbeziehung als Brutstätte von Borderline ist ein wichtiges Buch, weil es klar macht, dass Partner durch ihre Co-Abhängigkeit häufig die Ausprägung der Borderline-Störung eher unterstützen oder gar verstärken als sie handhabbar zu machen. Handhabbar wird sie aber erst dann, wenn der Bordi die Störung akzeptiert und anfängt, sich gegen sie zu wehren.

Sonja Szomoru
Partnerbeziehung als Brutstätte von Borderline
Borderline-Persönlichkeiten und das Leid ihrer Angehörigen
Starks-Sture Verlag, München 2013

Mittwoch, 17. Juli 2013

On Zazen

Zazen is not about destroying our thoughts or doing away with our subjective points of view. It's about how to deal with thoughts and views mindfully. In zazen, mindfulness, thoughts, and views all become simple and quiet because we are concentrated on just one thing, not many. At that time, mindfulness becomes very pure and clean, and our view becomes unified. When mindfulness, thoughts, and views all work together as one, this is zazen.

Dainin Katagiri
We have to say something
Manifesting Zen Insight

Mittwoch, 10. Juli 2013

Ausgesoffen

Ein Nietzsche-Zitat ist diesem Buch vorangestellt:
"Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben liegt darin,
das Unumgängliche zu wollen und dann das Gewollte
zu lieben."

Ausgesoffen beschreibt eindrücklich, wie sich Bernd Thränhardt gegen Nietzsches Ratschlag gewehrt und wie er dann schlussendlich kapituliert hat. Er erzählt unter anderem von seinem Aufwachsen, seiner Liebe zu Büchern und weist darauf hin, dass wir nicht als unbeschriebene Blätter zur Welt kommen: "Opa musste ein Lebemann und Hallodri gewesen sein, neben seiner Frau hatte er mehrere Freundinnen. Eine Art Familienerbe, das ich später fortsetzen würde." Und: "mein Vater war ein unduldsamer, manchmal cholerischer Mensch, ich habe sein Temperament geerbt."

So sehr es einleuchtet, dass ein Süchtiger seine Geschichte erzählt, muss ich wirklich wissen, dass er mit zwei Frauen zusammen im Bett war? Oder dass er offenbar stolz darauf ist, mit Schlagersängern wie Patrick Lindner oder Nino de Angelo bekannt zu sein? Zudem: Es ist befremdlich, dass einer, der mit den Namen von Prominenten (von Boris Becker bis zu Uschi Glas) nur so um sich schmeisst, mit Namen, die man erfahren sollte (der Musiker, der mit einem Buch über seine überwundene Kokainsucht Erfolg hat, doch nach wie vor kokst), sich jedoch zurückhält. Klar doch, die rechtlichen Gründe, doch die notwendige Aufklärung (und ein Buch über Sucht sollte genau das sein) bleibt da eben auf der Strecke.

Er geht zur Entgiftung in eine private Klinik, säuft weiter. "Ich trank nicht mehr, um mich zu belohnen, in Stimmung zu bringen oder meine Nervosität einzudämmen; ich trank, weil ich ein Säufer war." Er lässt sich in eine zweite Privatklinik einweisen, für fünf Tage, weil er ein Buch über Genuss (?!) fertigstellen will: "Hauptsache ich war wieder arbeitsfähig. Nichts anderes zählte. Kein Gedanke an Sucht oder gar an Therapie und Abstinenz."

Wie alle Alkoholiker, wollte Bernd Thränhardt keiner sein. Ein Alkoholproblem zu haben, klang akzeptabler. Er versucht es mit kontrolliertem Trinken und merkt, dass das nur an "Tagen ohne Probleme, Belastungen und Erschütterungen, in denen mich meine Freundin nett und liebevoll behandelte, und meine Auftraggeber allesamt dankbar und zahlungswillig waren" funktionierte. "Leider war der Grossteil meiner Tage, war das Leben eben nicht so. Kränkungen, Enttäuschungen und Niederlagen gehörten unverzichtbar dazu. An diesen Tagen zerriss mich die Gier nach Alkohol, die von den abendlichen Bieren eher angefacht als eingedämmt wurde."

Er landet auf der Suchtstation eines städtischen Krankenhauses, wo er die Erfahrung machte, dass unter den Leidensgenossen schnell eine grosse Vertrautheit entstand: ".... fiel es mir im Raucherraum leichter, offen über meine Schwächen, Probleme und Ängste zu reden als im Arztzimmer. Eine Erfahrung, die ich später in Selbsthilfegruppen fortsetzen sollte." Als Leser denkt man, aha, jetzt hat er es also geschafft, doch nein, kaum ist er aus der Klinik raus, beginnt er wieder zu saufen.

Mit 44 zieht er wieder bei seinen Eltern ein, schläft in seinem Jugendzimmer und bricht nachts in den elterlichen Weinkeller ein, "... der Alkohol hatte mein Leben verwüstet, und mir gelang es nicht, von ihm zu lassen." Doch dann kapituliert er, "endgültig", schreibt er, doch wirklich endgültig immer noch nicht bis er ...  doch will ich hier nicht das ganze Buch rekapitulieren  ...

Hilfe findet Bernd Thränhardt auch bei den Anonymen Alkoholikern (AA), von denen er sich jedoch nach einigen Jahren wieder trennt: sie wirkten auf ihn zu ideologisch, zu religiös geprägt, zu wenig das Individuelle berücksichtigend. Ich teile zwar seine Aversion gegenüber den AA-Hardlinern, doch dass das Individuelle bei den 12-Schritten auf der Strecke bleibt (und womöglich bleiben muss), hat seinen Sinn und Zweck, denn was alle Alkis verbindet, ist bekanntlich, dass sie alle glauben, ganz anders als alle anderen zu sein.

Bernd Thränhardt
Ausgesoffen
Mein Weg aus der Sucht
Ullstein Verlag, Berlin 2013