Hans Durrer: Does AA work?
Sonntag, 14. November 2010
Does AA work? (2)
Hans Durrer: Does AA work?
Mittwoch, 10. November 2010
Alles ist gut
Fjodor M. Dostojewski: Die Dämonen
Sonntag, 7. November 2010
Drei Mahlzeiten und dazwischen Leben
Rosel Bäkers "Drei Mahlzeiten und dazwischen ist Leben" erzählt einerseits davon wie das Bad Herrenalber Modell ("Wir waren die erste Klinik mit einem Therapieangebot für Menschen mit Lebensschwierigkeiten, die eine Anbindung an verschiedene Selbsthilfegruppen herstellte und pflegte.") begann (sie war Gründungsmitglied und Pflegedienstleiterin) und beschreibt andererseits die Arbeit mit Essstörungen nach Rosels eigenem Konzept.Das Bad Herrenalber Modell gründet in der Vorstellung (wie die senegalesischen Wolof sagen) des Nit nit ay garabam - dass der Mensch des Menschen Arzenei sei, wie Walther Lechler in seinem Geleitwort ausführt: "Und Paracelsus betont: 'Und der Arzeneien höchste ist die Liebe.' Wer würde, wenn er in diese Erfahrung in sich inkarnieren durfte noch zögern, sich schlussendlich das Leben mit vollen Händen zu nehmen, das uns in Hülle und Fülle in jedem Augenblick zusteht."
Durch die Zusammenarbeit mit Walther Lechler und seinen Nachfolgern, durch viele kollegiale Gespräche und durch die Arbeit an sich selber, habe sie einen Reifegrad erreichen können, der ihr "fundierte, klare und einfach zu verstehende Aussagen" ermögliche, schreibt Rosel. Und: "Ich kann jetzt von mir behaupten, dass ich etwas zu sagen habe." Stimmt. Und es lohnt sich, ihr zuzuhören. Unter anderem wegen Sätzen wie diesen:
"Ich hatte eine wichtige Lektion gelernt: nämlich, meine eigene Vorstellung nicht auf einen anderen Menschen zu übertragen. Ich hatte begriffen, wie wichtig zuhören ist.
... es war für uns von dem Gedanken getragen, dass wir alle gemeinsam einen neuen Weg beschreiten wollten, in dem der Mensch die Person sein konnte, die er wirklich war. Keine Rollenmaske, kein Versager, sondern ein Mensch wie du und ich.
... auch die Frage, wer Schwierigkeiten bekommt, wenn sich der Essgestörte verändert, ist für den therapeutischen Prozess mitunter sehr wichtig. Ich arbeitete mit therapeutischen Elementen, aber auch mit alltagstauglichen Empfehlungen.
Bei allen Essstörungen geht es darum zu lernen, sich etwas zu nehmen, es zu spüren und die Nahrungsaufnahme auszuhalten. Bei allen Essstörungen geht es darum, dass die Betroffenen Essen benutzen, um besser mit dem Leben klar zu kommen. Der Nahrung wird also eine andere Aufgabe zugewiesen, als nur die der Ernährung. Die Nahrung hat ursprünglich die Aufgabe den Menschen zu ernähren. Aber auch Genuss, um Sinnlichkeit zu leben."
Die letzten Sätze stammen aus einem Gespräch mit Jürgen Bosbach, der zusammen mit Rosel Bäker dieses Buch schrieb und nachhakte: "Rosel, kannst Du bitte noch einmal auf deinen Satz eingehen: 'Wenn man Nahrung aufgenommen hat, muss man dies auch aushalten können!"
Und, neugierig auf Rosels Antwort? Sie findet sich auf den Seiten 51 bis 54 dieses anregenden und aufschlussreichen Buches, in dem sich eine Mischung verschiedener Arten von Text plus einige schwarz/weiss Fotos versammeln: Da steht der Brief neben dem Interview, wird ein erläuternder Text unterbrochen von eingerahmten Merksätzen (etwa: 'Mein Essverhalten spiegelt meine Lebenssituation wieder!') und man findet auch diesen Einschub von Jürgen Bosbach, der mir ganz besonders gut gefällt, weil er Rosel Bäker (wie auch die Arbeit an diesem Buch) sehr schön charakterisiert:
"Wie unterbrechen die, wie wir später feststellten, insgesamt zwölfstündige Interviewarbeit und gönnen uns ein Essen. Ich bin von der Persönlichkeit Rosels überrascht. Tausend Gedanken und Fragen huschen durch meinen Kopf. Ihre Leben könnte ebenso gut der Stoff für einen Film sein.
Schade nur, denke ich, dass der Leser ihre Erzählweise nicht wahrnehmen kann.
Diese Lebendigkeit, mit der Rosel aus ihrem Leben und von ihrer umfassenden Berufserfahrung berichtet, kann schriftlich nur begrenzt wiedergegeben werden. Rosel erzählt so spannend, dass keine Minute mit ihr langweilig wird. Bereits nach den ersten Stunden mit ihr wurden mir einige grundlegende Dinge klar: Rosel ist eine exzellente Fachfrau, die wirklich den Titel einer Zeitzeugin für sich beanspruchen darf und sie ist eine Persönlichkeit, die Wege aus der inneren seelischen Not eines Menschen begleiten kann. Somit freue ich mich, schon während des Essens, auf den Nachmittag."
Bleibt nur noch hinzuzufügen, dass die Verschriftlichung von Rosels Erzählungen sehr gut geglückt ist.
Drei Mahlzeiten und dazwischen ist Leben
Rosels Tisch in der psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb
Santiago Verlag, Goch 2010
Mittwoch, 3. November 2010
Recovery or Discovery?
Yates, R., Malloch, M. (2010) ‘The road less travelled? a short history of addiction recovery' in Yates, R. and Malloch, M. (eds.) Tackling Addiction: Pathways to Recovery, London: Jessica Kingsley Publishers, pp. 15-31.
Sonntag, 31. Oktober 2010
Im Sog der Sucht
Worum es bei "Im Sog der Sucht" von Helmut Kolitzus geht, erläutert der Untertitel "Von Kaufsucht bis Onlinesucht: Die vielen Gesichter der Abhängigkeit". Der Autor thematisiert dabei die Verbindung der verschiedenen Süchte - das ist das grösste Verdienst dieses Buches, das sich leicht liest und einen Überblick gibt über die vielen Ausformungen der Sucht. Man erfährt auch viel über den Autor - und auch wenn ich das grundsätzlich schätze (wer mir was mitteilt ist häufig mindestens so aufschlussreich wie was dieser jemand sagt oder schreibt), so war es mir hier doch etwas arg viel.Wie für den Autor so haben auch für mich die Medien eine grosse (und zeitweise übergrosse) Bedeutung und so war ich einigermassen gespannt, wovon er im Kapitel "Meine eigene Medien-Drogenkarriere" berichten würde. "Ich las so viel, dass irgendwann kein Buch mehr da war, das ich nicht kannte", er besuchte die Filmhochschule, wechselte dann zur Medizin, schrieb Sachbuchrezensionen - was hat das alles mit Mediensucht zu tun? fragte ich mich. "Während des Medizinstudiums verfiel ich gelegentlich in Medienräusche. Wie viele Fernsehfilme habe ich da zur Abwechslung vom Lernen - aus Büchern natürlich! - gesehen, wie viele unnötige Skirennen angeschaut oder Tennismatches oder Fussballspiele. Das Vergnügen daran will ich absolut nicht leugnen. Aber die Menge war deutlich im Bereich des Missbrauchs und der Betäubung."
Ob jemand, der in gewissen Phasen seines Lebens mit irgendetwas missbräuchlich umgeht, bereits als süchtig gelten soll, sei einmal dahingestellt. Sicher ist jedoch, dass sich richtige Mediensüchtige in solchen Schilderungen nicht erkennen werden.
Auch das Kapitel über Alkohol hat mich einigermassen ratlos gelassen. Da liest man von einem Ministerpräsidenten, der sich verplappert, nimmt Kenntnis von besorgniserregenden Zahlen, erfährt, wie es mit dem Alkohol in Finnland und Frankreich steht etc. - alles Sachen, die jedem Zeitungsleser bekannt sein dürften. Von den befreienden Lösungswegen aus der Abhängigkeit, die zu einem erfüllten Leben führen sollen (wie auf der vierten Umschlagseite zu lesen steht), habe ich da nichts gefunden.
Obwohl, Vorschläge für ein sinnvolles Leben findet man in diesem Buch durchaus. Dabei führt der "Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie, Lehrtherapeut, Supervisor, Filmemacher (HFF) und Kabarettist" als Beispiele auf, was er selber gerne macht - sich mit Literatur und Musik beschäftigen. Da ich seine Vorlieben teile, habe ich hier keine Einwände (ganz im Gegenteil), doch habe ich schon häufig erfahren, dass nun einmal viele Leute (Süchtige eingeschlossen) für das Lesen schlicht nicht zu begeistern sind. Am Rande: für einen "bekennenden Büchersüchtigen" sind die Literaturhinweise erstaunlich dürftig ausgefallen.
Doch kommen wir zum Positiven. Immer mal wieder stösst man in diesem Buch auf Gedanken und Hinweise, derentwegen sich die Lektüre lohnt. Um dies zu illustrieren, hier ein paar Zitate, die ich erhellend finde:
Wenn Sie bei Berichten über einzelne Süchtige genauer hinschauen, werden Sie auch als Laie schnell mitkriegen, dass das gezeigte dicke Kind ständig vor dem Fernseher sitzt, dass der Alkoholiker auch raucht, dass der Onlinejunkie nebenbei kifft und seine Bierdose am Computer stehen hat, dass die spielsüchtige Hausfrau deutlich übergewichtig ist, dass das Denken und Handeln durch süchtiges Verhalten mit all seinen Folgen eingeengt wird.
Ein wesentlicher Faktor fehlgeleiteter Erziehung ist die mangelnde Frustrationstoleranz. Und diese wiederum ist die beste Voraussetzung für Sucht - und ein wesentliches Element für ihre Erhaltung.
Wie auch sonst bei der Sucht muss die Forschung davon ausgehen, dass sie nur das erfährt, was der methodische Ansatz vorgibt. Ich glaube konkret kaum, dass die Wissenschaftler den vollen Umfang der Wahrheit erfahren. Kein extremer Spieler hat z.B. noch Lust oder Zeit einen wissenschaftlichen Fragebogen auszufüllen.
Interessant dass Angstprobleme oft, das heisst zu drei Vierteln, der Glücksspielsucht (ähnlich beim Alkoholismus!) vorangingen, während depressive Störungen nach Beginn der Sucht kamen, sicher auch als Reaktion auf die vielen Folgeerscheinungen. Glücksspiel führt ja nicht nur zu massiven finanziellen Verlusten, sondern auch zu dramatischen sozialen Defiziten.
In meinen Therapien, das heisst in den erfolgreichen, erlebe ich immer wieder, wie Menschen durch Verzicht dazugewinnen. Das betrifft alle Suchtbereiche.
Trägheit macht traurig.
(Thomas von Aquin)
Glück ist die Folge einer Tätigkeit.
(Aristoteles)
Dummes Zeug kann man viel hören.
kann es auch schreiben.
wird weder Leib noch Seele stören.
wird alles beim Alten bleiben.
Dummes aber, vors Auge gestellt,
hat ein magisches Recht:
weil es die Sinne gefesselt hält, bleibt der Geist ein Knecht.
(Johann Wolfgang von Goethe: Zahme Xenien. 1807)
Helmut Kolitzus
Im Sog der Sucht
Von Kaufsucht bis Onlinesucht: Die vielen Gesichter der Abhängigkeit
Kösel-Verlag, München 2009
Mittwoch, 27. Oktober 2010
Does AA work?
Since there seem to be as many interpretations of AA as there are AA members and since it cannot be known how AA is individually practised, it is questionable whether AA allows for an assessment that meets scientific criteria. Yet despite the lack of scientific evidence, many believe - based on personal experience - that AA works. That these believers are all brainwashed seems unlikely (and would be difficult to prove) yet even if they were, the fact that they were drinking before joining AA and then stopped might indicate that their sobriety has something to do with AA.
Cause-and-effect methodologies seem not suited to explain the complexity of addiction and addiction treatment for they appear not able to make sense of the contradictions and paradoxes that are part of human behaviour. Moreover, they can't measure core factors such as motivation or belief that are crucial for any recovery. This failure also suggests that AA's act yourself into a new way of thinking might be preferable to treatment based on identifying causes and symptoms.
Future research and treatment need to find ways to address "the non-logical aspects" (the miracles, contradictions and paradoxes) of addiction and to adapt, complement, and possibly rethink, the cause-and-effect methodology.
Hans Durrer: Does AA work?
Sonntag, 24. Oktober 2010
Über AA
Jürgen Heckel
sich das Leben nehmen
Alkoholismus aus der Sicht eines Alkoholikers
A1 Verlag, München 2010