Mittwoch, 25. März 2026

Die Kunst des metaphysischen Trinkens

Ivo Murcks, Sachbuchautor mit Spezialgebiet Biografien, sagt von sich: "Nein, Hegel bin ich nicht. Ich könnte es aber sein ...", schliesslich ähnelt er ihm: "Grämlicher Gesichtsausdruck, trüber, spähender Blick, die Augen hervorquellend vom Genuss zu vieler alkoholischer Getränke, die ihm explosive Blähungen einbrachten ...". Dazu kommt: "Hegel wollte das Leben mit einer Ordnung überziehen, in der alles an seinem Platz war und sich selbst genügte. Das wollte ich auch, hatte aber nicht die Mittel dazu."

Was tut der Mensch, wenn er nicht mehr weiter weiss? Er besinnt sich auf seine Stärken, so er denn welche hat, und gibt sich in der Folge seinen Gewohnheiten hin, zu denen im Falle von Ivo Murcks das Schreiben von Biografien gehört. Eines Morgens ("Ich fühlte mich auf befremdliche Weise energiegeladen.") nimmt er die Arbeit an Hegels Biografie auf.

"Egal wie man aussieht, egal wie man heisst – man wird sich nicht los. An dieser profunden Einsicht, für die andere zwanzig Semester studieren müssen, um sie dann doch knapp zu verfehlen, merkte ich, dass ich noch gut in Form war." Es sind solche Sätze (und es gibt viele davon), die mir dieses Werk zu einem Lesegenuss erster Güte machen.

Es  gab offenbar zwei Hegel. Einerseits den Abenteurer des Geistes, andererseits den biederen Bürger, dem der massvolle Umgang mit Alkohol nicht gegeben war, was natürlich durchaus einleuchtend (was uns nicht alles einleuchtet!) rationalisiert wird. "Alle wirklich edlen Getränke, ausser dem unverzichtbaren Quellwasser, haben Alkohol in sich; ich weiss das zu schätzen, besonders wenn die Stunde vorgerückt ist."

 Autor Böhmer bringt uns jedoch nicht nur Hegel näher, sondern klärt auch über allerlei Grundsätzliches auf, wie etwa, dass Psychiater sich ja nicht nur um die Schäden ihrer Patienten, sondern auch um ihre eigenen kümmern müssen, oder dass es Universitäten aufgegeben ist, Berufsleute heranzubilden wie "Lehrer, Pfarrer, Ärzte und Juristen, die sich nicht mehr Gedanken machen als nötig."

Und so nebenbei erfahren wir auch, dass dem Autor die Meditation dasselbe bedeutet wie Nichtstun, und sich seine Achtung vor der Psychotherapie in überschaubaren Grenzen hält. "Erwähnte ich schon, dass ich es nicht mag, wenn man sich die Seele wie eine benutzerdefinierte Apparatur vorstellt, auf der man nur die richtigen Knöpfe drücken muss, und sie erbringt ihre Leistung?" Sehr schön, diese wohl kaum mehrheitsfähigen Auffassungen.

Konträr zur damals gängigen Auffassung auch Hegel. "Die Wirklichkeit ist das Denken, zumindest macht das Denken ihr Wesentliches aus. Ohne das Denken ist die Wirklichkeit zwar vorhanden, aber sie wird nicht gewusst und zählt eigentlich nicht. Erst die vom Geist durchdrungene Wirklichkeit ist wahre und vernünftige Wirklichkeit."

Hegel, einst Hauslehrer in Bern, war wenig beeindruckt von den Schweizer Alpen, fühlte sich eingeengt, obwohl er durchaus erkannte, "dass es eine Grossartigkeit in der Natur gibt, die das gewöhnliche Auffassungsvermögen übersteigt."  Nur eben: Er ist für die Natur nicht geschaffen. "Der Anblick dieser ewig toten Massen, gab mir nichts als die einförmige und langweilige Vorstellung: Es ist so." Was bescheideneren und nüchterneren Geistern genügen mochte, reichte dem Philosophen Hegel jedoch nicht, dessen Geist "erst im Denken, endgültig, zu sich selbst kommt."

Eloquent und sehr, sehr lustig, reich an erhellenden Einsichten, gescheit und selbstironisch, versetzt Otto A. Böhmer Hegels Leben und Werk in die Gegenwart, die vor allem dadurch auffällt, dass sie der Demut Adieu gesagt hat und glaubt, sich selber zu genügen. Darein passt auch bestens der ein Leben lang schwäbelnde Weintrinker Hegel, der "nach eigener Einschätzung zum einflussreichsten deutschen Philosophen wird" und dessen Hegel-Prinzip, "über das Wirkliche das Denkbare setzt."

Das Leben zu verstehen, bedeutet, es leicht und mit Humor zu nehmen. Das finde ich vielfältigst dargestellt in diesem lebensweisen Buch.

Otto A. Böhmer
Lebt denn der alte Hegel noch?
Die Kunst des metaphysischen Trinkens
der blaue reiter, Hannover 2026

Sonntag, 22. März 2026

I'd rather not

 
Zurich, Rieterpark, June 2012

Integration has become one of these terms that are rarely questioned. Most of us think it normal that foreigners who wish to live in the country we grew up in need to adapt to "our" system. As far as I'm concerned, 'though not a foreigner in this country, I'd rather not.

As a young man I could never imagine to become a valuable member of a social system that I deemed not only unfair (it favoured the ruthless, the inconsiderate, the indecent) but totally unattractive (it rewarded the vain, the egomaniacs, the spiritually empty).

The heroes of my youth were sportsmen, rock musicians, underground poets, the ones that I then perceived as outsiders. I never imagined them to become valued members of society ... but they did and nowadays hold opinions about pretty much everything that prevents us from having a life of our own.

Societal pressure was strong and not without promise. Why I did not succumb to it like most of the sportsmen, rock musicians, and underground poets of my youth. I guess it's to do with personality.

Personality is what we come to life with. It is not something we choose and thus not something we can be proud of. What makes us the ones we are we are not responsible for. Nevertheless, we do have the ability to go along with it or to fight it.

Most people, it seems to me, do not indulge in such ponderings. I do not have the foggiest idea why I do so but I'm very much in tune with it.

Mittwoch, 18. März 2026

On Gratitude

Santa Cruz do Sul, 13 February 2026

The understanding that to practise gratefulness is necessary for living a good life came to me late for I had misused my intellect to prevent myself from true and simple insights that, it seemed to me, did not  do justice to my complex and complicated nature.

Yet when, finally, I started to identify what I could be grateful for something inside me changed profoundly. I'm, for instance, immensely grateful  for having had my parents, for having survived brain surgery, for having fallen in love etc.  I'm however also grateful for being a container for a heart that beats, for breathing in and breathing out, for having thoughts and emotions that hardly ever make sense (and they don't have to, they only need to be experienced).

To see life this way only became possible once I let go of my old ideas that insisted on understanding and making sense according to my cause-and-effect way of thinking. This thinking is fine for organising your daily chores, for going through the day. It is however less than useful when trying to experience reality.

I'm particularly grateful for the moments that are not dominated by my conditioned self.

It's all a miracle. Thank you for this delightful dream!

Sonntag, 15. März 2026

Finally, ready for the now

Porto Alegre, 13 March 2026

There is a Shakespeare sentence I'm very fond of: The readiness is all. On Friday, 13 of March 2026, in the Brazilian town of Porto Alegre, I became even more fond of this insight for I realised that you can be ready without being aware of it. 

I've always been convinced that the right time to live is right now. That wasn't however what I practised, what I practised was almost always (with the exception of sex): Not now!

Friday, 13 of March 2026, was my last full day in Porto Alegre before returning to Switzerland. I went into a bookstore with the intention to buy a thriller in Portuguese that would help to improve my language skills. Instead, I ended up with a tome by Kathleen Norris (O caminho do Claustro) I had thought to have once read in English (it was however another one [Dakota: a spiritual geography] that also happened to take place in a Benedictine monastery.)

Back in my hotelroom, I started to read (with the help of Deepl). After a while it dawned on me that this was extraordinary (for me, that is) for it is incredibly rare that I'm reading a book right away, and it is even more rare to make an attempt to improve my Portuguese a day before departing Brasil, this time probably for good.

What I find most remarkable about all this seemingly banal occurence: I'm doing this, it seems to me, because I enjoy learning, I'm not doing it with any goal in mind. I've always thought that the process is all that matters. Finally, I can feel it.

No, this is not entirely new to me. I remember it from playing football in my youth, from singing in a rock band, from playing guitar, from skiing, from being in love. What is however new, or so it seems, is my awareness of being present. And, to enjoy it.

Porto Alegre, 13 March 2026

Mittwoch, 11. März 2026

Sabedorias Brasileiras

Santa Cruz do Sul, Brasil, 26 Janeiro 2026

Cada um no seu quadrado

Venha o que viera

O que tiver que ser, será

Sonntag, 8. März 2026

Von der Wut

Ich war wütend auf das Leben, auf viele Menschen und überhaupt auf diese ganzen Lebensumstände. Ich war wütend, dass ich überhaupt geboren worden bin und deshalb eines Tages sterben muss. Ich fand das einfach unfair! Ich war auch wütend, weil meine Mutter so früh starb, als ich noch so klein war ... Auch heutzutage bin ich immer noch auf mich selbst wütend, wenn ich an alle die Versuche denke, meine innere Wut zu verleugnen und zu verdrängen, nur weil ich soviel Angst vor dieser Wut hatte ...“, zitierte Emma einen von ihr geschätzten Therapeuten. „Schon mal von einem Arzt oder Therapeuten derart Persönliches gehört? Ich nicht. Doch wozu soll das gut sein? Weil viele Süchtige erst dann bereit sind, zuzuhören, wenn sie merken, dass da einer weiss, wovon er spricht. Aus eigener Erfahrung, nicht nur aus Büchern. Das meint nicht, dass man Alkoholiker sein muss, um Alkoholikern helfen zu können (Veterinäre wären sonst arbeitslos), das meint, dass Klienten/Patienten spüren müssen, dass emotionale Identifikation (einer der Schlüssel für eine Genesung) möglich ist.“

„Singst du jetzt das Lied der Gefühle?“
„Tue ich nicht, denn allzu oft führen sie einen auch in die Irre. Doch ich misstraue intellektuellem Wissen, es ist gefühllos. Es kann einem den emotionalen Schmerz nicht nehmen.“

„Und was hilft deiner Meinung nach gegen den emotionalen Schmerz?“
„Für mich hat es der gerade zitierte Therapeut am besten gesagt; 'Was mir noch am ehesten geholfen hat, mich wohl zu fühlen, ist das simple Akzeptieren aller Höhen und Tiefen, die mein Leben so mit sich gebracht hat. Ich bin wie das Wetter da draussen, wie die Natur. Ich gehe durch meine Jahreszeiten und wenn ich einfach akzeptiere, welche Jahreszeit da gerade auf meinem Herzen liegt, dann kann ich mich damit abfinden und mich damit arrangieren. Ich musste lernen, den Versuch aufzugeben, aus einem grauen Wintertag ein Sommererlebnis zu machen – und zulassen und aushalten lernen, dass das manchmal wehtut.'“

Mittwoch, 4. März 2026

Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät

"Im Zentrum dieses Buches steht eine schlichte Botschaft:
Kämpfe nicht gegen dich selbst an.
Kämpfe nicht gegen andere an."

Voraussetzung dafür ist, die Dinge und Menschen so zu sehen wie sie sind. Dies wiederum meint, unsere selbstsüchtige Brille, mit der wir falsch interpretieren, abzulegen. Wie das geht, zeigt die südkoreanische Nonne Jung-mok in diesem Buch.

Für diejenigen, die mit dem Buddhismus nicht unvertraut sind, bieten diese Aufzeichnungen kaum Neues, doch die einfache, unprätentiöse Art und Weise, wie die Autorin sich ausdrückt, ist nicht nur sympathisch, sondern bewirkt eine Klarheit, die wohltuend ist. Zudem gilt: Wir sind vergesslich. Man kann uns nicht genug auf Wesentliches aufmerksam machen.

"Warum tun wir uns so schwer damit, Krankheit und Tod auf dieselbe Weise zu akzeptieren, wie wir akzeptieren, dass frische, strahlende Blumen mit der Zeit verwelken?", fragt Jung-mok. "Im Buddhismus wird der Tod als die Trennung von Körper und Geist angesehen. Daher ist der Tod also nicht das Ende von etwas oder der letzte Vorhang, der fällt, sondern einfach die Verwandlung in eine andere Form. Unser Unbehagen in Bezug auf Altern, Krankheit und Tod stammt aus der Unwissenheit, die diese Wahrheit verleugnet."

Uns mangelt es daran, die Dinge zu sehen wie sie sind. Daher leiden wir, lehrt der Buddhismus. Daraus folgt, dass, um die Welt erleben zu können, wie sie ist, wir zuallererst unsere Unwissenheit überwinden müssen. Wir sind Teil der Natur, wir existieren nicht separariert von ihr. 

Die Gedanken von Jung-mok sind überaus hilfreich, weil sie nicht langfädige, gelehrte Erklärungen liefert, sondern Wesentliches herausschält. "Wenn das, was man sagt, wahr ist, werde ich akzeptieren, was kommt. Wenn nicht, wird es an mir vorübergehen. Sich an jedes Wort zu klammern, das wir hören, stört den natürlichen Fluss, verstrickt unsere Herzen in Leid und gebiert Unglück." Wunderbar!

Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät ist reich an nützlichen Ratschlägen. Wohlmeinende Pädagogen, die behaupten Ratschäge seien auch Schläge, irren wie es viele, die es gut meinen, oft tun. Siehe auch hier.

Es gibt auch Ratschläge, die mich schmunzeln machen. "Klopfe sanft mit den Fingerspitzen gegen deinen Kopf nicht mit den Fingernägeln, sondern mit den Fingerspitzen. Klopfe um deine Stirn und deine Augen herum. Das wird deinen Geist klären." Probieren geht über studieren. Das gilt auch für Anregungen, denen ich mit Skepsis begegne. "Wenn wir
Gegenstände mit Respekt behandeln, werden sie auf ihre eigene Weise auf uns reagieren."

Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät ist ein Buch von praktischer Relevanz. Jung-mok sagt, was zu tun ist, wenn man Wut empfindet oder wenn einem der Geist dauernd davonrennt. Wer in der Gegenwart sein will, muss verstehen, dass die Vergangenheit allein in unseren Köpfen  existiert.

Wir sind uns meist nicht bewusst, wie voreingenommen wir die Welt sehen. Es ist selten, dass wir an unserer Logik zweifeln, die allerdings nichts anderes ist als eine Gewohnheit zu denken. Jung-mok lenkt den Akzent auf die Anschauung: Je unvoreingenommener diese ist, desto eher erfahren wir die Welt wie sie wirklich ist.

So recht eigentlich ist dieses Buch ein Plädoyer für die Achtsamkeit. Und das impliziert, uns von unseren Denkgewohnheiten zu befreien und neue Gewohnheiten einzuüben. "Wenn wir uns daran gewöhnen, andere so zu betrachten wie uns selbst, beginnen wir, ihr Leiden als unser eigenes zu empfinden."

"Buddhistische Geschichten und Meditationen für mehr Freude und Klarheit" verspricht der Untertitel. Und er hält, was er verspricht: Freude und Klarhheit stellen sich in der Tat ein, wenn man die Gedanken in diesem Buch auf sich wirken lässt.

Jung-mok
Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät
Buddhistische Geschichten und Meditationen für mehr Freude und Klarheit
O.W. Barth, München 2026

Sonntag, 1. März 2026

The most important relationship

 

Zurich 27 Oktober 2007

The most important relationship we can all have is the one you have with yourself, the most important journey you can take is one of self-discovery. To know yourself, you must spend time with yourself, you must not be afraid to be alone. Knowing yourself is the beginning of all wisdom.

Aristotle