Mittwoch, 20. März 2019

Schreiben als Therapie

Schreiben ist die einzige Behandlung, wenn man keine Arzneien nimmt. Dann muss man schreiben. Auch der Akt des Schreibens allein ist eine Genesung ... Formulieren ist Heilung, auch wenn man Unsinn schreibt, auch wenn man kein Talent hat ...

Emil Michel Cioran

Mittwoch, 6. März 2019

Leslie Jamison: Die Klarheit

Auf der Rückseite des Buchumschlags wird neben Stephen King und Andrew Solomon auch Chris Kraus mit dem unsäglich blöden Satz "Leslie Jamisons Die Klarheit ist die ultimative Studie der Romantik des Rausches und der Möglichkeiten der Genesung" zitiert, der dann von dem noch blöderen "Es gibt vielleicht niemanden, der besser über seelisches Leid und Trost schreibt" (aus dem New Yorker) getoppt wird. Na ja, die Amis haben es halt mit Superlativen (ultimative Studie; niemand, der besser), furchtbar.

Wenn schon Superlative, dann bitte so wie ich sie benutze. Die Klarheit gehört zu den eindrücklichsten Büchern über Sucht, das ich je gelesen habe und ich habe viele, ja, sehr sehr viele nicht nur gelesen, sondern studiert. Dass ich zu dieser Einschätzung komme, hat unter anderem damit zu tun, das ich mich mit vielem, das Leslie Jamison beschreibt, identifizieren kann. Sätze wie diesen etwa: "Ich brauchte alles, und zwar sofort. Mehr. Noch mal. Für immer." Oder: "Johnsons Storys beharrten darauf, dass alles, was uns umgab, auch wichtig war: das Verträumte, Nelkenverrauchte sowie die durchdringende Kälte dieser Stadt. Es war da, schrieb er. Wirklich." Oder: "Mein Problem war nicht schwierig, aber trotzdem unlösbar: Ich wollte nicht fühlen, was ich fühlte." Zudem: Als ich lese, dass die Tante der Autorin Kay Redfield Jamison ist, deren Meine ruhelose Seele mich Entscheidendes über seelische Schwierigkeiten gelehrt hat, gehe ich die Lektüre von Die Klarheit noch positiver an als ich das eh schon tue.

Leslie Jamison, geboren 1983 und aufgewachsen in Los Angeles, hat am Iowa Writer's Workshop ihren Master in Kreativem Schreiben gemacht und lehrt an der Columbia University. Treffend notiert der Klappentext: "Sie trank, weil sie ihre Mängel verbergen, ihre Bedürfnisse abschütteln und um jeden Preis besonders sein wollte. Und sie würde erst genesen, wenn sie nicht mehr auf ihrer Originalität beharrte."

Aufrichtig und schonungslos beschreibt sie ihre Alkoholsucht. "Ich war derart egozentrisch, dass man fast ein eigenes Wort hätte erfinden müssen, um mich zu berschreiben. Hätte es dieses Wort gegeben, hätte ich es natürlich gemocht." Und sie setzt sich mit dem Mythos der trunkenen Genialität auseinander. "Meine Fähigkeit, alkoholisierte Dsyfunktionalität reizvoll zu finden – und ihren Zusammenhang mit dem Genialischen zum Fetisch zu erheben – , war eine Folge des Privilegs, noch nie richtig gelitten zu haben." 

Schliesslich kapituliert sie, geht zu den Meetings der Anonymen Alkoholiker. "Die Nüchternheit war zerbrechlich und unangenehm, aber sie war das Einzige, was ich über längere Zeit hinweg noch nicht ausprobiert hatte. Also probierte ich es aus." Von Bill Wilson, der zusammen mit Dr. Bob die AA ins Leben gerufen hatte, berichtet sie unter anderem, dass er "herausfinden wollte, inwiefern sich LSD im Rahmen des Genesungsprozesses sinnvoll einsetzen liesse", was die anderen AA gar nicht toll fanden. Für sie selber machte dies Wilson, der von vielen auf ein Podest gestellt wurde (und wird), menschlicher.

Nüchternheit findet sie enttäuschend, weder kittet sie ihre Beziehung, noch führt sie dazu, dass sie lebendiger schreibt. Auch fühlt sie sich verbraucht und verschüchtert. Sie geht nicht mehr zu AA-Meetings, wird rückfällig  was keinesfalls als zwangsläufige Folge verstanden werden soll, denn dieses Buch macht vor allem klar, dass Sucht mit unseren landläufigen Erklärungsversuchen nicht zu fassen ist  und wieder nüchtern. Dieses zweite Mal geht sie mit einer anderen Einstellung zu den AA-Meetings. "Ich wusste nicht, was ich glaubte, und betete trotzdem."

Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung verspricht der Untertitel und macht damit klar, dass dies, obwohl ein persönliches Buch, keine Nabelschau, sondern der gelungene Versuch ist, die eigene Geschichte in grösseren Zusammenhängen zu sehen, einerseits im Kontext der eigenen Familie, andererseits im Rahmen der Schriftsteller, die abhängig vom Alkohol waren. Dabei setzt sie sich auch mit einigen der einschlägigen Alk-Werke auseinander  von Charles Jacksons Verlorenem Wochenende über Malcolm Lowrys Unter dem Vulkan zu David Foster Wallaces Unendlichem Spass. Auch von anderen Geschichten der Genesung berichtet sie, von ihrer Sponsorin, der Anwältin Susan, schreibt sie. "Die Nüchternheit hatte ihr Klarheit darüber verschafft, dass das Leben, wie sie es sich im Laufe von Jahrzehnten aufgebaut hatte, nicht das war, was sie weiter leben wollte. Diese Erkenntnis war sicher ein Geschenk, wenn auch eines, das sich nicht jeder wünscht."

Und nicht zuletzt: Die Klarheit klärt auch über die nordamerikanische Drogenpolitik auf. "Alkoholsucht wurde zur Krankheit, Drogensucht zum Verbrechen." Für sie selber, ein nettes weisses Mädchen aus der oberen Mittelschicht, bedeutete das: "Meine Haut hatte die richtige Farbe, um mir den Rausch zu erlauben." Mit anderen Worten: Der "War on Drugs" ist in Wahrheit ein Krieg gegen die Schwarzen. "Eine Studie aus dem Jahr 1993 ergab, dass nur 19 Prozent aller Drogendealer Afroamerikaner waren, ihr Anteil bei Verhaftungen aber 64 Prozent betrugen."

Gut geschrieben, vielfältig aufklärend, selbstkritisch und ausgesprochen hilfreich.
Das für mich eindrücklichste Sucht-Buch seit Langem.

Leslie Jamison
Die Klarheit
Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung
Hanser Berlin 2018

Mittwoch, 20. Februar 2019

Standing Up for Ourselves

It is so easy to come to the defense of others. How clear it is when others are being used, controlled, manipulated, or abused. It is so easy to fight their battles, become righteously indignant, rally to their aid, and spur them on to victory.

"You have rights," we tell them. "And those rights are being violated. Stand up for yourself, without guilt."

Why is it so hard, then, for us to rally to our own behalf? Why can't we see when we are being used, victimized, lied to, manipulated, or otherwise violated? Why is it so difficult for us to stand up for ourselves?

There are times in life when we can walk a gentle, loving path. There are times, however, when we need to stand up for ourselves - when walking the gentle, loving path puts us deeper into the hands of those who could mistreat us.

Some days, the lesson we're to be learning and practicing is one of setting boundaries. Some days, the lesson we're learning is that of fighting for our own rights and ourselves.

Sometimes, the lesson won't stop until we do.

Mittwoch, 6. Februar 2019

Accepting Anger

If I were working a good program, I wouldn't get angry.... If I were a good Christian, I wouldn't feel angry.... If I were really using my affirmations about how happy I am, I wouldn't be angry.... Those are old messages that seduce us into not feeling again. Anger is part of life. We need not dwell in it or seek it out, but we can't afford to ignore it.

In recovery, we learn we can shamelessly feel all our feelings, including anger, and still take responsibility for what we do when we feel angry. We don't have to let anger control us, but it surely will if we prevent ourselves from feeling it.

Being grateful, being positive, being healthy, does not mean we never feel angry. Being grateful, positive, and healthy means we feel angry when we need to.

Mittwoch, 16. Januar 2019

Die Schreibmaschine als Psychiater

Noch ein ziemlich guter Satz fiel mir ein, während ich durch den graunieseligen Vormittag fuhr, an dem der Nebel so tief hing, dass ich das andere Ufer der Elbe nicht sehen konnte. Die Schreibmaschine sei sein Psychiater, weil sie den ersetze. Ein Bekenntnis, das viele unterschreiben würden, die schreiben. Ich bekenne mich dazu, Mitglied dieses Clubs zu sein.

Michael Jürgs
in einem Artikel über Siegfried Lenz

Mittwoch, 9. Januar 2019

Responsibility for ourselves

Caretaking: the act of taking responsibility for other people while neglecting responsibility for ourselves. When we instinctively feel responsible for the feelings, thoughts, choices, problems, comfort, and destiny of others, we are caretakers. We may believe, at an unconscious level, that others are responsible for our happiness, just as we're responsible for theirs.

It's a worthy goal to be a considerate, loving, nurturing person. But caretaking is neglecting us to the point of feeling victimized. Caretaking involves caring for others in ways that hamper them in learning to take responsibility for themselves.

Caretaking doesn't work. It hurts other people; it hurts us. People get angry. They feel hurt, used, and victimized. So do we.

The kindest and most generous behavior we can choose is taking responsibility for ourselves - for what we think, feel, want, and need. The most beneficial act we can perform is to be true to ourselves, and let others take responsibility for themselves.

Mittwoch, 26. Dezember 2018

The Merton Prayer

MY LORD GOD, I have no idea where I am going. 
I do not see the road ahead of me. 
I cannot know for certain where it will end. 
Nor do I really know myself, and the fact that I think I am following your will does not mean that I am actually doing so. 
But I believe that the desire to please you does in fact please you. 
And I hope I have that desire in all that I am doing. I hope that I will never do anything apart from that desire. 
And I know that if I do this you will lead me by the right road, though I may know nothing about it. 
Therefore I will trust you always though I may seem to be lost and in the shadow of death. 
I will not fear, for you are ever with me, and you will never leave me to face my perils alone.

Thomas Merton: Thoughts in Solitude.