Mittwoch, 27. Mai 2015

Running from pain and fear

... I don't like to feel things, don't want to feel pain or fear. And mostly, how I can see that I don't drink like a normal person. That I use booze as an escape hatch and also like a destination in itself ...

Augusten Burroughs
Dry. A Memoir

Mittwoch, 20. Mai 2015

Alkoholiker & Hass

Ich hasste alles, was sie Jude LeBlanc und seinen Gemeindemitgliedern angetan hatten. Mich persönlich erfüllten sie mit Ekel und Abscheu. Aber ich durfte mir keinen Hass erlauben. Weder als Ordnungshüter noch als trockener Alkoholiker durfte ich das. Bei den Anonymen Alkoholikern lehrt man uns, dass diejenigen, die uns den grössten Ärger bereiten, krank sind, nicht viel anders als wir selbst. Manchmal fällt es einem schwer, sich auf dieses Gebot einzulassen. Leider dürfen sich trockene Alkoholiker bei ihren Gefühlen keine Freiheiten herausnehmen.

James Lee Burke
Sturm über New Orleans
Pendragon Verlag, Bielefeld 2015

Mittwoch, 13. Mai 2015

Preaching Selfishness

I am teaching an intelligent regard for the preservation and nourishment of the Self - not the professional self, but the human being who lurks in all of us, and whom we so often neglect and ill-use. If we pay any attention to this human being - this Self - at all, it is usually to scold the poor thing for not being more than it is - for not being saintly, or valorous, or untiring. We never seem to take time to feed it, clothe it, encourage it, love it, and forgive it.

Robertson Davies: Preaching Selfishness

Mittwoch, 6. Mai 2015

Wie wir sind

An ein Buch, das als "atemberaubende Entdeckungsreise" (The Guardian) gepriesen wird, geht man mit gespannter Vorfreude heran. Doch wenn dann von demselben Buch auch noch behauptet wird, es "könnte ihr Leben verändern" (The Observer), weicht die Vorfreude einer schwer zu bändigenden Skepsis (war der Rezensent vielleicht dreiundzwanzig und für ernsthaftere journalistische Arbeiten ungeeignet?). Und dann beginnt man zu lesen und greift bereits auf der ersten Seite der Einführung zum Bleistift, weil man markieren will, was zwar banal sein mag, doch selten wirklich begriffen wird: "Ohne triftigen Grund und zwingende Notwendigkeit bewegen wir uns nicht vom Fleck". Ab da ahnt man, dass man ein aussergewöhnliches, ja ein hilfreiches Buch vor sich hat. Es heisst "Wie wir sind" und geschrieben wurde es vom Psychotherapeuten Vincent Deary, der heute an der University of Northumbria in Newcastle unterrichtet.

"Der ausgetretene Pfad" heisst das erste Kapitel, in dem eindringlich aufgezeigt wird, wie unser Begehren unsere Lebenspfade vorgibt. "Die weitverzweigte Architektur unseres Gehirns und unserer Nerven wartet auf die Welt und ahnt bereits deutlich voraus, wie sie sein wird. Sie wartet auf Raum und Zeit, ist bereit für die Sprache, sieht Bewegung und andere Menschen voraus, ist vorbereitet auf Sex und Gewalt, Angst und Schrecken."

Wie wir sind ist ein lebenskluges, ja weises Buch, das sich nicht zuletzt dadurch auszeichnet, das es höchst clever aufgebaut ist. So ist etwa jedem Kapitel eine kurze Inhaltsangabe vorangestellt, die einen, zugegeben, ich rede von mir, richtiggehend ins Buch hineinzieht. Hier ein Beispiel: "Wir werden sehen, dass wir in hohem Masse Gewohnheitsmenschen sind und dass die Gewohnheit auf dem Gedächtnis gründet. Dabei ist das Gedächtnis weniger eine Bibliothek als vielmehr ein Archiv bereitstehender Routinen, die unser Alltagsleben ermöglichen ...".

Eindrücklich zeigt Vincent Deary auf, dass das Gedächtnis zwar ein Aufzeichnungsgerät ist, "allerdings bestenfalls für ein paar Tage". Zudem ist es fehleranfällig, wie das russische Sprichwort; 'Er lügt wie eine Augenzeuge' treffend illustriert. Und nicht zuletzt gilt: "Erinnerung verblasst, wenn sie nicht immer wieder ans Licht geholt wird".

Mein Eindruck, dass ich die meiste Zeit auf Autopilot durchs Leben gehe, wird in Wie wir sind nicht nur bestätigt, sondern sehr schön auf den Punkt gebracht: "Wohlerwogenes, bewusstes Denken ist das, was uns am allerwenigsten eigen ist."

Bezugnehmend auf Filme, Werke der Literatur sowie der Neurowissenschaft erläutert der Autor, weshalb wir uns so schwer tun mit Veränderungen. Faulheit und Feigheit hinderten den Menschen daran, selber zu denken, meinte bekanntlich Immanuel Kant. Und sie sind es auch, die der Veränderung wesentlich entgegenstehen.

"Wir haben gesehen, wie wir sind, wie festgefahren in unseren Gewohnheiten", lese ich zu Beginn des zweiten Aktes, der mit "Verändern" überschrieben ist:"Jetzt müssen wir uns von ihnen verabschieden und uns neue zulegen. Die Arbeit, das Drama beginnt."

Sich zu verändern bedeutet, eine neue Rolle auszuprobieren. Und das verlangt üben. Damit sich neue Gewohnheiten heranbilden können. Denn wir Gewohnheitsmenschen können uns entscheiden, welchen Routinen wir den Vorzug geben.

Als die Schauspielerin Beryl Reid einmal gefragt wurde, "wie sie sich in eine neue Figur einfinde, wie sie das Gefühl dafür bekomme, jemand anders zu sein, antwortete sie: 'Als Erstes suche ich mir die Schuhe aus.' Der Rest kommt dann von ganz allein." Weil sie damit der Automatik, die uns grösstenteils bestimmt, die Richtung vorgegeben hat.

Vincent Deary
Wie wir sind
Pattloch Verlag, München 2015

Mittwoch, 29. April 2015

High Sein: Ein Aufklärungsbuch

Aufklärungsbücher über Drogen warnen in der Regel vor den vielfältigen Gefahren, die da lauern, wenn jemand mit dem Gedanken spielt, (illegale) Drogen zu nehmen. High Sein ist anders, es will ganz einfach aufklären. Und das meint, möglichst umfassend darüber zu informieren, was es mit Drogen so auf sich hat. Getragen ist dieses Buch von der Überzeugung: "Keine Droge führt automatisch auf direktem Weg zu Verfall, Elend und Sucht."

Stimmt. Weil nicht die Droge, sondern der Mensch das Problem ist. Und überhaupt gibt es viele Menschen, die Drogen nehmen und deswegen nicht drogensüchtig sind beziehungsweise geworden sind.

"Ein bewusster Umgang mit Droge, Set und Setting macht den Unterschied zwischen Saufen und Trinken, zwischen Berauschen und Wegknallen, zwischen Highsein und Zugedröhntsein aus." Als ich das las, dachte ich ganz automatisch an meiner erste und einzige LSD-Erfahrung während meiner Studienzeit. Meine damalige Freundin und ich hatten uns gut vorbereitet: wir wollten zu ausgewählter Rockmusik malen, ein Freund, der selber nichts nahm, würde uns beobachten. Es fühlte sich alles sehr psychedelisch an und war eine gute Erfahrung; ich hatte nicht das Bedürfnis, sie zu wiederholen.

 Aldous Huxley hat immer wieder gesagt, dass man psychedelische Drogen wie LSD mit grossen Respekt und Vorsicht und nur äusserst selten geniessen sollte. Von diesem Gedanken ist auch High Sein getragen

Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, weshalb jemand mit Drogen experimentieren will und nicht wenige davon sind ausgesprochen einleuchtend. Um die Sinne zu schärfen, zur Schmerzlinderung, zu Heilungszwecken usw. usw.

Wer Drogen nehmen will, ist jedoch gut beraten, sich mit den einfachen Regeln des Safer Use vertraut zu machen, die in diesem Buch aufgeführt sind. Zu diesen gehört unter anderen, dass man eine Droge nie in schlechter Stimmung konsumieren soll. Und obwohl das ein richtig guter Ratschlag ist, wird er wohl nur die allerwenigsten Drogenkonsumenten erreichen.

"Wir wollen niemandem vorschreiben, was er tun oder lassen soll. Stattdessen möchten wir versuchen, jedem Leser die Möglichkeit zu geben, seine Entscheidungen gut informiert und unter Abwägung der Risiken zu treffen." Das ist zwar begrüssenswert, schränkt jedoch das Zielpublikum erheblich ein, denn dieser Ansatz geht davon aus, dass der Mensch ein rational handelndes Wesen ist. Ich halte das zwar für einen Irrglauben (was wissen wir denn schon von unserem Unbewussten?), finde jedoch High Sein trotzdem ein empfehlenswertes Buch, weil nützliche Informationen nie schaden können, denn schliesslich haben wir alle ab und zu lichte Momente, in denen uns solche Informationen hilfreich sein können.

Dass der Mensch zwar ein vernunftbegabtes Wesen ist, doch darüber hinaus noch andere und nicht nur ihm zum Vorteil gereichende Talente hat, ist auch den Autoren von High Sein bekannt. "Menschen neigen zu Bequemlichkeit und Selbsttäuschung. Deshalb ist es wichtig, unsere Selbsteinschätzung hin und wieder zu überprüfen - auch indem wir Freunde oder Vertraute nach deren Einschätzung fragen. Wer seinerseits seine Freunde in ihrem Drogenkonsum unterstützen möchte, sollte sie ebenso kritisch begleiten und sie beispielsweise darauf hinweisen, wenn sie sich betrunken verhalten wie der letzte Idiot. Oder dass sie zugekokst nicht so unwiderstehlich sind, wie sie selbst glauben."

High Sein ist umfassend informativ und überaus reich an Details. So erfährt man etwa wie Drogen im Körper wirken beziehungsweise was sie im Gehirn machen. Wird aufgeklärt über Fragen und Probleme, die sich beim Drogenkauf im Internet stellen. Und man liest, zu welchen sich nicht gerade aufdrängenden Vergleichen der ehemalige deutsche Bundeskanzler Kohl einstmals gegriffen hat: "Unser Ziel muss eine Gesellschaft sein, die Rausch einmal genauso ächtet wie Kannibalismus."

Informierte Menschen reden anders. Und sie handeln anders. High Sein liefert die nötige Aufklärung für vernünftiges Tun und Lassen..

Jörg Böckem / Henrik Jungaberle
High Sein
Ein Aufklärungsbuch
Rogner & Bernhard, Berlin 2015

Mittwoch, 22. April 2015

Den Sinn auf Einigkeit gerichtet

Machet meine Freude dadurch vollkommen, 
dass ihr gleichgesinnt seid 
im Besitz der gleichen Liebe, 
in der Seele verbunden, 
den Sinn auf Einigkeit gerichtet.

Philipper 2, 2

Mittwoch, 15. April 2015

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache

Ein eigenartiger Titel, im Deutschen wie auch im Englischen (es handelt sich um eine zweisprachige Ausgabe), der sehr nach einem ambitionierten jungen Mann klingt, und das war David Foster Wallace ja auch, als er mit 22 Jahren diesen Text über seine Erfahrungen mit Depressionen schrieb.

Häufig ist ihm ganz elend, besonders morgens nach dem Aufstehen, dann muss er sich übergeben. Auch weint er ohne jeden Anlass, vernimmt auch ohne Aussenreize Geräusche in seinem Kopf und wenn keine kommen, beginnt er sie zu suchen, "wie eine Motte das Licht". "Ich wusste, dass ich nur ein Mensch war, aber dieser Mensch hier war ein Steppke mit Problemen, der weder den Inhalt noch die Implikationen der Geräusche aushalten konnte, die in seinem Schädelinnenraum hervorgebracht wurden."

Manche Menschen denken bei Depression an "eine total intensive Traurigkeit, so wie das Gefühl, wenn einem der Hund stirbt ...". Nur eben: Depression ist etwas ganz, ganz anderes. Eine üble Sache. Eine sehr üble Sache. Und das zeigt dieser Text eindrücklich.

Auf den Planeten Trillaphon, wo man sehr viel schneller müde wird als auf der Erde, gelangt man übrigens indem man recht viele starke Antidepressiva einnimmt. Dank dieser, so lässt Foster Wallace verlauten, gehe es ihm "etwas besser." Zudem: "Das Lesen fällt auf Trillaphon sehr schwer, aber das kommt mir sehr gut zupass, weil ich sowieso kaum noch lese, eigentlich nur die Zeitschrift Newsweek, weil ich die zum Geburtstag im Abo geschenkt bekommen habe. Ich bin einundzwanzig.

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache ist eine beklemmende und immer wieder witzige Geschichte. Nur schon die Schilderung des Weissen Stockwerks im Krankenhaus ("der Stock für Steppkes mit Problemen") lohnt die Lektüre.

David Foster Wallace
Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache
The Planet Trillaphon As It Stands In Relation To The Bad Thing
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015