Sonntag, 18. Januar 2026
The Brain
Mittwoch, 14. Januar 2026
Der Tod der Wahrheit
Zuallererst: Es ist sehr gut geschrieben (und sehr gut übersetzt, von Sebastian Vogel) und es macht deutlich, dass der „Niedergang des rationalen Diskurses“ und der Abnahme der Wertschätzung des gesunden Menschenverstandes sowie der Fakten keineswegs mit Donald Trump begonnen hat (es ist nicht anzunehmen, dass dieser diese Einschätzung teilt). Und es zeigt auf, dass Chaos säen und das Bemühen um die Zerstörung des Staates auf Lenin (man erfährt übrigens auch Einiges über die heutige russische Propaganda) und die Nazis zurückgehen.
„Wir fahren schnell, und die Menschen wollen nicht sehen, was auf sie zukommt. Wir Wissenschaftler – wir sind die Scheinwerfer“, zitiert sie einen Doktoranden für Gletscherforschung, der in Grönland mit eigenen Augen gesehen hat, was der Klimawandel anrichtet. „Mundus vult decipi“, sagten die alten Römer, der Mensch will betrogen werden. Das ist nach wie vor so, denn wir ertragen die Wahrheit nicht. Offensichtlicher als heute war das nie, weshalb denn auch dieses Buch im Titel (Der Tod der Wahrheit) wie auch im Untertitel (Gedanken zur Kultur der Lüge) klar benennt, worum es heute geht. Nicht um Meinungsverschiedenheiten, sondern um die Weigerung, die Realität und unser Wissen über diese Realität zu akzeptieren.
Getrieben werden die Wahrheitslügner von Ignoranz und Egoismus. Zu behaupten, eine objektive Wahrheit gebe es nicht, ist leicht, den Gegenbeweis anzutreten ebenso – wäre alles nur Ansichtssache, gäbe es weder das Gravitationsgesetz noch den Tod. Und auch, dass Donald Trump ein ignoranter Egomane ist, gehört nicht zu den „fake news“, sondern ist eine objektive Wahrheit.
Michiko Kakutani verweist auf den Postmodernismus, den Narzissmus und den Aufstieg des Subjektivismus. „Mit dem Siegeszug der Subjektivität kam es zur Abwertung der objektiven Wahrheit: Meinung wurde gegenüber von Wissen bevorzugt, Gefühle gegenüber Tatsachen – eine Entwicklung, die sich im Aufstieg Trumps widerspiegelte und ihm Vorschub leistete.“ Diese Entwicklung begann Mitte des 20. Jahrhunderts, man denke an Norman Vincent Peales 'The Power of Positive Thinking' oder das kalifornische Esalen Institute – die Idee von Selbstverantwortung des Individuums für sein Schicksal hat da zum Teil groteske Züge angenommen.
Wenn alles nur noch Meinung ist, verschwindet die objektive Realität. Und wenn Loyalität und Gruppenzugehörigkeit als wichtiger bewertet werden als Fakten, heisst das letztlich, dass man nicht bereit ist, das Leben zu akzeptieren wie es ist (unsicher und sich stetig wandelnd). Wunderbar, wie Michiko Kakutani, den postmodernen Theoretiker Jacques Derrida auf den Punkt bringt: „Indem er sich auf die möglichen Widersprüche und Mehrdeutigkeiten eines Textes konzentrierte (und seine Argumentation absichtlich in verworrener, hochtrabender Prosa formulierte), leistete er einem extremen Relativismus Vorschub, der in seinen Auswirkungen letztlich nihilistisch war: Alles konnte alles bedeuten; die Absicht eines Autors spielte keine Rolle, ja, man konnte sie eigentlich nicht einmal erkennen; so etwas wie eine offensichtliche oder dem gesunden Menschenverstand entsprechende Lesart konnte nicht existieren, weil alles eine unendliche Zahl von Bedeutungen hatte. Kurz gesagt, so etwas wie Wahrheit gab es nicht.“
Natürlich gibt es die Wahrheit, die Wahrheit der Geburt und des Todes, der Freude und der Schmerzen. Es ist das grosse Verdienst dieses Buches, sich an Fakten zu orientieren, den grösseren Zusammenhang zu liefern, vom gesunden Menschenverstand Gebrauch zu machen und die Dinge beim Namen zu nennen. Scharfsinnig und informativ!
Sonntag, 11. Januar 2026
A nostalgia de ser feliz
"Acordei hoje com tal nostalgia de ser feliz. Eu nunca fui livre na minha vida inteira. Por dentro eu sempre me persegui. Eu me tornei intolerável para mim mesma. Vivo numa dualidade dilacerante. Eu tenho uma aparente liberdade mas estou presa dentro de mim."
Clarice Lispector
Mittwoch, 7. Januar 2026
On Thinking
Sonntag, 4. Januar 2026
Die Geschichte einer Obsession
Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Verweigerung.
Hugo, 36, gefällt sein Verlagsleiterjob, doch das genügt ihm nicht. Er will sein Leben perfekt, scheitert jedoch daran, dass er selber alles andere als perfekt ist. Und so will er sich ändern, und perfekt werden, was allerdings nur an einem speziellen Tag geht. In Hugos Fall muss dieser Tag ein Montag sein.
Hugo ist klar, dass das nicht nur eine Marotte, sondern eine Obsession ist. Allerdings nicht die einzige. Und so geht er seine vielfältigen Obsessionen an, konfrontiert sich mit ihnen und versucht, sich ihrem Würgegriff zu entziehen.
Die Geschichte spielt in der Zeit von Corona und Trump. In Gesprächen mit ganz unterschiedlichen Menschen kommen die heutige Unübersichtlichkeit genauso zur Sprache wie der politische Irrsinn, der uns als rationales Geschehen verkauft wird, die Einschalt-Klick-Medien wie auch Borderline, Fotografie und Sucht. Der rote Faden dabei ist Hugos Obsession, die insistiert, dass sein Leben erst dann anfängt, wenn er sich dazu bereit erklärt hat.
Heute Nicht! ist keine Geschichte mit Anfang, Mittelteil und Ende, vielmehr eine Zusammenstellung nützlicher und hilfreicher Gedanken, die sich genauso in launigen Bemerkungen, Zeitungsmeldungen, Gesprächen mit Freunden und Bekannten, Reiseepisoden, Fragen über Leben und Tod finden wie auch in Zitaten aus Büchern, auch längeren, sowie in humorvollen Anekdoten und alltagstauglichen Ratschlägen.
Hans Durrer
Mittwoch, 31. Dezember 2025
Vom Schreiben
Eines Tages wirst du das Buch schreiben, verstehst du? Aber du musst aufhören, dir Gedanken über seine Form oder über die Geschichte oder darüber zu machen, ob die Leute es lesen werden. Du musst einfach niederschreiben, was du weisst. Das ist das ganze Geheimnis – einfach alles, was du selbst erfahren hast. Und dann wird was dabei herauskommen – glaub mir, alles andere ist Schwindel. Jene glatten, sorgfältig geplanten Bücher, alles Schwindel, mindestens von deinem Standpunkt aus. Du gehörst zu der Art von Schriftstellern, die einfach mitten hineinspringen müssen, die versuchen müssen, zu fliegen oder zu kriechen oder zu singen, oder was weiss ich.
Peter Viertel: Weisser Jäger, schwarzes Herz
Sonntag, 28. Dezember 2025
I've come full circle
That youthful arrogance vanished with age and the so-called necessities of life, I even started to become interested in politics, culture and the media that I then, strangely enough, did not equate with maintaining the status quo.
Now in my seventies, I realise that I've come full circle. It is nowadays beyond me how anyone can believe that people holding office or representing institutions have any clue what is going on. Once again, these people seem to me more than distant, I am not even willing to contemplate their talking points.
I've also come to realise that it wasn't youthful arrogance that made me think the way I do – rather it was the feeling that to live a life as a so-called valuable member of society was surely not a good way to live for, in my view, all these people were willing to adapt to a system I had no sympathy for.
"O heróico num ser humano é não pertencer a um rebanho" (The heroic thing about a human being is not to belong to a herd.), according to José Saramago. He is right, of course. How baffling, however, that the ones who make the herd a herd think of themselves as individuals.



