Mittwoch, 17. Dezember 2025

Veränderungen

 Wie war ich doch einst von allem, restlos allem, das ich mit Bildung assoziierte, begeistert. Das ging von Klöstern über Bibliotheken zu Buchhandlungen, von Universitäten über Schriftsteller zu Schauspielerinnen, vom Theater über den Film zum Briefmarkensammeln. Dass etwas, was auch nur irgendwie mit Kultur im Zusammenhang stand, aufbewahrt, studiert und gepflegt gehörte, war mir selbstverständlich.

Der Welt des Wissens begegnete ich mit Ehrfurcht, von gescheiten Menschen war ich beeindruckt. Die Angst, womöglich nicht zu genügen, begleitete mein Jusstudium. Dass ich es dann im Schnelldurchlauf hinter mich brachte, verwunderte mich mehr als es mich freute. 

Der Respekt vor akademischen Titeln und anderen sozialen Zuschreibungen verlor sich, als ich in späteren Jahren weitere Abschlüsse an ausländischen Universitäten erwarb. Dass Diplome von sogenannt renommierten Lehranstalten selten mehr als Bestätigungen des Angepasst-Seins waren, ernüchterte mich.

Die Hoffnung, dass Wissen einen erfüllen und befreien sollte, weigerte sich hartnäckig ihren Abschied zu nehmen. Nach wie vor suchte ich in Büchern und scharfsinnigen Auseinandersetzungen nach Antworten  auf die Rätsel des Lebens, obwohl es mich zunehmend nervte, Abhandlungen von mehreren hundert Seiten über einen einzigen Gedanken zu lesen. Die Erkenntnis von Joseph Campbell, dass die Menschen nicht so sehr die Frage nach Sinn beschäftigte, sondern sie the experience of being alive vermissten, verstand ich nur intellektuell, also gar nicht.

Ich trottete weiter in den mir bekannten Pfaden, hörte nicht auf, mich darüber aufzuregen, dass die Welt nicht so war, wie sie meines Erachtens sein sollte. Und obwohl ich zu kapieren begann, dass die Welt der Kultur, von der ich mir Erlösung von meinem Leiden am Leben erhoffte, genauso eitel, korrupt und hohl war wie alles, das sich am Beifall orientiert, schaffte ich es nicht, davon abzulassen. Und sie einfach locker zu nehmen, entsprach schlicht nicht meinem Temperament.

Doch nach und nach begann ich in meinen Gefühlen einen Gedanken (Gefühle und Gedanken, die beide im Hirn entstehen, vermag ich nicht zu unterscheiden) auszumachen, der mir schon einmal, viele Jahre ist es her, den Weg gewiesen hat. So sick and tired of being so sick and tired. Ich gewöhnte mir an, darauf zurückzukommen, so dass ich mit der Zeit begriff, dass ich so nicht mehr leben wollte. Und eigenartigerweise genügte das, um mich neu zu orientieren ...

Sonntag, 14. Dezember 2025

Was Philosophie war, ist und sein kann

In unseren egomanischen Zeiten, in denen ein zum Präsident gewählter alter Mann alles ausschliesslich auf sich bezieht, ist die Auseinandersetzung mit der vorliegenden Schrift von Ulrich Steinvorth, geb. 1941, emeritierte Professor für Praktische Philosophie an der Universität Hamburg, überaus willkommen, weil da unter anderem auch auf Platons Ideen Bezug genommen wird, denen wir "ein erfahrungsunabhängiges Wissen von Tugenden und mathematischen Gegenständen" verdanken.

Aus der Wertneutralität folgt nicht, dass die Welt bedeutungslos ist. So sprach etwa Aristoteles "allen Dingen tele zu, naturgegebene Ziele, denen sie notwendig folgen." Sehr schön zeigt Autor Steinvorth auf, wie sowohl Platon als auch Aristoteles ihrer Zeit und deren Vorstellungen verhaftet sind, mithin an Götter glauben, die für das Gute bzw. Vollkommene stehen.

Spannend an dieser kurzen historischen Einführung, die auch für Laien verständlich geschrieben ist, sind insbesondere die Bezugnahmen zur Wissenschaft. Dass die Natur, weil sinnvoll, göttlichen Ursprungs sei, wird auch von Wissenschaftlern behauptet. Ulrich Steinvorth sieht das anders. "Die Natur ist auch ohne Schöpfer sinnvoll."

Zu den Fragen, mit denen sich der Autor intensiv auseinandersetzt, gehört die Willensfreiheit. Er lehnt die deterministische Sicht ab, führt den Trotz an, der nicht als vorgegebene Reaktion angesehen werden könne. Auch die Moral kommt nicht zu kurz – Kant nennt Willensfreiheit ohne Moralität Willkür , wobei Professor Steinvorth darauf hinweist, dass im Konfliktfall die Frage nach dem Sinn hinter die Moral zurücktritt, "weil die Moral der Erhaltung eines überlebenswerten Lebens dient." Es ist unser Lebenswille, der uns am Leben hält. Und diesem ist alles untergeordnet, was nur schon deswegen einleuchtet, da sich alle Fragen erübrigen, wenn man nicht mehr am Leben ist.

Was Philosophie war, ist und sein kann zeigt dieses Werk auf originelle Art und Weise. "Die Wissenschaft unterscheidet sich von der Theologie dadurch, dass sie Sinn und Absicht als immanent ansieht." Die Seinsfrage wurde im 17. Jahrhundert zur Domäne der Wissenschaft, die Sinnfrage wurde der Philosophie überlassen, die sie jedoch dem Glauben zuwies. Dann merkte man, dass diese Zuteilung zu einfach war. "Denn die Wissenschaft konnte die Seinsfrage und der Glaube die Sinnfrage nicht vollständig beantworten."

Dazu kam die Frage, wozu die Philosophie denn eigentlich noch gut sein sollte bzw. was ihre Aufgabe war? Mit "Wie die Philosophie ihre Aufgabe der Sinnklärung lösen könnte" ist ein Kapitel überschrieben, worin Ulrich Steinvorth dafür plädiert, dass etwas "um seiner willen getan oder erlebt werden" muss, damit Sinn erfahren werden könne. Es lohnt sich, bei diesem Gedanken zu verweilen, auch weil ein solches Verweilen als sinnvoll erlebt werden kann.

Was Philosophie war, ist und sein kann ist ein vielfältig anregendes Werk, das gelegentlich auch meinen Widerspruch hervorrief, wenn etwa Donald Trump oder Wladimir Putin als Ideologen bezeichnet werden, was ja impliziert, dass sie wissen, was sie tun. Nur ist es eben so, dass die meisten Menschen nicht wissen, warum sie tun, was sie tun, und Psychopathen schon gar nicht (was ihr Verhalten keineswegs entschuldigt oder gar rechtfertigt). Auch ist der Untertitel, Eine kurze historische Einführung, insofern etwas irreführend, als Autor Steinvorth viel mehr (und anderes) vorlegt, und in erster Linie zeigt, dass und wie zu philosophieren hilfreich und bereichernd ist, so man sich dabei auch mit den Erkenntnissen aus Physik und Psychologie etc. auseinandersetzt.

Ein Buchtitel (Was Philosophie war, ist und sein kann), der hält, was er verspricht. Eine Seltenheit!

Ulrich Steinvorth
Was Philosophie war, ist und sein kann
Eine kurze historische Einführung
Reclam, Dietzingen 2025

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Sadhguru: Death

Da ich Sadhgurus Die Weisheit eines Yogi in guter Erinnerung habe, gehe ich sein Death positiv gestimmt an und erfahre bereits auf den ersten Seiten, worin eines der Übel unserer Existenz liegt: Wir wissen zwar, dass wir alle eines Tages sterben werden, doch erstaunlicherweise weigern wir uns dies wahrzuhaben. Im Hindu-Epos Mahabharata heisst es: "Hunderte und Tausende von Lebewesen ereilt in jedem Auenblick der Tod, und dennoch hält sich der törichte Mensch für unsterblich und bereitet sich nicht auf den Tod vor. Das ist das grösste Wunder des Lebens." Man könnte dies allerdings auch als Blödheit, Dummheit, Ignoranz bezeichnen.

Sadhguru ist ein Yogi und so erfährt man denn auch einiges über das yogische System, wird aufgeklärt über Karma, Chakras und Reinkarnation sowie darüber, "dass es nichts im Kosmos gibt, das nicht lebendig ist." Aufschlussreich ist insbesondere seine Haltung zur Meditation. "In Wirklichkeit gibt es so etwas wie Meditation nicht. Es gibt nur Stille – viele Ebenen der Stille. Weil es aber sehr schwierig ist, den Menschen Stille beizubringen, verwendet man den Begriff 'Meditation' als eine Art Bindeglied."

Als obrigkeitsallergischer Mann werde ich zwar automatisch skeptisch, wenn ich lese der Autor sei "ein international anerkannter Vordenker und Vermittler eines ganzheitlichen und spirituellen Bewusstseins", der als Redner bei den Vereinten Nationen, dem Weltwirtschaftsforum, dem MIT sowie dem House of Lords aufgetreten ist (Eitleres und Eingebildeteres als solche Institutionen ist schwer vorstellbar), doch vieles, was in diesem Buch zu lesen ist, ist überaus nützlich, da weit weg von der westlichen Konsummentalität.

Sadhguru ist ein erfrischender Denker, dessen Einsichten in persönlichen Erfahrungen gründen .So hat er als Junge viel Zeit auf dem Einäscherungsplatz verbracht und dabei gesehen, wie halb verbrannte Leichen in den Fluss geworfen wurden: "Und es ist wirklich sehr gut für dich, zu sehen, dass die Menschen auch dich eines Tages so behandeln werden."

Unser Verstand lehnt den Tod ab, so Sadhguru, was nicht zuletzt daran liegt, dass wir eine falsche Vorstellung vom Tod haben. Überhaupt hegen wir viele falsche Vorstellungen. fas liegt daran, "dass du den Überblick verloren hast, wer du in diesem Universum bist." Am Rande: Auch die unsinnige Eigenart, deutsche Bücher mit englischen Titeln zu versehen, ist Ausdruck davon.

Was soll ich mich um den Tod kümmern? Ich merke eh nichts von ihm, wenn ich einmal nicht mehr bin, so denken wohl die meisten. Sadhgurus Sichtweise ist gänzlich anders. "Der Übergang vom Physischen zum Nicht-Physischen ist der grösste Augenblick in deinem Leben. Ist es also nicht von grosser Wichtigkeit, dass du ihn so würdig und wundervoll wie möglich gestaltest?"

Auch zum Selbstmord macht er sich Gedanken. "In den Vereinigten Staaten sterben momentan jedes Jahr mehr Menschen durch Suizid als durch Mord und Krieg zusammen, und in letzter Zeit überwiegt die Zahl der Selbstmordopfer sogar die der Verkehrstoten." Dass da einiges im Argen liegt, ist offensichtlich, doch Sadhguru kritisiert nicht den amerikanischen Traum, sondern wird grundsätzlich: Würden wir verstehen, dass wir im Kontext der ganzen Schöpfung ein Nichts sind, "dann wirst du heilfroh sein, dass du zumindest atmest, dass dein Herz schlägt, dass du am Leben bist und alles soweit klappt."

Wir leben in einer Scheinwelt, wollen nicht wahrhaben, dass die Sterblichkeit "die grundlegendste Tatsache unserer Existenz" ist. Uns ist aufgegeben, damit zurechtzukommen, sonst "bleibt unsere Lebenserfahrung auf das physische Selbst und den Körper beschränkt." Der Autor hält dies für eine falsche Sichtweise, da ihr seine eigenen Erfahrungen entgegenstehen,

Zu den Vorzügen von Death zählen die eingestreuten Geschichten, die hervorragend geeignet sind, die zahlreichen theoretischen Ausführungen zu illustrieren. Im Gegensatz zu wohl den meisten Büchern über den Tod, geht es hier nicht alleine darum, gut zu leben, sondern "den Moment des Übergangs von der Körperlichkeit ins Nichtkörperliche, vom Zustand der Verkörperung zum Zustand der Entkörperung, in grösstmöglicher Bewusstheit und Würde zu begehen."

Man braucht die rechte Anschauung, um zu verstehen, dass es ein Wunder ist, dass es uns überhaupt gibt – und dass Leben und Tod keine Gegensätze sind, sondern zusammengehören. 

Fazit: Ein vielfältig anregendes, grundsätzliches und hilfreiches Plädoyer für ein waches Dasein, zu dem entscheidend die Würde gehört.

Sadhguru
DEATH
Die Weisheit eines Yogi über die Kunst 
von Leben und Sterben
O.W. Barth, München 2025

Sonntag, 7. Dezember 2025

Die Flüchtigkeit des Lebens

Das ist noch nicht mein Leben, dachte es die meiste Zeit meines Lebens so in mir. Dass das lächerlich ist, weiss ich, doch wer kommt schon gegen seine Gefühle an. 

Statt unserem Verstand die ihm gehörige Rolle zuzugestehen, glorifizieren wir die Gefühle, berufen uns auf Instinkt, Intuition und Bauchgefühl, denen wie sowieso ausgeliefert sind. 

Meine Gefühle verleiten mich zu vielem, was mir nicht bekommt; so wollen sie etwa nichts wissen von Endlichkeit, auch wenn diese dem Verstand einleuchtet. Doch es gibt Momente, in denen das Herz zu erfassen scheint, was der Vernunft schon lange klar gewesen ist. Ich kann heute sterben, ging mir letzthin beim Aufwachen durch den Kopf. Gut möglich, dass dieser Gedanke auch deshalb mein Herz erreichte, weil es mir tags zuvor geradezu unfassbar erschien, dass der neue Papst jünger ist als ich selber bin. Jedenfalls kam ich während dieses Tages immer mal wieder darauf zurück, was mir dieses Heute nicht nur sehr eigenartig, sondern gänzlich unfassbar erscheinen liess. 

Wie einen Traum erlebte ich diesen Tag, an dem ich bei Richterswil dem Zürichsee entlangging, Fotos machte, und mit einem jungen IT-Mann mit Hund ins Gespräch kam. Ein anderer Mann, ebenfalls mit Hund, kommentierte dessen ausgiebiges Rumschnüffeln an Allem und Jedem mit „Hundezeitung“ (der Hund informiere sich gerade, wer wann und von wo hier durchgekommen sei). Mir dabei immer wieder von Neuem ins Gedächtnis zu rufen, dass jederzeit alles zu Ende sein kann, verscheuchte meine Ängste, erlaubte mir immer wieder von Neuem, die Gegenwart zu erleben.
Fotos zeigen bekanntlich, was sich in einem bestimmten Moment vor der Kameralinse befunden hat. Fotografieren bedeutet Festhalten-Wollen. Zu wissen, dass man nichts festhalten kann, dass der Glaube, man könne es, eine Illusion ist, hat das Potential, Fotos zu dem zu machen, was sie auch sein können: Erinnerungen an die Flüchtigkeit des Lebens.

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Von der Faszination des Alltags

 Aussergewöhnliches, Spektakuläres hat mich nie gereizt; bei sogenannt grossartigen Taten wie der Besteigung des Mount Everest wunderte ich mich jeweils: Wozu das Ganze? Nichtsdestotrotz: Respekt, ja Bewunderung für aussergewöhnliche Leistungen wie etwa die Mondlandung oder die Errungenschaften der Wissenschaft sind mir nicht fremd, im Gegenteil.

Seit meiner Jugend fasziniert mich das Gewöhnliche, das Unspektakuläre, das sogenannt Banale. Das geht von Reihenhaussiedlungen bis zu endlos weiten Ebenen, von Unterhaltungen mit Schuhmachern und Buschauffeuren zum gelassenen Durchstreifen von unauffälligen Nebenstrassen mir unbekannter Städte. Robert M. Pirsig hat in seinem Zen und Die Kunst, ein Motorrad zu warten notiert, die Dakotas seien ihm deshalb so lieb, weil sie nichts Besonderes versprächen und deshalb auch nichts einlösen müssten.

Warum dem so ist, kümmert mich heute wenig. Wie schrieb doch Wilhelm Busch in Der Schmetterling: „Kinder, in ihrer Einfalt, fragen immer und immer: warum? Der Verständige tut das nicht mehr; denn jedes Warum, das weiss er längst, ist nur der Zipfel des Fadens, der in den dicken Knäuel der Unendlichkeit ausläuft, mit dem keiner recht fertig wird, er mag wickeln und haspeln, so viel er nur will."

Im Nachhinein, so scheint mir, hat diese Faszination für das Alltägliche mein Leben geprägt. Ja, mehr noch: Wenn meine Einsichten und Erkenntnisse meinen Alltag nicht zu verbessern vermögen, so dachte und so denke ich, sind sie bestenfalls interessant. Hilfreich sind sie nicht.

Was ich von mir lieben Verstorbenen erinnere, sind nicht ihre Werke, sondern ihre Alltagspräsenz. Von Laurence, ihre Wärme und ihren Witz; von Irène, ihr Lachen und ihre Neugier; von Lucette, ihr hilfsbereites, pragmatisches Naturell, von Valérie, ihre Freude am Spielerischen.

***

Unserer Kultur des Wettbewerbs, des Einzigartigen und des Speziellen, ist nur schwer zu entgehen. So stellte ich mir jahrelang vor, dass, wenn ich etwas ändern wolle, dies nur an einem speziellen Tag möglich sei. Und obwohl ich zu wissen glaubte, dass ein solches Denken völlig unsinnig ist, ereigneten sich entscheidende Veränderungen in meinem Leben an sehr speziellen Daten. Keinen Alkohol mehr seit dem 1.1.1990; keine Zigaretten mehr seit dem 9.9.1999.

Nichtsdestotrotz weiss ich, dass so recht eigentlich jeder Tag ein spezieller Tag ist. Damit dieses Wissen auch Folgen hat, muss ich mich jeden Tag mehrmals daran erinnern – und dann entsprechend handeln, und das meint: Die Dinge langsam tun, immer mal wieder innehalten und mich daran erinnern, dass dieser Tag und dieses Jetzt, so weit wir wissen, nur gerade in diesem Moment existieren. Meistens scheitere ich daran, dass ich schnelle und anhaltende Resultate erwarte. Mir dies bewusst zu machen, lässt mich geduldiger üben.

Alltag bedeutet mir, dass dieser Tag alles umfasst, das mein Leben ausmacht.

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In der Schule wurden wir dazu angeleitet, etwas aus unserem Leben zu machen. Etwas wollen, sollten wir, und nicht etwa bloss aus dem Fenster schauen. Sich zu konzentrieren war angesagt, auf dass wir nicht auf blöde Gedanken kämen. Nie wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Existenz zuallererst ein Wunder ist. Und dass es darum gehen sollte, sich dieses Wunders bewusst zu werden.

Dass die Schule dazu da ist, uns ins herrschende System zu integrieren, leuchtet ein, denn der Mensch sucht Stabilität, und dazu verhilft ihm das System. Dabei wird völlig ausser Acht gelassen, darauf hinzuweisen, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass es uns überhaupt gibt, wir gehen, atmen und uns verlieben können. Und dies führt letztlich dazu, dass wir mit uns und allem um uns herum nicht pfleglich umzugehen wissen.

Hinschauen und etwas auf mich wirken lassen; mein Unbewusstes weiss selber, was damit zu tun ist. Ich muss es nur lassen. Não pense, veja (Denke nicht, schau) hat es ein brasilianischer Zen-Buddhist einmal formuliert.

Santa Cruz do Sul, 7. Februar 2025

Sonntag, 30. November 2025

Das Spiel, das nicht wir spielen

Montbéliard, am 11. Juli 2025

Ich durchstreifte mehrere Länder und beschäftigte mich mit Dingen, die sich aus nichts zu etwas entwickelten und dann wieder zu nichts zerfielen, bis das Schicksal mich schliesslich nach Amsterdam zurückbrachte. Die Kräfte, die mich trieben, waren jenseits meiner Kontrolle. Wieder einmal war ich ein  Hampelmann, eine durch Fäden und metallene Haken bewegte Marionette, die in unverständlicher Weise programmiert ist und mal hier, mal dort heruntergelassen wird, um ihren kleinen Tanz fortzusetzen. Aber es war ein Tanz geworden und kein deprimierendes, schmerzhaftes Gestampfe mehr. Ich hatte angefangen, Spass an dem Spiel zu finden, das irgendeine Kraft oder Kräfte mit mir spielten.

Janwillem van de Wetering: Ein Blick ins Nichts

Mittwoch, 26. November 2025

Das Geschäft mit der Sucht

Seit fünf Jahren fährt Joel im Rettungswagen, er ist abhängig von Pillen. "Das Leben in der Abhängigkeit ist einsam, und die einzig wichtige Beziehung ist die zum Stoff." Seine Kollegen wissen Bescheid, trotzdem versteckt er seinen Konsum. Wie alle Drogenabhängigen hat er so seine Momente, wo er damit aufhören will. Und andere Momente, in denen er am liebsten für immer einschlafen würde.

Dora ist Ermittlerin bei der Polizei. Auch sie ist abhängig von Tabletten und besucht Treffen der Anonymen Alkoholiker, von denen die meisten Rückfälle erleiden. Ein Kollege, von dem sie vermutet, er habe ein Alkoholproblem, unterstützt sie. Sie unterlässt es, ihn auch zu den Treffen zu drängen; sie weiss, dass Drängen nichts nützen würde.

Doras Polizeikollege Rado, ein alleinerziehender Vater, ist von der Kriminalpolizei in die Rauschgiftabteilung gewechselt. Sein Bruder Zeljko verdient als Profi-Killer sein Geld und hatte einst versucht, Dora umzubringen, was sich wie eine Parodie aus einem Lehrbuch für Kriminologie liest: Der eine wird Polizist, der andere kriminell.

Joel, der Rettungssanitäter, wird tot aufgefunden. Dora, die wusste, dass Joel ein Suchtproblem hatte, und Rado werden auf den Fall angesetzt. Dann stirbt ein dreijähriges Mädchen, dessen Eltern drogenabhängig sind und dessen Grossvater ein Grossdealer ist, und Dora will einen Versuch mit Halluzinogenen wagen.

Doch ich will hier nicht die Handlung dieses abwechslungsreichen in Island ("Isländer haben eine lange Geschichte von Suchtkrankheiten, schon die ersten Siedler betranken sich mit Bier und berauschten sich mit Pilzen.") spielenden Krimis nachzeichnen, sondern hervorheben, was ihn zu einer wirklich tollen Lektüre macht.

Da sind etwa die vielfältigen Bezüge zum Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker, das ich allen Therapieansätzen weit überlegen finde, weil bei diesen Treffen die Leute aus eigener Erfahrung wissen, wovon sie reden. Dass Jón Atli Jónasson die Treffen sachlich und mit einen Blick für die Absurditäten der menschlichen Selbstinszenierung schildert, ist eine besondere Freude. "Als Nächstes tritt ein Mann in schwarzem T-Shirt und Anzug mit Frisur im Achtziger-Jahre-Stil ans Rednerpult (...) Der Mann ist Musiker, hatte vor über dreissig Jahren einmal einen grossen Hit, von dessen Erfolg er immer noch zehrt (...) Am Ende seines Vortrags betont er noch, dass er ohne Demut heute nicht clean wäre. So etwas zu sagen und dabei ein T-Shirt mit einem Bild von sich selber zu tragen, muss man erst mal bringen." Wunderbar!

Und da sind die schlauen Beobachtungen, die Autoren eigen sind, die mit einem nüchternen Blick durch die Welt gehen. "Man darf sein Leben ungestört ruinieren, solange man zur Arbeit erscheint und sein Ding macht, überlegt Dora." Oder: "Sie weiss sogar die genaue Fläche, das Einkaufszentrum ist 62000 Quadratmeter gross – aber gleichzeitig kann sie sich nicht mehr daran erinnern, mit wem sie zum ersten Mal Sex hatte." Oder: "Rado konnte ihn schon immer direkt durchschauen. Er sieht irgendeinen Kern, der ihm selbst verborgen ist."

Gift habe ich hauptsächlich als einen Krimi über Sucht gelesen; die Aufklärung, die er bietet, sollte aufrütteln. "Wenn man von Überdosis spricht, klingt es für Dora so, als gäbe es auch eine normale Dosis, so etwas wie eine empfohlene Tagesdosis. Und wer von einem Suchtproblem spricht, redet ihrer Meinung nach eine lebensgefährliche, unheilbare Krankheit klein. Man spricht schliesslich auch nicht von einem Krebsproblem."

Gut geschriebene, fesselnde Krimis lehren mich mehr über die Welt ("In den USA stirbt alle fünf Minuten jemand an einer Überdosis Fentanyl, dagegen war Covid ein Witz.") als die Nachrichten. Gift ist einer dieser gut geschriebenen, fesselnden Krimis.

Jón Atli Jónasson
Gift
Ein Fall für Dora und Rado
FISCHER Scherz, Frankfurt am Main 2025