Sehr schön zeigt
Eberhard Rathgeb auf wie die drei Philosophen quer zum Zeitgeist
standen. Die moderne Gesellschaft gründete auf dem Zusammenleben,
das den Kompromiss erforderte – und dieser war ihnen fremd. „Das
19. Jahrhundert kannte viele Kritiker der Gesellschaft, aber nur ganz
wenige, die sich dem Sog der Moderne verweigerten und radikal Neues
probierten.“ Ich fühlte mich an Wittgenstein
erinnert, der gemäss seinem Biographen Ray Monk nicht bereit zur
Diskussion war, wenn er eine Einsicht durch Inspiration gewonnen
hatte.
Als Einzelgänger
charakterisiert Autor Rathgeb die drei; als aristokratischen
Radikalismus bezeichnet er, was sie vereint. „Das Gespräch der
Zeitgenossen über Gewinn und Gerechtigkeit, Demokratie und Eigentum,
fand ohne sie statt.“ Wie wünschte man sich solche Denker, die
sich dem Mainstream verweigern, doch auch in der heutigen Zeit!
Die Kapitelüberschrift
„Der Mensch ist nicht frei“ fasst Schopenhauers Denken treffend
zusammen, denn der Mensch folgt dem in ihm angelegten Charakter. Auch
E.T.A. Hoffmann sowie Kleist und später die Psychoanalyse sahen den
Menschen von Kräften regiert, die den Vernunftgläubigen zuwider
waren. Es sind auch Hinweise wie diese, die mich dieses Werk schätzen
machen. Auch die moderne Hirnforschung bestätigt übrigens, dass das
Gehirn nicht unwesentlich als Rationalisierungsinstrument zum Einsatz
kommt.
Dass Schopenhauer von
den an Universitäten Lehrenden nicht willkommen geheissen wurde,
erstaunt wenig, was hingegen verblüfft (zugegeben, ich rede von
mir), ist, dass er sich darob grämte. Da hatte er doch mit Die
Welt als Wille und Vorstellung ein
grundlegendes Werk geschrieben, das nicht nur Theorie, sondern von
praktischem Nutzen war – doch die Anerkennung blieb aus! Und genau
das, jedenfalls für mich, zeichnet ihn doch geradezu aus.
Schopenhauer gewann
seine Erkenntnisse durch Anschauung. „Dass sein Werk nicht auf
begrifflichen Ableitungen, sondern auf Anschauungen gegründet sei,
hat er immer wieder hervorgehoben.“ Eberhard Rathgeb vergleicht die
philosophische Erfahrung beim Abfassen von Die
Welt als Wille und Vorstellung
mit einer Reiseerfahrung, die ich so wunderbar finde (schon allein
deswegen lohnt sich für mich dieses Buch), dass ich sie in voller
Länge zitieren will.
„Er sah aus dem
Fenster der Kutsche, sah Wiesen, Felder und Dörfer, Städte, Berge
und Flüsse an sich vorbeigleiten, sah sich selbst in der Kutsche
sitzen und die Gegend betrachten und spürte sich als einen winzigen,
durchgerüttelten Teil eines grossen unbekannten Ganzen, das zu
ergründen auf einer Reise nicht gelingen konnte. Die Welt nahm ihn
nicht zur Kenntnis, sie wies ihn ab, er war ihr egal. Die Bilder, die
er von ihr erblickte, wenn er aus dem Fenster der Kutsche spähte,
tauchten nur für Augenblicke auf und verschwanden sofort wieder. Die
Landschaften zwischen London und Nîmes gingen unter, wenn er sie
nicht als Vorstellung festhielt, so, wie er in der Fremde
letztendlich einsam und verloren war und dort nur überleben konnte,
wenn er, in den schwarzen Kasten des Ich gesperrt und von
Pferdekräften davongetragen, mit philosophischem Gleichmut sitzen
blieb und das Gefühl von Kommen und Gehen, Werden und Vergehen wie
Luft einatmete und ausströmen liess und dem Weg folgte, den nicht
er, sondern ein ihm fremder Kutscher zu kennen schien.“
Die Entdeckung des
Selbst ist auch eine
Einführung in das Werk dieser drei Philosophen, das nicht getrennt
von deren Leben abgehandelt wird – im Gegenteil. Schopenhauer,
Kierkegaard und Nietzsche, bei aller Verschiedenheit, waren definitiv
selbstherrliche Egomanen, allerdings keine Rechthaber, denn sie
hatten (und haben) Recht. Jedenfalls sehe ich das so. Werde,
der du bist, mit dieser
Aufforderung lassen sie sich fassen.
Die drei Aussenseiter,
so der Autor, dachten vom Gefühl aus. Sie schreiben über sich
selbst, bemühen sich um ihre subjektive Wahrheit. Ihre Schriften
sind sowohl Selbstfindung wie auch Selbstinszenierung. „Kierkegaard
war bis zum letzten Atemzug ganz bei sich, und dies mit einer
Intensität, wie sie nur wenigen Menschen eigen ist.“
Wie jedes Buch, so
lädt auch Die Entdeckung
des Selbst zur
Identifikation ein. Mir selber stehen Schopenhauer und Nietzsche
näher als Kierkegaard (die Gründe interessieren mich wenig,
konventionellen Interpretationen misstraue ich; mir genügt, es zu
konstatieren); Eberhard Rathgeb inspirierten die drei unter anderem,
sich ausführlich und kenntnisreich mit Malern wie Degas oder Manet
zu befassen, die er als „stumme Philosophen“ bezeichnet, die
zeigen anstatt in Worte zu kleiden. „Die Maler können einen
Augenblick zeigen, was jedem Schriftsteller und jedem Philosophen
verwehrt ist, die beide auf Wörter angewiesen sind, flüchtige Wesen
ohne Form und Farbe, die sich vor die sichtbare Welt schieben und den
Augenblick in Sätzen verdunkeln und untergehen lassen.“
Selten ist mir
deutlicher geworden, dass seit dem 19. Jahrhundert die
gesellschaftlichen Bestrebungen in der Integration gipfeln, dass
seither der Akzent auf Eigeninitiative und Reformen sowie dem
Kompromiss liegt. Im Gegensatz dazu stellten sich die drei
Einzelgänger „an den Rand des Abgrunds und atmeten die kalte Luft
der Erlösung im kosmischen Willen, in Gott, im Amor
fati.“
Nicht zuletzt ist Die
Entdeckung des Selbst auch
ein wahrhaft aktuelles Buch, denn das Leben, „erklärte Nietzsche
mit Schopenhauer, war grausamer und wilder als jeder theologische,
historische und moralische Sinn, mit dem Rationalisten es zu bändigen
und in eine trügerische Ordnung zu zwingen suchten.“ Der
Ukraine-Krieg zeigt gerade, dass unsere üblichen Vernunft-Ansätze
vor der Realität versagen.
Fazit: Wunderbar
inspirierend! Ein wesentliches, überaus hilfreiches Werk.
Eberhard Rathgeb
Die
Entdeckung des Selbst
Wie Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard
die Philosophie revolutionierten
Blessing, München 2022