Mittwoch, 14. November 2018

„Tu immer das, was den grössten Mut erfordert."

Wir leben in eigenartigen Zeiten: Für alles und jedes gibt es Kurse, braucht es Diplome, muss man sich qualifizieren. Als die Journalistin Ilka Piepgras, aufgerüttelt durch das tödliche Herzversagen ihres gerade einmal fünfzigjährigen Nachbarn, sich mit dem Tod auseinandersetzen will, beschliesst sie eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin zu machen. „Hier lernt man Unvoreingenommenheit wie woanders Stricken oder Russisch. Es ist eine Schule der Vorurteilslosigkeit."

Ob man Vorurteilslosigkeit wirklich in einem Kurs lernen kann, sei einmal dahingestellt, doch Ilka Piepgras lernt als Sterbebegleiterin Einiges, zum Beispiel, „den eigenen Turbo-Lebensrhythmus der langsamen Gangart eines verlöschenden Menschen unterzuordnen. Raum und Zeit verschwinden dann, die Welt entfernt sich kolossal, und ich trete so stark mit mir selbst in Verbindung wie sonst nie."

Natürlich hört sie auch Hilfreiches in ihrem Kurs, jedoch: „Im Hospiz bin ich gezwungen, mich komplett auf mich selbst zu verlassen, auf Intuition und Instinkt. Kein akademischer Grad, kein beruflicher Erfolg ist hier von Bedeutung, weder Status noch Reputation. Es geht um das Leben, um seine Schwere und Schönheit", schreibt sie in Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr.

Ilka Piepgras erzählt nicht nur Geschichten vom Sterben, das ganz unterschiedlich sein kann - langsam oder abrupt, schwer oder leicht - , sondern auch davon, wie Hinterbliebene mit dem Tod umgehen. Etwa Karima Banit, die ihren Sohn durch einen Motorradunfall verlor, was ihre Sicht aufs Leben sehr verändert hat. Sie habe heute keine grosse Angst mehr, vor gar nichts, das sei eine Art Befreiung, sagt sie, denn schlimmer könne es nicht werden, weil sie ja die existenzielle Erfahrung bereits gemacht habe. Der Gedanke, einmal zu sterben, berühre sie weniger als vorher.

Was Ilka Piepgras' Erzählen unter anderem auszeichnet, ist ihr eigenes Präsentsein in den Geschichten, die sie schildert. Sie hört zu, ist wissensdurstig und lernwillig. Und lässt den Leser daran teilnehmen, was das, was sie erlebt, bei ihr auslöst, wie es auf sie wirkt. „Plötzlich habe ich das Gefühl, als dehnte und weitete sich das Leben. Als wäre mit dem Tod längst nicht alles vorbei. Neue Räume öffnen sich. Vielleicht ist es an der Zeit, ein paar Schulweisheiten über Bord zu werfen und aufgeschlossen für das Metaphysische zu sein. Dem Verborgenen mehr Bedeutung zu geben und nicht nur dem Aufmerksamkeit zu schenken, was man sieht und liest."

Es versteht sich: So positiv gestimmt ist Ilka Piepgras nicht immer, sie hat, wie wir alle, auch ganz andere Momente. Schliesslich können Besuche in Altenheimen einen auch frustrieren. „Mich widert es an, das Sterben und mehr noch der Verfall in der Zeit davor, das Freudlose und Hässliche, der Stumpfsinn und die Geistlosigkeit - kurz, das lange Warten auf den Tod. Ich habe die Nase voll von dieser kleinmütigen Welt, die nach Urin und abgestandenem Schweinshack riecht, habe genug von ihren ausgeleierten Körpern und notdürftig übertünchter Hoffnungslosigkeit." Doch auch diese Gefühle, wie Gefühle überhaupt, halten nicht an.

Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr hält, was der Titel verspricht. Vom schwer kranken katholischen Theologen und Jesuiten Medard Kehl lernt sie, dass es nicht darum geht, „was der Verstand für wahr hält, sondern darum, wonach man sein Leben ausrichtet. Um die Geisteshaltung." Und von der 84jährigen Künstlerin Mary Bauermeister, die das ganze Leben als Schulprogramm, als Gelegenheit zum Üben versteht, kriegt sie den Rat: „Tu immer das, was den grössten Mut erfordert. Geh darauf zu, wovor du Angst hast, und du wirst wunderbare Dinge erleben."

Es sind solche überzeugenden Sätze, die mir dieses Buch wertvoll machen. Weniger überzeugend empfand ich hingegen so platt-verallgemeinernde Aussagen wie „Der moderne Mensch plant die Entscheidung, wo und wie er sterben will, ähnlich strukturiert wie die Entscheidung, eine Reise zu buchen oder eine neue Küche zu kaufen." Oder: „Mit 50 schämt man sich für sein Alter, und mit achtzig ist man, wenn es gut läuft, froh, am Leben zu sein. In der Zeit dazwischen altert man."

Berührt fühlte ich mich besonders von Ilka Piepgras' Schilderungen ihres persönlichen Erlebens und Nachdenkens. Als sie einmal im August an der französischen Atlantikküste entlangläuft, notiert sie: „Inmitten all der Menschen, die gewaltige Brandung des Meeres im Ohr und vor Augen, durchfuhr mich plötzlich ein Gefühl von Vergänglichkeit, nur einen Moment lang habe ich das so empfunden, habe physisch gespürt, wie begrenzt meine Existenz ist und wie stark ich gleichzeitig mit meiner Umgebung verbunden bin. Ein kurzer Moment, so durchdringend, dass er bis heute nachklingt. Ist das gut oder schlecht? Ich weiss es nicht, aber was ich weiss, ist das hier: Sie fühlt sich fast religiös an, diese Eingebundenheit in die reale Welt."

Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr ist ein sehr informatives, erfreulich nüchternes und lebensphilosophisches Buch. Gedanken wie die des Theologen Gisbert Greshake, der meint, der Mensch sei umso mehr Mensch, als er nicht um sich selbst kreise, finde ich ausgesprochen hilfreich. Genauso wie die Erkenntnis der Kolumnistin Lucy Kellaway: „Der Tod konfrontiert dich mit der Frage, ob das, was du tust, auch das ist, was du tun willst. Seine Brutalität bringt alles Gewohnte durcheinander." 

Ilka Piepgras 
Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, 
und dabei eine Menge über das Leben erfuhr 
Droemer Verlag, München 2017

Mittwoch, 7. November 2018

The Master of my Fate

Out of the night that covers me,
Black as the pit from pole to pole,
I thank whatever gods may be
For my unconquerable soul.
In the fell clutch of circumstance
I have not winced nor cried aloud.
Under the bludgeonings of chance
My head is bloody, but unbowed.
Beyond this place of wrath and tears
Looms but the horror of the shade,
And yet the menace of the years
Finds and shall find me unafraid.
It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll,
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul.

William Ernest Henley, 1849 - 1903

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Taking care of ourselves

It’s healthy, wise, and loving to be considerate and responsive to the feelings and needs of others. That’s different from caretaking. Caretaking is a self-defeating and, certainly, a relationship-defeating behavior—a behavior that backfires and can cause us to feel resentful and victimized—because ultimately, what we feel, want, and need will come to the surface. 

Some people seem to invite emotional caretaking. We can learn to refuse the invitation. We can be concerned; we can be loving, when possible; but we can place value on our own needs and feelings too. Part of recovery means learning to pay attention to, and place importance on, what we feel, want, and need, because we begin to see that there are clear, predictable, and usually undesirable consequences when we don’t. 

Be patient and gentle with yourself as you learn to do this. Be understanding with yourself when you slip back into the old behavior of emotional caretaking and self-neglect. 

But stop the cycle today. We do not have to feel responsible for others. We do not have to feel guilty about not feeling responsible for others. We can even learn to let ourselves feel good about taking responsibility for our needs and feelings. 

Mittwoch, 24. Oktober 2018

The promise of recovery

The Twelve Steps are a suggested program of recovery, not a cure. We can follow them and live a healed life, but we never develop immunity to our addictions and codependency. We remain vulnerable to slips, binges, and a return to old behaviors. If that has happened to us, our first need is to find a way back to the program. A slip may speak the blatant truth we avoided before. One's complete honesty following a slip has sometimes been the way to renewed knowledge of their powerlessness. There is no value in feeling more shame and self hate in the aftermath of a slip. We need to accept we are incomplete and imperfect human beings. Recovery will come, not from shame, but from honestly accepting our powerlessness and the help we need.

The promise of recovery in this program, a healed life, is just as available after a slip as it ever was. It takes absolute commitment, a willingness to face the pain and hardship. Then we are freed again to engage fully in the joy and the awe of life.

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Life is painting a picture

As we go about our activities, we will have a richer day when we think of ourselves as painting a picture instead of keeping score. Rather than woodenly completing a task, we might approach it as something that can be made interesting. Instead of driving to work or riding the bus only to reach our destination, we might think of this routine as part of the picture we paint today. When a friend makes a comment, we might think of it as another brush stroke in our painting and join in with him, rather than making a game or contest, which we must try to win.

Many of us were taught that success means having the highest score. So we have become compulsively competitive - always trying to be right, always striving for more financial security, or always pushing ourselves for some new achievement. Success may not be coming out on top. When our lives are lived as rich and interesting pictures, we find our rewards are far deeper and more lasting.

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Ein Weg zu Liebe und Gelassenheit

Der Buchumschlag ist ähnlich gestaltet wie der von Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück, dem überaus gelungenen und hilfreichen Vorgänger des vorliegenden Das Meer weist keinen Fluss zurück. Und so erwarte ich mir etwas ähnlich Überzeugendes, bin dann aber recht schnell irritiert, weil Abt Muho, wie der 1968 in Berlin als Olaf Nölke geborene Autor heute heisst, auf den ersten Seiten nichts mich Überraschendes, sondern nur ziemlich Triviales von sich gibt. Über die Liebe der Mutter, der Heimatliebe und darüber, dass er mit seinen Kindern (er lebt in Japan und ist mit einer Japanerin verheiratet) kein Deutsch sprechen will.

Er berichtet von seiner Kindheit und Jugend, von der Schule, den ersten Feinden, den ersten Freunden, der ersten Liebe. Das ist ansprechend erzählt, doch ich hatte mir Anderes erwartet. Nicht, dass ich eine genaue Vorstellung davon gehabt hätte, aber mit Olaf Nölkes Lebenslauf hatte ich bei einem „Weg zu Liebe und Gelassenheit“, so der Untertitel, nicht gerechnet. Andrerseits: Handelt nicht jedes Buch notwendigerweise von den Erinnerungen, Interessen und Einsichten des Autors?

Abt Muho führt unter anderem aus, was Christentum und Buddhismus zur Liebe sagen. Der Ausgangspunkt der beiden könnte verschiedener gar nicht sein: Im Buddhismus geht es darum, selbst zum Buddha zu werden. „Denn nur der, der selber zum Buddha wird, ist vom Leiden befreit und damit erlöst. Anders im Christentum. Ein gläubiger Christ mag zwar versuchen, Jesus nachzufolgen. Aber er wird nicht zu Gott werden wollen. Er weiss, dass er nur durch das Wirken Gottes erlöst werden kann.“

Schlagartig wird mir in aller Deutlichkeit klar, weshalb mich, der ich katholisch aufgewachsen bin, der Buddhismus (genauer: einige für mich wesentliche Aspekte des Buddhismus) immer angezogen hat: Zuerst kommt die Selbstliebe. Die Liebe zum Nächsten wird sich daraus ergeben.

Im Christentum gibt es eine klare Trennung zwischen Gott und dem Menschen. Der Christ glaubt, dass sich der Mensch nicht aus eigener Kraft erlösen kann – deshalb ist Jesus für die Erlösung der Menschen am Kreuz gestorben. „Buddha hingegen ist kein Gott. Deshalb steht jedem Menschen der Weg offen, selbst zum Buddha zu werden. Als der Inder Shakyamuni zum Buddha wurde, hat er das nicht getan, um dadurch die Menschheit zu erlösen. Vielmehr hat er ein Beispiel gesetzt, dem wir folgen sollen.“

Ausführlich erläutert Abt Muho, welche Hilfestellungen der Zenmeister Dogen für die Praxis der Liebe im Alltag gibt. "Gewöhnlich denkt man, dass man jetzt hier lebt und irgendwann, an einem hoffentlich noch sehr fernen Tag, sterben muss. Eine klare Trennung, die aber trügt. Denn wir sterben bereits heute, an genau diesem Tag. Jetzt. Jeder Tag des Lebens ist auch ein Tag des Sterbens. Leben und Sterben gehören fest zusammen. Man kann sie nicht trennen." Und was hat das jetzt mit der Liebe im Alltag zu tun? Diese Grundhaltung akzeptiert das Leben wie es ist. Und das meint: Es geht darum, alles anzunehmen, wie es ist. Auch sich selbst (das ist das Schwierigste). Und den geliebten Menschen. Mit Gelassenheit.

Das Meer weist keinen Fluss zurück ist kein Rezeptbuch, sondern eine Auseinandersetzung mit grundlegenden Lebensfragen. "'Ich verstehe nicht, warum die Menschen sich hassen!' Wer so spricht hat tatsächlich nichts verstanden und droht, seine Beziehung zu dem oder den anderen gegen die Wand zu fahren. Der Ursprung von Zwietracht und Hass liegt immer auch in einem selbst. Und wirklich zu lieben, muss man wissen, dass man auch hassen kann. Sonst droht ein böses Erwachen."

Abt Muho
Das Meer weist keinen Fluss zurück
Ein Weg zu Liebe und Gelassenheit
Berlin Verlag, München 2018

Mittwoch, 3. Oktober 2018

How shall I live?

On our recovery path we sometimes fall into a hole. As we get more in touch with ourselves and with reality, we might be overwhelmed, frightened, or depressed. Many of us have asked, "How can it be that I live life with such struggle and hard work only to die in the end?" In recovery we no longer have our anesthetic, our drug of choice, our excesses and controlling behaviors to dull this painful awareness.

Growing as a human being means becoming more aware of these dark truths and not being paralyzed by them. We accept death and choose life. That means we live fully in the present. We choose relationships with others. We appreciate the beauty of creation and seek to know the will of God. In recovery, we choose to live this day fully, in contact with friends and loved ones, appreciating the beauty around us, and helping those we can.