Mittwoch, 11. Oktober 2017

Innehalten

So recht eigentlich sagt der Titel "Innehalten" schon alles, denkt es so in mir, bevor ich das Buch überhaupt aufgeschlagen habe, und bin dann positiv überrascht, wie viel man dazu noch sagen kann.

Von Martin Heidegger habe ich einmal gelesen, dass er darüber gestaunt habe, dass es tatsächlich etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich bei Fleur Sakura Wöss auf diese Sätze stiess: "... dass das Konkrete, Materielle, das, was ist, nur eine Seite darstellt. Das, was nicht ist, kann jedoch genauso wichtig, manchmal sogar wichtiger sein. Heute, in der Zeit des 'Alles ist möglich', sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir für unser Überleben dem Leeren und den Zwischenräumen unsere Aufmerksamkeit schenken sollten. Wir brauchen eine Revolution der Leere."

Warum können wir so schwer innehalten?, fragt die Autorin. Es ist dies keine abstrakte Frage, sie stellt sie sich selber, denn sie tanzt auf allen Hochzeiten, funktioniert, macht Karriere, ist vom selben Anerkennungsbedürfnis getrieben wie wir alle. "Ich konnte nicht mehr stehen bleiben. Irgendwo sind mir die Zwischenräume abhanden gekommen, in denen ich Zeit gehabt hätte, mich zu fragen: 'Werde ich von meinen Bildern und Vorstellungen getrieben, und habe ich tatsächlich noch die Zügel in der Hand?'"

"Immer wieder innehalten: täglich, wöchentlich, jährlich, lebenslang" ist ein Kapitel überschreiben und das fasst so recht eigentlich zusammen, worum es in diesem Buch geht. Fleur Sakura Wöss führt diesen Gedanken an ganz vielen konkreten Beispielen aus. Die Anleitungen reichen von "Einmal um den Block gehen" über "Büro-Yoga" zu "Eine Woche 'Almhütte'", zu der sie notiert:

"Ich hatte kein Programm und keinen Plan, und doch hatte mein Tag eine Form. Ich sass im Schaukelstuhl und sah stundenlang in die Natur hinaus. Es entwickelte sich ein Gefühl des Bei-mir-Seins, des Im-Moment-Seins, einer tiefen inneren Stille, die durchwegs eine Art Meditation war – 24 Stunden lang. Aus dem Nichtstun hatte sich ein vollkommen anderes Lebensgefühl gebildet. Ich überliess mich völlig dem Moment und dem, was sich von selbst anbot."

Was Fleur Sakura Wöss hier beschreibt, ist so recht eigentlich das Gegenteil des hyper-aktiven Lebens, das unsere Zeit kennzeichnet. Keine Karriereziele sind hier gefragt, niemand muss wissen, wo er sich in fünf Jahren sieht, nur die Gegenwart gilt es zu erfahren.

Es geht nicht um Spektakuläres in diesem Buch, es geht um Alltägliches. Den wahren Rhythmus wiederzufinden, zum Beispiel, wozu gehört, Pausen zu machen. Doch was offensichtlich scheinen mag, ist vielen Menschen eben doch nicht wirklich klar. "Gerade Menschen in der Wirtschaft, die an Schaltstellen sitzen und für das (Arbeits-)Leben vieler Menschen verantwortlich sind, sollten zuerst ihr eigenes Leben in den Griff bekommen."

Das scheint mir allerdings etwas arg idealistisch gedacht. Sicher, das Coaching von Führungskräften ist in Mode und auch populär, doch Manager, die ihr eigenes Leben im Griff haben, funktionieren nicht mehr so gierig und rücksichtslos wie Manager im kapitalistischen System eben zu funktionieren haben. Zugespitzt gesagt: Zen zu üben (oder zu unterrichten), um des wirtschaftlichen Erfolges Willen, verkennt, worum es im Zen geht.

Nichtsdestotrotz: Innehalten ist ein gelungenes und hilfreiches Buch, reich an praktischen Hinweisen, die uns anleiten, gegenwärtiger und damit wesentlicher zu werden. 

Fleur Sakura Wöss
Innehalten
Zen üben, Atem holen, Kraft schöpfen
Kösel Verlag, München 2017.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Eine gleichgültige Gegenwart ertragen

Gewiß, du hast recht, Bester, der Schmerzen wären minder unter den Menschen, wenn sie nicht – Gott weiß, warum sie so gemacht sind! – mit so viel Emsigkeit der Einbildungskraft sich beschäftigten, die Erinnerungen des vergangenen Übels zurückzurufen, eher als eine gleichgültige Gegenwart zu ertragen.
Johann Wolfgang von Goethe
Die Leiden des jungen Werther 

Mittwoch, 27. September 2017

Niemand ändert sich freiwillig

Die Leser, die dieses Buch (Hans Durrer: Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung, Neobooks 2017) als Philippika gegen betreutes Denken begreifen, verstehen den Text richtig. Es könnte den Untertitel tragen ‚Diätetik der Sinnerwartung‘, was dem Anliegen des Autors sehr wohl entspräche, denn es geht ihm um eines: begreiflich zu machen, dass der Mensch, wenn er sich nicht endlich zum Nachdenken über die Um- und Missstände in seiner Vita aufrafft, er sich immer und immer wieder selbst ein Bein stellt, stolpert oder hinschlägt.

Dass es Durrer in aller Authentizität gelingt, dies zu verdeutlichen, liegt daran, dass die Form des elektronischen Publizierens gottlob etwas ausschaltet, nämlich das selbstverliebte lektorale Hineinredigieren in Autorentexte, die, entweder dem eigenen Weltbild diametral sind oder Dinge zur Sprache bringen, die Verlagsvorgaben nicht verantworten zu können glauben. Solche subtile Form der Zensur ist gang und gäbe, weshalb die ‚political correctness‘ immer weiter ausufert und vom Massenkonsumenten nicht einmal mehr bemerkt wird. Inwieweit dies ‚diplomierte Experten für die Seele‘ (S.23) infiziert hat, dürfte jeder Ratsuchende dann erfahren, wenn ihm verbale Injektionen verabreicht werden, die eine Einstellungsänderung bewirken sollen. Überhaupt dieses diplomierte Herumexperimentieren, welches auf der seelisch einfachen Wirkung beruht, nämlich der der Unterordnung des Probanden:‚Paradoxerweise erwarten wir von denen die Erlösung, die von unserem Gehorsam am meisten profitieren‘ meint Durrer auf Seite 51 und deutet damit auf die Angst vor Sanktionen hin. Recht hat er! Im Kontext mit dem, was er aus seiner Lebens- und Berufserfahrung im Umgang mit der fatalen Influenz von manifesten oder volatilen Süchten herleitet, stellt sich diese Unterordnung ebenfalls als eine Form der Sucht dar: der Sucht nach Gefallenwollen und einer Anleitung zum Ausweg aus einem seelischen Dilemma. Sei es das diffuse Leiden an der Welt, früher Weltschmerz genannt, oder ein ganz konkretes, gegenwärtiges Drama - egal wie, es nagt an den seelischen und körperlichen Kräften.

Durrer zeichnet die Situation folgerichtig so: ‚Niemand ändert sich freiwillig, denn das würde bedeuten, ein anderer Mensch zu werden. Und niemand will ein anderer Mensch werden, es sei denn, er muss‘ (Seite 6). Und darin liegt das große Pré seines Buches: Es leitet an, sich selbst zu akzeptieren, basierend auf der Erkenntnis, eine hilfreiche Hand auch zu ergreifen und nicht aus Angst vor dem eigenen Scheitern zurückzuweisen. In unprätentiöser Sprache aufbereitet und dem Leser ohne erhobenen Zeigefinger nahegebracht, wird dies zur echten Hilfestellung. Auch wenn der Autor es nicht wahrhaben sollte: Ihm ist ein Ratgeber geglückt, der dem Menschen Beine macht, so dieser in die richtige Richtung laufen lernen will, und der ihn dabei nicht als unwissenden Dummkopf dastehen lässt. Auch wenn es streckenweise mit vielen Zitaten eher essayistisch zugeht, so bleibt sein Grundanliegen doch unangetastet. Gut so!

J. Michael Baerwald
www.deutscher-buchmarkt.de

Mittwoch, 20. September 2017

Die grossen Kränkungen des menschlichen Grössenwahns

Schopenhauer hat die grossen Kränkungen des menschlichen Grössenwahns zusammen- und zu Ende gedacht.

Die kosmologische Kränkung: Unsere Welt ist eine der zahllosen Kugeln im unendlichen Raum, auf dem ein"Schimmelüberzug lebender und erkennender Wesen" existiert.

Die biologische Kränkung: Der Mensch ist ein Tier, bei dem die Intelligenz lediglich den Mangel an Instinkten und die mangelhafte organische Einpassung in die Lebenswelt kompensieren muss.

Die psychologische Kränkung: Unser bewusstes Ich ist nicht Herr im eigenen Hause.

Rüdiger Safranski
Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie

Mittwoch, 13. September 2017

Addicts are absolutists

Addicts – and I include alcoholics in the term – are absolutists. It's all-or-nothing with them. Indeed, their principal flaw is their inability to cope with a world that refuses to comply  with the picture of order or perfection toward which we basically all aspire. For an addict, it's Eden or nothing.

Lee Stringer: Grand Central Winter

Mittwoch, 6. September 2017

Mit dem Rauchen aufhören

Mit dem Rauchen aufhören, wie geht das?

„Ganz einfach so. Sie, Kriminalkommissarin Bettina Boll, hatte gedankenlos eine Kippe nach der anderen geplotzt, seit sie zwölf war, denn da waren ihre Eltern gestorben. Jetzt rauchte sie nicht mehr. Das war alles. Einen Entschluss dazu hatte sie nicht gefasst. Es war nur einfach nicht mehr notwendig.“

Monika Geier: Alles so hell da vorn

Mittwoch, 30. August 2017

Was ist die "Seele"?

Wie schreibt man über etwas, das man weder sehen noch hören, weder anfassen noch riechen kann? Der übliche Weg ist der in die Geschichte (Was meinten die alten Ägypter dazu?), fast genauso gängig ist es, gelehrte Zeitgenossen heranzuziehen. Psychiatrieprofessor Achim Haug, ein breit gebildeter Mann, der Jean Paul, Platon und andere mehr anführt, äussert sich zur Frage: "Was also ist die Seele?", wie folgt: "Auch in diesem Buch werden wir diese Grundsatzfrage nicht endgültig klären können. Wir werden uns ihr aber nähern, indem wir uns mit den Auswirkungen der Seele, insbesondere ihren Störungen beschäftigen."

Was also ist eine Störung? Oder eine Krankheit? Oder einfach nur ein Problem? Aber Probleme sind doch normal, jedenfalls die meisten, oder etwa doch nicht? Klar definierbare Antworten gibt es dazu nicht, doch es gibt Annäherungen, intelligentere und weniger intelligentere. Es hilft, wenn man auch den Zeitgeist und die kulturellen Verhältnisse mit einbezieht, denn was einstmals als krank (etwa die Homosexualität) gegolten hat, gilt heutzutage (jedenfalls in einigen Kulturen und  Gesellschaftsschichten) als normal.

Die heutige Psychiatrie geht davon aus, dass es sich "bei so gut wie allen psychischen Erkrankungen" um komplexe Zusammenhänge handelt, "also nicht nur eine identifizierbare Ursache vorliegt." So recht eigentlich würde das einem ja auch der gesunde Menschenverstand nahelegen. Wie auch diese Erkenntnis: "Patienten müssen ihre Belastungs- und Schutzfaktoren kennen lernen, die Belastungen in ihrem Leben so gut wie möglich vermindern und die Schutzfaktoren gleichzeitig systematisch stärken." 

Am Ergiebigsten ist Das kleine Buch von der Seele, wenn der Autor Beispiele aus seiner Praxis anführt. Da erfährt man Konkretes und Nützliches über ganz unterschiedliche psychische Erkrankungen wie etwa Schizophrenie, Depression, Manie, Angst-, Zwangs- und Belastungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Persönlichkeitsstörungen.

 Erläutert wird auch, was es mit dem Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell auf sich hat, "mit dem den Betroffenen die Entstehung von psychischen Krankheiten sehr einleuchtend erklärt werden kann" und was mit Patienten in psychiatrischen Kliniken geschieht. Bewusst wird einem dabei unter anderem, dass Psychiater (das Wissen um die Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente ausgenommen) auch nur mit Wasser kochen. 

Professor Haug sieht das dezidiert anders und trommelt in eigener Sache – als "Experte für die Seele" wird er im Klappentext vorgestellt. "Die Einstellung, jeder gute Mensch könne doch ein wenig helfend mitmischen, möchte ich Ihnen gerne gründlich austreiben." Bei mir ist ihm das zwar nicht so ganz gelungen, denn einiges für das Seelenheil Grundlegende, an dem sich jede Therapie orientieren sollte, ist neugierigen, reflektierenden und empathischen Menschen auch ohne psychiatrische Fachkenntnisse geläufig. "Zwei Prinzipien können wir also formulieren, die in ihrem Zusammenspiel grundlegende Lebensprinzipien sind. Die ständige Bewegung alles Lebendigen und die ständige Bemühung um ein Gleichgewicht der Kräfte."

Aufgeklärt wird man zudem über die psychotherapeutische Behandlung. "Alle drei von mir hier kurz beschriebenen Theorien – Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und Systemtherapie – sind jede für sich überzeugend und, was noch viel wichtiger ist, in der Praxis immer wieder erfolgreich." Da, wie bereits erwähnt, bei psychischen Erkrankungen meist komplexe Zusammenhänge vorliegen, erstaunt eine solch eindeutige Erfolgsmeldung.

Das kleine Buch von der Seele regt auch immer wieder zum Schmunzeln an. Etwa wenn der Autor der unpräzisen Medizin das Präzisionshandwerk Psychiatrie gegenüberstellt, wobei die Darstellung der nicht exakten Körpermedizin weit ausführlicher und exakter ausfällt als die eher allgemeinen Ausführungen zur präzisen Psychiatrie. Oder wenn er darauf aufmerksam macht, dass die Vorgängerin der heute allgegenwärtigen Evidenz-basierten Diagnostik die Eminenz-basierte Diagnostik war. "Natürlich ist das verkürzt, denn die Diagnosen meines Chefs haben auch auf Fakten beruht und waren sicher nicht seltener richtig als heute."

Achim Haug ist es darum zu tun, negative Vorurteile über psychisch Kranke zu relativieren. Das ist ihm gelungen. Das kleine Buch von der Seele ist eine differenzierte, höchst ausgewogene, gut geschriebene und lehrreiche Lektüre.

Achim Haug
Das kleine Buch von der Seele
Ein Reiseführer durch unsere Psyche und ihre Erkrankungen
C.H.Beck, München 2017