STANDARD: Die Welt kommt Ihnen erst besoffen vor, seitdem
Sie nicht mehr trinken, schreiben Sie in "Höhenrausch".
Was meinen Sie damit?
Jürgen Leinemann: Ich habe gesehen, dass sich nüchtern viele so
verhalten, wie ich im Suff immer war: immer der Riese meiner Träume
und der Zwerg meiner Ängste. Das andere ist: der
selbstzerstörerische Trend, den wir in allem und jedem haben. Selbst
wenn ich mir diesen Sommer anschaue, komm ich nicht umhin zu glauben,
dass wir ihn uns in dieser Intensität selbst eingebrockt haben. Oder
die Alpen, die abbröckeln: Das wird nicht allein an der Natur
liegen. Diesen Trend zur Selbstzerstörung, den finde ich besoffen
genug.
DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2006