Der
Platzspitz ist ein Park in Zürich, hinter dem Landesmuseum beim
Hauptbahnhof gelegen, der Ende der 1980er Jahre zum Treffpunkt von
Drogensüchtigen wurde und es als „Needle Park“ zu trauriger
Berühmtheit brachte.
„Platzspitzbaby“ ist die Geschichte von Michelle Halbheer, deren Mutter schwerst drogenabhängig ist und unter anderem auf dem Platzspitz verkehrte. Aufgeschrieben wurde sie von der Journalistin Franziska K. Müller, die im Vorwort darauf hinweist, dass in den letzten Jahren auch die Kinder von Süchtigen zum Expertenthema geworden seien (ob das zu begrüssen ist, sei einmal dahin gestellt). Dessen ungeachtet fühlen sich viele Ämter und soziale Einrichtungen nach wie vor hauptsächlich den Süchtigen verbunden. "Auch aus diesem Grund sollte manches Drama, das sich in drogenbelasteten Familien abspielt, nicht nur den süchtigen Eltern angelastet werden, sondern auch manchen stillen Helfern und Mitwissern im Hintergrund." Ganz unbedingt, will man da unverzüglich zustimmen. Genauso wie dazu, "dass es, um sich selber zu schützen, oftmals nur eine Entscheidung gab: die endgültige Trennung von jenen, die nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Umfeld zugrunde richteten."
Doch von
Anfang an: Michelle Halbheers Grossvater stammt aus Westafrika (ihm
wurde seinerzeit der Zutritt zu manchen Schweizer Restaurants
verwehrt), ihre Grossmutter wurde gelegentlich auf der Strasse
angespuckt und als Hure bezeichnet; ihre Mutter, Sandrine, erbte das
Temperament des Vaters – ungestüm und herzlich. In den Worten der
Tochter war sie „masslos in der Liebe zu mir und immer auf der
Suche nach dem Glück, das sie genauso wie das Unglück wie durch
eine Lupe stärker und intensiver wahrzunehmen schien als andere
Menschen.“ Ende der 1970er Jahre suchte Sandrine ihr Heil im
Heroin, einer Droge, „die so süchtig macht, dass Menschen, die ihr
verfallen, ihre Kinder verhungern und verdursten lassen, für einen
Schuss zu Mördern werden, sich für zehn Franken prostituieren.“
„Platzspitzbaby“ schildert eindrücklich „die Kraftlosigkeit, das Selbstmitleid, das mangelnde Verantwortungsgefühl“ der Süchtigen, führt einem überzeugend den destruktiven Ego-Trip der Abhängigen vor Augen und weist eindringlich darauf hin, wie fehlgeleitet Behörden, Ämter und Experten angesichts des Drogenelends agieren. „Auch heute sprechen sogenannt progressive Fachleute von Chancen und Motivation für die Junkie-Eltern und davon, dass ein Kind die Therapiewilligkeit der Heroinkonsumenten markant erhöhe. Diese falsche Zuversicht kostete mich und viele andere Kinder beinahe das Leben.“
Selten hat mich ein Text über die Auswirkungen der Drogensucht dermassen betroffen gemacht wie „Platzspitzbaby“. Weil er aufzeigt, dass Drogenabhängigkeit nicht nur ein Problem der Süchtigen, sondern ebenso sehr ein Problem der Angehörigen ist. Und das meint: dass ein Süchtiger nicht nur sich selbst zerstört, sondern auch alle um ihn herum.
In der
Schweiz leben mindestens viertausend Kinder (die Dunkelziffer ist
sehr hoch) in Familien mit Drogenproblemen. „Wieso haben Kinder von
drogensüchtigen Eltern bis heute keine Menschen im Rücken, die sich
für ihre Rechte einsetzen?“, wird am Schluss dieses aufwühlenden
Textes Peter Burkhard, der Gesamtleiter des Vereins für umfassende
Suchttherapie Die Alternative, gefragt. „Weil kleine Kinder als
ungefährlich betrachtet werden. Sie leiden still. Sie sind
machtlos.“ Da gilt es Gegensteuer zu geben und „Platzspitzbaby“
leistet dazu einen dringend notwendigen Beitrag.
Michelle
Halbheer
Platzspitzbaby
Meine
Mutter, ihre Drogen und ich
Geschrieben
von Franziska K. Müller
Wörterseh
Verlag, Gockhausen 2013