Sonntag, 6. April 2025

Leben & Sterben

Der Einstieg ist ganz wunderbar – die Begeisterung der Medizinethikerin Alena Buyx für ihre Arbeit ist gleichsam mit Händen zu greifen. Man wünschte sich mehr solcher Menschen; mir selber sind aus meiner Studienzeit in der Schweiz, Wales, Australien und Schottland nur gerade zwei Dozenten in Erinnerung, deren Begeisterung ich als ansteckend empfunden habe.

"Die Medizinethik beschäftigt sich mit dem guten und richtigen Handeln in der Medizin. Das kann sowohl die Entwicklung neuer Technologien betreffen als auch die konkrete Versorgung am Krankenbett." Alles klar, denkt es so in mir, doch kurz darauf stocke ich dann bei diesem Satz: "Es geht um Argumente und es geht um Gründe und Begründungen." In der Jurisprudenz ist das auch so, ja, so recht eigentlich ist das in allen akademischen Disziplinen so. Weshalb habe ich also gestockt? Weil ich es jetzt im Alter eigenartig finde, dass das moralisch Gesollte, Erlaubte und Zulässige von Argumenten und Begründungen abhängen soll. Ich weiss, ich weiss, so funktionieren wir nun einmal, sonderbar finde ich gleichwohl, dass "das Richtige" von einem guten oder besseren Argument entschieden wird. Doch zugegeben, das wäre eine andere Geschichte ...

Die leitenden medizinethischen Prinzipien sind: Das Prinzip des Respekts vor Selbstbestimmung von Patienten, das Prinzip des Nichtschadens, das Prinzip der Fürsorge/des Wohltuns, das Prinzip der Gerechtigkeit. Natürlich kommen da auch die Juristen ins Spiel ... und das ist ein Problem (das in diesem Buch allerdings nicht zur Sprache kommt), denn die Juristerei ist hauptsächlich ein Geschäftsmodell, weshalb sie denn auch ein Interesse daran hat, die Dinge zu verkomplizieren, sonst könnte schliesslich jeder und jede mitreden – und aus wär's mit dem Geschäft. Alena Buyx hingegen bezieht die Leser und Leserinnen mit ein, fordert sie auf, sich eigene Gedanken zu machen.

Leben & Sterben ist ein gutes und anregendes Buch. Ich will das an drei Beispielen erläutern bzw. ausführen, was diese bei mir ausgelöst haben.

Beispiel 1: Zwei frühgeborene Zwillinge, Tim und Mark. Mark entwickelt sich gut, Tim hingegen musste bereits dreimal reanimiert werden und erlitt zwei Gehirnblutungen. Die Eltern, beides Ärzte, wollen, dass die lebenserhaltende Behandlung bei Tim eingestellt wird. Tims Vater: "Was sie hier noch mit ihm machen, ist doch Quälerei, das bringt doch nichts! Und was er dann vor sich hat, das ist doch kein Leben. Ausserdem entscheiden immer noch wir, die Eltern, was sie mit unserem Kind machen dürfen und was nicht."

Meine gleichsam automatische Reaktion darauf: Der Mann hat Recht. Und fast gleichzeitig denkt es in mir: Eltern, die ihre Kinder als ihnen gehörig, also als Besitz bzw. Eigentum betrachten, sind nicht richtig bei Trost. Dazu kommt: Wer sich von angstgeplagten Vorstellungen leiten lässt, unterschätzt die Resilienz des Menschen, dessen Biologie ihm zu leben vorgibt.

Das medizinische Team sieht die Lage anders als die Eltern, auch natürlich, weil es emotional distanziert bzw. nicht so nahe dran ist. Für das Team hat Tims Wohlergehen Priorität, müssen die Rechte der Eltern  hintanstehen. Aus diesem Grundsatzentscheid ergibt sich alles Weitere. Es folgen viele Gespräche mit den Eltern, die schliesslich einwilligen, Tim leben zu lassen.

Und so ist die Lage heute. "Tim hat einen schweren Sehfehler und trägt, seit er zwei Jahre alt ist, eine dicke Brille. Er ist sehr klein und zart gewachsen und wird wohl immer deutlich kleiner sein als Gleichaltrige und auch als Erwachsener vermutlich die 1.60 nicht erreichen. Abgesehen davon ist Tim gesund und munter, geht in die dritte Klasse der Grundschule, ist klug und witzig und ein beliebtes sonniges Kind. Ein gutes Leben." Soweit Alena Buyx, die sehr wohl weiss, dass es auch ganz anders hätte ausgehen können. 

Gefragt habe ich mich, wie Tim und seine Eltern das heute sehen? Denn die Frage ist ja nach wie vor: Was ist eigentlich, ein lebenswertes Leben? Als ich einmal einem brasilianischen Neurochirurgen sagte, ein Leben im Rollstuhl hielte ich für mich nicht für lebenswert, erzählte er mir von einem Patienten, der genau dasselbe gesagt habe, dann im Rollstuhl gelandet sei – und sein Leben wider Erwarten lebenswert gefunden habe.

Beispiel 2: Zu Beginn ihrer Hauptvorlesung fragt Alena Buyx ihre Studenten jeweils, wie sie sich ihren eigenen Tod vorstellten. Die Antworten gehen von im eigenen Bett einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen bis zu umringt von seinen Liebsten friedlich einzuschlafen. Sterben auf der Intensivstation oder im Altenpflegeheim, wo 70 Prozent sterben, schwebt so recht eigentlich niemandem vor. Nichts könnte deutlicher zeigen, in was für Illusionen wir Menschen unser Leben verbringen. Leben & Sterben bietet Gegensteuer.

Beispiel 3: Aktive Sterbehilfe ist in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg seit einigen Jahren nicht mit Strafe bedroht, in Deutschland schon. Die Argumente für und wider sind differenziert und intelligent; den Ausschlag gibt das eigene Menschenbild. Wer davon ausgeht, dass der Mensch weiss, was er tut, wird wohl für Selbstbestimmung plädieren (offenbar gehen auch die Gerichte zunehmend in diese Richtung, was natürlich mit dem juristischen Menschenbild zu tun hat, gemäss dem der Mensch einen freien Willen haben muss). Wer hingegen das Leben als Schicksal begreift (also nicht davon ausgeht, dass er oder sie Kontrolle über das Leben hat), sieht das naturgemäss anders. Wer versteht, dass Entweder/Oder die Realität nicht abbilden kann, kommt möglicherweise zu Alena Buyxs schöner und lebensgerechter Schlussfolgerung: "Ich würde also zusammenfassend, die prinzipielle ethische Zulässigkeit der aktiven Sterbehilfe bejahen, aber ich plädiere nicht dafür, sie einzuführen."

Leben & Sterben ist ein vielfältig überzeugendes und höchst anregendes Buch, das die Auseinandersetzung lohnt. Einerseits, weil die Autorin nicht mit ihrer Meinung zurückhält, aber eben auch darlegt, wie sie dazu gekommen ist. Andererseits, weil das kein theoretisches (und damit unverbindliches) Werk ist, sondern Lebensfragen (anhand konkreter Fallbeispiele) auf ihre ethische  Tauglichkeit (die Würde des Menschen ist unantastbar) prüft.

Alena Buyx
Leben & Sterben
Die grossen Fragen ethisch entscheiden
S. Fischer, Frankfurt am Main 2025

Mittwoch, 2. April 2025

Stimmen im Kopf

Matthew Johnstone wollte bei diesem Buchprojekt anfangs nicht so recht mitmachen, da er sich bei seiner Arbeit gern auf das beschränkt, das er selber erlebt hat und daher gut kennt. "Doch wie es immer so ist: Nachdem ich meinen Widerstand überwunden und angefangen hatte, war ich begeistert bei der Sache ...". Man kann (und darf und soll) daraus lernen: Wer etwas ändern will, muss verstehen, dass es wesentlich darum geht, seinen Widerstand gegen Veränderung zu überwinden.

Lauren Kennedy West ist selbst von einer schizoaffektiven Störung betroffen und betreibt den YouTube-Kanal 'Living Well with Schizophrenia'. Sie will nicht nur aufklären, sondern auch Empathie ermöglichen.

Stimmen im Kopf ermöglicht tatsächlich Empathie, jedenfalls gehörte diese Empfindung zu den Auswirkungen, die dieses Buch auf mich hatte. Das liegt, so stelle ich mir vor (wissen kann man das nicht), an den ansprechenden Illustrationen, denn Gefühle werden bekanntlich mittels Bildern übertragen.

Dazu kommt, dass Stimmen im Kopf aufklärt. Etwa darüber, dass manche glauben, Menschen mit Schizophrenie seien gefährlich oder litten unter extremem Kontrollverlust. Ja, das kommt vor, doch sehr selten.

Schizophrene leben einen Grossteil der Zeit wie alle anderen auch, doch gibt es eben auch immer wieder Phasen, die von Fehleinschätzungen geprägt sind, und in denen ihnen selbst überschaubare Aufgaben zum Problem werden.

Woher die Schizophrenie kommt, weiss man nicht wirklich. Also rätselt man, woher es kommen könnte, dass man Stimmen hört und Dinge sieht, die gar nicht da sind.

Dieses höchst ansprechende Buch handelt davon, wie man mit besonderen Herausforderungen ganz gut leben kann. Dafür braucht es auch das Wohlwollen der anderen sowie die Unterstützung, die man in Selbsthilfegruppen finden kann.

Fazit: Sympathische Aufklärung, die hoffentlich viele erreichen wird.

Stimmen im Kopf
Wie ich lernte, meine Schizophrenie zu akzeptieren
zu verstehen und gut mit ihr zu leben
Kunstmann, München 2025

Sonntag, 30. März 2025

Welterklärungen

 Warum?, fragt das Kind. Und dann, weil ihm die Erklärung nicht genügt, gerade noch einmal: Warum? Warum? Warum?

Der Mensch braucht Erklärungen, will wissen, weshalb die Dinge sind, wie sie sind. Nur eben: Seine Erklärungen kümmern die Welt nicht, denn sie ist nun einmal wie sie ist, mit oder ohne unsere Erklärungen.

Santa Cruz do Sul, 16. Dezember 2023

Mit unseren Welterklärungen wird uns mehr genommen als gegeben. Sie erklären nichts, setzen nur an die Stelle eines Geheimnisses eine Gewohnheit zu denken, schrieb Hans Albrecht Moser in "Vineta".

Es ist dies einer der Sätze, die mich schon seit Langem begleiten und ich immer wieder neu erfahre. Auch wenn ich davon ausgehe, dass der innerste Kern meiner Persönlichkeit mein Leben lang unverändert geblieben ist, meine Welterklärungen in jungen Jahren haben sich grundlegend gewandelt. So begriff ich einst die Juristerei als Ringen um die Wahrheit, heute sehe ich darin nur noch ein Geschäftsmodell. Ebenso die Psychologie, die Geschichte, die Soziologie ...

 Auch wundere ich mich heutzutage zunehmend über den Schwachsinn, den wir verinnerlicht zu haben scheinen. So werden wir etwa ständig daran erinnert, dass jemand als unschuldig zu gelten habe, bevor er juristisch verurteilt worden sei, was zu Absurditäten führt wie "der mutmassliche Verdächtige". Zudem: Ein Täter, der bei der Tat gefilmt wurde, ist kein mutmasslicher Täter, sondern ein Täter. Es braucht keine Gerichte, um uns zu sagen, was wir alle selber sehen können. Sich von solcher Bevormundung zu verabschieden, täte uns allen gut.

Mittwoch, 26. März 2025

Vom Leben mit der Endlichkeit

Dass wir jederzeit sterben können, wissen wir. Eigenartigerweise berührt uns das nicht, und wenn, dann höchstens für Momente. Den meisten ist das recht so, sie wollen nicht an den bevorstehenden Tod erinnert werden.

Die Beschäftigung mit dem Tod wird gescheut, da können die Philosophen noch so überzeugend argumentieren, dass damit das Leben lebenswerter wird. Schon möglich, doch wir haben gerade Anderes zu tun, sagen wir dann.

Doch manchmal holt uns das Leben ein. Katja Lewina, 1984 in Moskau geboren, studierte Slawistik sowie Literatur- und Religionswissenschaften. Im Alter von sechsunddreissig erfährt sie, dass sie einen Gendefekt geerbt hat, der zu einem plötzlichen Herztod führen kann. Seither ist ihr ein Defibrillator implantiert worden, der dafür sorgt, dass die gefährlichen Herzrhythmusstörungen im Zaume gehalten werden.

"Wäre mein Leben ein Film, wäre das ein Moment der Epiphanie gewesen." Nur eben: Das Leben ist kein Film. Dazu kam: "Nur wenige Monate zuvor war Edgar, mein siebenjähriger Sohn, gestorben." Wie hält sie das bloss aus? Wie geht sie damit um? Sie erkennt: "Im Grunde sind wir, wer wir sind, und ändern uns, wenn überhaupt, erschreckend langsam. Und doch, Veränderung ist möglich, wenn wir ihr den Boden geben, den sie braucht." .

Sehr schön zeigt sie auf, wie unsere Vorstellungen vom Leben dem realen Leben im Weg stehen. Katja Lewina gibt so gut wie möglich Gegensteuer, was ihr auch immer wieder gelingt, und dann auch wieder  nicht. Dass sie diese wenig befriedigende Situation (das wirkliche Leben ist so!), die sie überzeugend schildert, zu rationalisieren versucht, finde ich zwar verständlich, doch kontraproduktiv, denn es ist unser Rationalisieren bzw. unsere gewohnte Art zu denken, die uns daran hindert, uns zu ändern.

Andererseits: Die Dinge einfach so zu nehmen, wie sie nun mal sind, scheint uns Menschen nicht wirklich möglich. Wir brauchen Erklärungen. Und wir wollen Antworten. Und vor allem wollen wir uns nicht am Lebensende vorwerfen müssen, nicht gelebt zu haben. Katja Lewina ist zuversichtlich:" ... werde ich nicht eine dieser Sterbenden sein, die auf ihrem Totenbett alles Mögliche bedauern." Diese Sicherheit geht mir  ab. Auch natürlich, weil ich selber nicht wirklich weiss, was ein gelebtes Leben sein soll, da mir alles Vergangene wie ein flüchtiger Traum erscheint.

Katja Lewina schreibt gut, intelligent, leicht und locker. Ihre Einsichten sind einerseits gescheit und hilfreich ("... je mehr wir uns erlauben, wir selbst zu sein, desto leichter fällt es uns, anderen das Gleiche zuzugestehen:"), und andererseits (der Mensch, das soziale Wesen) ausgesprochen konventionell ("... unsere Beziehungen sind uns das Wichtigste auf der ganzen Welt."). Was mich selber angeht (und ich halte mich nicht für speziell oder gar für eine Ausnahme): Meine wichtigste Beziehung ist die zu mir selber; sie hängt nur unwesentlich (falls überhaupt) von anderen ab.

Was ist schon für immer ist ein sehr gelungener Mix aus hellsichtiges Erkenntnissen (von Seneca über Feuerbach zu Anastasie Umrik) und der Lebenswirklichkeit des Alltags (als Freiberuflerin mit Kindern, der manchmal die Energie auszugehen scheint, kann man sich nicht ausschliesslich an philosophischen Idealen ausrichten). Entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung ändert man sein Leben wegen einer lebensbedrohenden Diagnose nicht von heute auf Morgen, denn einerseits ist da der Alltag, um den man sich kümmern muss, und andererseits die Patientenverfügung, die Vorsorgevollmacht und die Frage, welche Musik bei der Beerdigung gespielt werden soll.

Katja Lewina geht all diese Fragen pragmatisch, mit gesundem Menschenverstand, und mit Humor an. Ich fühlte mich gelegentlich an Woody Allen erinnert, der einst sinngemäss meinte, er sei ständig zwischen zwei Fragen hin und her gerissen. Einerseits, ob Gott wohl existiere, und andererseits, ob er sich einen Big Mac reinziehen solle.

Können wir uns auf den Tod vorbereiten? Nein, können wir nicht, doch unser Leben können wir wacher und präsenter erleben, wenn wir den Tod nicht ständig verdrängen. Davon handelt dieses interessante und nützliche Buch, das sich nicht auf eine Frage fokussiert, sondern das vielschichtige Neben- und Miteinander von allem Möglichen (und letztlich Unfassbarem) schildert, und dabei immer mal wieder unterstreicht, dass das Leben, um erfahren zu werden, sinnlich wahrgenommen gehört. "Meine Oma war für mich ein Zuhause gewesen, eins, das nach Dill duftete und nach Hefegebäck."

Fazit: Differenziert, unterhaltsam, und anregend.

Katja Lewina
Was ist schon für immer
Vom Leben mit der Endlichkeit
DuMont Buchverlag, Köln 2024

Sonntag, 23. März 2025

Eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade

Im Sommer 1998 bringt der amerikanische Schriftsteller Walter Kirn einen behinderten Jagdhund von Montana nach Manhattan – zu Clark Rockefeller, der den Hund via Internet adoptiert hat. So beginnt die fünfzehn Jahre währende Beziehung Kirns mit diesem reichen Sonderling, der sich dann jedoch als Serienbetrüger, Kidnapper und eiskalter Mörder entpuppt. Auch Walter Kirn selber wird als Opfer ausgelotet.

Bei dem vermeintlichen Clark Rockefeller handelt es sich in Wahrheit um Christian Gerhartsreiter, einen Psychopathen, den Kirn auf Anhieb nervig fand, „ein putziger kleiner Hobbit, der sich selber für so amüsant hielt, dass er etwas Wahnhaftes hatte.“ Er lässt sich von Rockefeller/Gerhartsreiter in Restaurants und Clubs ausführen, in seine Wohnung einladen („spartanisch und schmucklos ... die Kunst an den Wänden aber war kühn und gewaltig“) und ist von seinen Monologen hingerissen. Über Geld wird nicht gesprochen, auch dann nicht, als Kirn für seine Aufwendungen mit einem Check entschädigt wird, der nicht einmal die Hälfte seiner Ausgaben deckt.

Christian Gerhartsreiter, geboren 1961 im oberbayerischen Siegsdorf, geht mit ganz unterschiedlichen Identitäten („Alles war kopiert, angeeignet, nachgemacht ...“) durchs Leben. Als er durch Scheidung das Sorgerecht über seine Tochter verlor, kidnappte er diese, woraufhin er zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Während des Prozesses wurden verschiedene Aliase des falschen Rockefellers aufgedeckt. In der Folge wurde er angeklagt, 1985 John Sohus, den Adoptivsohn seiner damaligen Wohnungsvermieterin ermordet zu haben. Heute sitzt der zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe Verurteilte im Gefängnis von Los Angeles ein.

Walter Kirns Tatsachenbericht „Blut Will Reden“ beschreibt einerseits die Welt des Hochstaplers Gerhartsreiter und liefert damit ein eindrückliches Gesellschaftsporträt: „Im Showgeschäft, das die eigene Verlogenheit offen zur Schau stellt, hatte der aus Kalifornien Geflohene nicht landen können, aber an der Wall Street kam er gigantisch gut an.“

Andererseits versucht dieses Buch zu ergründen, wie der abstinente Alkoholiker Kirn auf diesen Psychopathen hereinfallen konnte. „Clark erkannte ein perfektes Opfer, wenn er eins vor sich sah ...“). Doch was war es, das Kirn zum Opfer machte? Hatte es damit zu tun, dass er Ritalin nahm? Diese Tabletten riefen nämlich „ eine Stimmung hervor, in der ich wahl- und unterschiedslos jederzeit zu allem bereit war.“ Oder hatte ihn womöglich sein Geltungsbedürfnis zur Zielscheibe gemacht?

Der Gründe sind wie immer viele. Auch des Hochstaplers Regiearbeit (und nicht etwa seine schauspielerischen Fähigkeiten): „... der Einsatz bestimmter Requisiten und die Art, wie er sich atmosphärische Schwingungen zunutze machte“ trug dazu bei, dass sich Kirn verführen liess. Wie auch die Tatsache, dass Clark literarisch hoch gebildet und ein begabter Causeur war. „Das Essen war nichts Besonderes, das Gespräch aber, als ich mich erst einmal darauf eingelassen hatte und Clark in Fahrt gekommen war, liess sich mit nichts vergleichen.“

Nicht unwesentlich dafür, dass Kirn auf Clark hereingefallen ist, ist natürlich auch, dass so ein Rockefeller-Zugang wunderbares Material für eine Geschichte, das Brot des Schriftstellers, liefert. Wie sehr man sich dafür verbiegen kann, beschreibt Walter Kirn einfühlsam, selbstkritisch und schonungslos: „Ich hatte mich ebenso sehr angestrengt, hinters Licht geführt zu werden, wie er daran gearbeitet hatte, mich hinters Licht zu führen. Ich war kein Opfer; ich war Mittäter.“

Walter Kirn
Blut Will Reden
Eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade
C.H. Beck, München 2014

Mittwoch, 19. März 2025

Unselfish actions

The view from my hotel room in Porto Alegre

After some brief strolls through the centre of town, I decided to head back to "my" hotel that felt so completely out of time that I quickly forgot the big city vibes that basically radiate ambition, and enjoyed the quiet comfort of the hotel room.

After a while I turned on the computer, skimmed the headlines and, almost immediatley, turned it off again. I simply can't stand this display of vanity and selfimportance anymore. Moreover, the rationalisations of my younger years (cultured men are informed, to know what's going on helps to understand the world) I nowadays find preposterous for the media, by directing our attention, distract and cloud our brains. They tell us what they think we should concentrate on: American, Chinese and Russian politics, really?

Some weeks ago, a Brazilian friend told me she had been a few days with a distant relative suffering from dementia, who's husband had to be hospitalised. Her family berated her: This relative never wanted to have anything to do with us. How could you now take care of her?

I do not know, my friend said, I just did it. And, needless to say, I did of course understand the thinking of my family. All families think like that. Moreover, I also think like that. 

But nevertheless, you did it. And, I bet it wasn't easy, I said. It wasn't, she replied. To me, this means you changed your cause-and-effect thinking (everything has to have a cause) by putting into practise what your subconscious hinted at.

To calmly observe one's subconscious (not to be confused with gut feeling or instinct) leads to an awareness that puts aside the usual scapegoat blaming and can manifest itself in unselfish actions. We can act ourselves into new ways of thinking.

Sonntag, 16. März 2025

Meine liebsten Schopenhauer-Zitate

Daß uns der Anblick der Tiere so ergötzt, beruht hauptsächlich darauf, daß es uns freut, unser eigenes Wesen so vereinfacht vor uns zu sehn.

Die Wilden fressen einander – die Zahmen betrügen einander.

Wenn Erziehung und Ermahnung irgend etwas fruchteten, wie könnte dann Senecas Zögling ein Nero sein?

Ein guter Vorrat an Resignation ist überaus wichtig als Wegzehrung für die Lebensreise.

Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand.

Was das Herz nicht aufnimmt, lässt der Verstand nicht rein.

Wir sollten stets eingedenk sein, dass der heutige Tag nur einmal kommt und nimmer wieder.

Die Wichtigkeit der Gegenwart wird selten sofort erkannt, sondern erst viel später.

Der Morgen ist die Jugend des Tages. Alles ist heiter, frisch und leicht. Wir fühlen uns kräftig und haben alle unsere Fähigkeiten zu völliger Disposition. Man soll ihn nicht durch spätes Aufstehen verkürzen, noch auch an unwürdige Beschäftigungen oder Gespräche verschwenden, sondern ihn als die Quintessenz des Lebens betrachten und gewissermaßen heilig halten.

Ich fand eine Feldblume, bewunderte ihre Schönheit, ihre Vollendung in allen Teilen, und rief aus: „Aber alles dieses, in ihr und Tausenden ihresgleichen, prangt und verblüht, von niemandem betrachtet, ja oft von keinem Auge auch nur gesehn.“ Sie aber antwortete: „Du Tor! Meinst du, ich blühe, um gesehn zu werden?“

Ich weiß mir kein schöneres Gebet, als das, womit alt-indische Schauspiele schließen: „Mögen alle lebenden Wesen von Schmerzen frei bleiben“.